Seit Michail Gorbatschow die Schleusen von Glasnost und Perestrojka öffnete, spült die Woge der Reform überall in Osteuropa die Orthodoxen hinweg. Erst 1988 in Ungarn; im Sommer 1989 in Polen; im Oktober in der DDR. Einer nach dem anderen verschwand in der Versenkung: Kádár, Rakowski, Honecker. Im November folgte ihnen Todor Schiwkoff; in Bulgarien ist jetzt Reform die Parole. Und nun erheben sich, 21 Jahre nach der Niederschlagung des Prager Frühlings, auch die Tschechen und Slowaken.

Es wiederholt sich in der Tschechoslowakei, was sich anderwärts schon abgespielt hat. Die Parteiführung macht Andeutungen, daß sie auf Erneuerung sinnt. Sie läßt die Menschen reisen. Sie hofft auf disziplinierten, kontrollierbaren Wandel. Aber dann entgleiten ihr mit einem Mal die Zügel. Sie läßt Demonstranten brutal niederknüppeln – aber die Demonstranten kehren wieder, verlangen die Ablösung der Führung, Reform und freie Wahlen. Aus Hunderten, die protestieren, werden Tausende, aus Tausenden Zigtausende, aus Zigtausenden Hunderttausende. Da helfen Schlagstöcke nichts mehr, nicht einmal Maschinengewehre Die Massen erdrücken die Milizen.

Noch ist es nicht soweit in der Tschechoslowakei. Doch viel fehlt nicht mehr. Der blutige Polizeieinsatz gegen die Prager Demonstranten am Freitag voriger Woche hat die Flamme des Aufruhrs nicht ausgetreten, sondern erst richtig entfacht; am Wochenanfang machte sich der Protest schon wieder Luft auf dem Wenzelsplatz. Die Uhr des Parteichefs Miloš Jakeš läuft ab. Spät schlägt nun doch noch die Stunde der Reformer. Alexander Dubček, der vorige Woche mitdemonstrierte und mitverhaftet wurde, wird seine Rehabilitierung noch erleben, nicht bloß in der Sowjetunion, sondern im eigenen Lande: nach 21 vertanen Jahren.

Unbewegt, unbeweglich bleiben bloß die beiden Balkan-Diktatoren: der walachische Mini-Mussolini Ceauşescu, der im Chor mit den Chinesen gegen Osteuropas Reformer wettert und vor dem Parteitag seine Grenze nach Ungarn schloß, und der skipetarische Parteichef Ramiz Alia, der das reformfeindliche Duett mit Fidel Castro singt und meint, mit einer Teilamnestie für politische Häftlinge könne er sich Wohlwollen erkaufen. Rumänien und Albanien, die Fußkranken unter den Völkern Europas, verbannen sich selber an den Rand des Geschehens. In Bulgarien und der Tschechoslowakei jedoch wird das bisher Undenkbare Ereignis: Die Mauern in den Köpfen stürzen ein. Theo Sommer