Von Jürgen Krönig

London, im November

Nur wenige Briten arrangierten sich so kühl geschäftsmäßig mit den neuen Verhältnissen wie jene vier jungen Männer, die nach der Rückkehr aus Berlin einige Dutzend Betonbrocken aus dem Kofferraum ihres Autos luden. Ganz im Geiste der so viel beschworenen "Enterprise-Culture" der Thatcher-Dekade versprechen sie sich vom Verkauf einiger Tausend Mauer-Souvenirs ein blendendes Geschäft. Die meisten ihrer Landsleute aber sind von den Ereignissen im Herzen Europas bewegt. Bei vielen hat das Geschehen eine eigentümliche Mischung aus Freude über den gewaltlosen Sieg der Freiheit und unbestimmter Angst ausgelöst vor den Folgen, die niemand so richtig absehen kann, nicht einmal die klügsten Leitartikler und Politikerköpfe.

Ein junger Engländer erklärte: "Jeder, der sich nur fürchtet, begreift nicht, was dort wirklich abläuft", ein Wort, das unüberhörbar an die Adresse jener gerichtet war, die nur nach hinten blicken können. Vor allem Angehörige der jüngeren Generation erkennen oder ahnen zumindest, daß das atemberaubende Tempo, in dem sich derzeit in Mittel- und Osteuropa Geschichte vollzieht, bereits Ausdruck der "Neuen Zeiten", der heraufziehenden globalen Verwerfungen ist, wobei die Krise Gefahr und Chance zugleich in sich birgt. Die britischen Medien ließen in einer oft hervorragenden Aufarbeitung der Geschehnisse niemanden im unklaren darüber: Die "Revolution im Osten" brach nicht nur los wegen des Wunsches nach Freiheit und Konsumgütern; sie wurde auch gespeist von der Verzweiflung der Menschen über die ökologischen Desaster-Zonen, in denen zu leben immer unerträglicher geworden ist. Der Aufstand in den kommunistischen Staaten stellt so gewissermaßen das Gegenstück dar zur "grünen" Wende im Westen, der dort mittlerweile alle Parteien und Regierungen zumindest verbal Tribut zollen.

In der Reaktion der älteren Briten dominiert dagegen oft der Rückgriff auf alte Denkgewohnheiten und -kategorien. Kein Wunder, daß jene Stimmen auf Widerhall stoßen, die die Gefahr eines übermächtigen deutschen "Superstaates" an die Wand malen oder gar, wie der Times-Kolumnist Conor Cruise O’Brien, vom "Vierten Reich" sprechen, das ganz zwangsläufig den Blick wieder begehrlich nach Osten richten werde.

Sogar viele, die wissen, daß kein Nationalstaat im Zeitalter der Globalisierung und im Schatten der Nuklearwaffen so handeln kann wie noch vor fünfzig Jahren, treiben bange Fragen um: Wohin wird es die Deutschen ziehen? Erliegen sie der Verlockung der Einheit, auch wenn der Preis Neutralität heißt? Befürchtungen werden laut, daß selbst ein demokratisches Deutschland den Nachbarn schon wegen seiner ökonomischen Übermacht den Willen werde aufzwingen können. Wieder andere warnen davor, den Prozeß hin zur Wiedervereinigung zu verlangsamen, weil das erst recht einem gefährlichen deutschen Nationalismus Vorschub leisten würde.

Solche Sorgen werden noch verstärkt durch das weitverbreitete Gefühl, den neuen Entwicklungen ziemlich hilflos ausgeliefert zu sein. Der rasante Umbruch in Mittel- und Osteuropa konnte für Großbritannien zu keinem ungünstigeren Zeitpunkt kommen. Das Land ist gerade dabei, in eine Rezession abzurutschen, das Wirtschaftswunder der letzten Jahre erweist sich immer mehr als Illusion. Auf Großbritannien, meinen viele Wirtschaftsexperten, kommen angesichts der neuen Konkurrenz aus Osteuropa, alles Länder mit hungrigen Arbeitskräften und niedrigen Löhnen, harte Zeiten zu.