Von Robert Leicht

Nach den großen Demonstrationen die große Depression? Den Wochen der aufgewühlten Gefühle folgen nun für das Volk der DDR die Jahre der bitteren Ernüchterung. "Wir sind das Volk!", in diesem Zeichen wollen die Menschen im zweiten deutschen Staat ihr politisches Schicksal in die eigenen Hände nehmen. Bald werden sie erkennen, welches Unternehmen ihnen da überschrieben werden wird.

Honecker weg, die alte Garde des Politbüros aus Amt und Privilegien, die Mauer durchbrochen, die Straßen offen für Reden und Reisen – niemand hätte diese Wendung für möglich gehalten. Doch was nun, da aus dem revolutionären Akt eine reformerische Aktion werden soll? Partei und Regierung stehen in Ost-Berlin zwar unter neuer Führung. Aber wer könnte in SED-Generalsekretär Krenz, selbst in Ministerpräsident Modrow mehr sehen als Figuren eines Übergangs, die von Protesten und Problemen bald beiseite gedrückt werden? Und dann?

Egon Krenz glaubt offenbar selber nicht mehr an ein langes Verbleiben im Amt. Innerhalb wie außerhalb der SED fehlt es ihm an Kredit. Für seine Darstellung, er selber habe das Massaker abgewendet, das den Leipziger Bürgern am 9. Oktober drohte, findet sich kein berufener Eideshelfer. Der Fleiß, mit dem die Geschichte gleichwohl verbreitet wurde, hatte bisher nur eine Wirkung: Immer offener reden die Menschen darüber, daß die Führung damals entschlossen war, aufs Volk zu schießen.

Wird der Generalsekretär also den Protesten weichen müssen, so hat es Ministerpräsident Hans Modrow schwer, der Probleme Herr zu werden. Seine Regierungserklärung war eher das Resümee eines Konkursverwalters als die Eröffnungsbilanz eines Sanierers. Zum ersten Mal muß die Führung auf das Kunststück verzichten, auf das sie sich bisher so trefflich verstand, das Aufstellen von Plänen: "Nach Einschätzung des Ministers für Finanzen ist es derzeit nicht möglich, den Staatshaushaltsplan für 1990 zu bilanzieren."

Nach und nach wird das Ausmaß der Wirtschaftsmisere, in der die DDR steckt, erst richtig deutlich. In diesem Jahr reicht der Exportüberschuß nicht einmal mehr aus, die Zinsen auf die Auslandsverschuldung zu bedienen. Für die neunziger Jahre droht ein Schuldendienst, der das Zehnfache des Exportüberschusses ausmacht.

Jedwede Regierung der DDR stünde also vor einer Sisyphosaufgabe. Die Regierung Modrow hat sie wirtschaftlich wie politisch nur halbherzig angetreten. Der Ministerpräsident mag ein Redlicher sein – als ein Reformer hat er sich noch nicht erwiesen. Wirtschaftspolitisch will er zwar die Bürokratie vorsichtig entrümpeln; sie abzuschaffen, wagt er noch nicht. Politisch dreht er sich vorerst im Kreise.