Mutation im Revier – vom Uni-Gebäude zum Hotel

Bochum

In der Dämmerung ragen die zweimal sieben Stockwerke besonders eindrucksvoll in den Bochumer Abendhimmel: rechteckig, finstergrau, verlassen. Zwei Betonklötze im einst progressiven Kasten-Design der späten Sechziger, als der Hochschulausbau im Revier noch keine Grenzen kannte. Seit zwei Jahrzehnten aber stehen die akademischen Turmbauten zu Bochum ungenutzt im Rohbau, mitten auf dem Campus der Ruhruniversität (RUB). Bergsenkungen, so ein seit Generationen kolportiertes Gerücht, hätten die Statik des einst als Klinikum und zahnmedizinische Fakultät geplanten Gemäuers durcheinandergebracht. Betreten der beiden im RUB-Code als „MB“ und „MC“ („M“ für Medizinerausbildung, „B“ beziehungsweise „C“ für das zweite und dritte Gebäude der ‚,M“-Dreierreihe) gekennzeichneten Bauruinen sei nur unter Lebensgefahr möglich.

Zur blauen Stunde, wenn in den anderen Universitätsgebäuden die Neonlampen anflackern und sich Hunderte der mittlerweile gut 36 000 RUB-Studenten in überfüllten Seminarräumen auf Fensterbänke und Hörsaaltreppen hocken, huschen hier höchstens Ratten durch die menschenleeren Zimmerfluchten. Gegen Abend verbreiten die Betonrelikte längst vergangener Bildungseuphorie genau die wildwestliche Geisterstadtatmosphäre, die den Schritt beschleunigt.

Anfang des Semesters aber gab die Universitätsverwaltung überraschend bekannt, „MC“ sei an einen Göttinger Bauunternehmer verkauft worden. Der wollte die geweihten Hallen in ein Kongreßhotel mit Restaurationsbetrieb umwandeln, nebst Appartementanlage mit Ruhrtalblick – für Gastdozenten. Kosten: rund 45 Millionen Mark. Das ehemalige Uni-Hochhaus bezahlt der Göttinger Vertragspartner in Naturalien. Für eine Million Mark baut er der RUB 375 Parkplätze.

Nach zwei Jahrzehnten hat man den grauen Moloch damit weit unter Wert verschachtelt. RUB-Pressesprecher Schulte-Middelich: „Man wollte wohl einfach jemanden festnageln, der einem die Unterhaltskosten vom Hals nimmt.“ Unterhaltskosten für ein in Beton gegossenes Mahnmal sozialdemokratischer Hochschulpolitik, die einmal bildungsfernen Arbeiterkindern mit Universitäten gleich vor der Haustür den Hochschulzugang erleichtern wollte.

Kein Platz für Studenten