Die Mauer muß weg! Jahrelang, jahrzehntelang haben es alle gefordert. Jetzt, wo sie zwar noch steht, aber schon voller Löcher ist, ziehen manche einen Flunsch. "Die Reihenfolge der Änderungen war falsch", sagt Günter Grass. Da folgt er Bärbel Bohley vom Neuen Forum. Ihr Aufschrei: Das Volk sei verrückt geworden, die Führung habe den Verstand verloren. Die Oppositionsgruppen brauchten viel mehr Zeit, sich zu formieren; die Reisefreiheit könne den Demonstrationsschwung brechen.

Letztere Befürchtung ist bereits widerlegt. Es wird weiter demonstriert, allenthalben. Und hätte man die sechzehneinhalb Millionen DDR-Bewohner wirklich noch länger hinter Gittern schmachten lassen sollen – bloß damit die Opposition in Ruhe ihre Endlos-Diskussion hätte fortsetzen können?

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Eines ist seit dem 9. November – dem Tag, an dem die Mauer brach – zur Beruhigung vieler klargeworden: Die Landsleute von drüben, die nun frei zu uns kommen dürfen, gehen zum allergrößten Teil auch wieder zurück. Es hat keinen Massenausbruch nach Westen gegeben. Zehn Millionen Visa, an die 20 000 Genehmigungen zur endgültigen Ausreise, bei den Besuchern nur ein minimaler Schwund – diese Zahlen entkräften die alte Befürchtung, noch eineinhalb oder gar zwei Millionen DDR-Bürger wollten in die Bundesrepublik übersiedeln. Die Fluchtwelle ebbt ab.

Ob es so bleibt? Das hängt ganz von Tempo und Substanz der Reformen in der DDR ab. Bockt die Führung, versucht sie, das Volk auszutricksen, wird der Flüchtlingsstrom wieder anschwellen.

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"Wir werden jede Entscheidung, die die Menschen in der DDR in freier Selbstbestimmung treffen, selbstverständlich respektieren." So der Kanzler, so die Sprecher aller Parteien. Wenn die DDR-Bürger die Wiedervereinigung wollen – bitte. Wenn sie für sich zu bleiben wünschen – auch in Ordnung.