Offenburg

November 1939, auf den Straßen im Dorf erzählt man es sich nur hinter vorgehaltener Hand: „Der Attentäter ist ein Königsbronner.“ Keiner wollte den Kunstschreiner Johann Georg Elser mehr kennen, jeder in dem Dorf auf der Ostalb, nahe Heidenheim, hatte Angst vor der Gestapo. Die Nazischergen fielen in Königsbronn ein, verhörten das halbe Dorf, suchten nach Hintermännern. Sie wollten nicht glauben, daß ein einfacher Mann wie Elser das Attentat auf den Führer Adolf Hitler im Münchner „Bürgerbräukeller“ allein durchgeführt haben sollte.

Die Offenburger waren stolz, die örtliche gleichgeschaltete Presse jubilierte: Das „unerschrockene und geistesgegenwärtige Zupacken“ des Offenburger NSKK (Nationalsozialistisches Kraftfahrcorps)-Rottenführers Waldemar Zipperer hatte am 8. November 1939 in Konstanz, 200 Meter vor der „grünen Grenze“ zur Schweiz, zur Verhaftung des Hitler-Attentäters geführt. Dafür stieg Zipperer in der Parteihierarchie zum NSKK-Oberscharführer auf und wurde für seine „tapfere Haltung“ zum Zollassistenten ernannt, wie das Offenburger Tageblatt im Dezember 1939 berichtete.

Wer ihm da zufällig in die Arme gelaufen war, konnte Waldemar Zipperer an jenem Abend noch nicht ahnen. Denn zum gleichen Zeitpunkt hielt Hitler im „Bürgerbraukeller“ noch seine Rede, während Elsers Höllenmaschine in der Säule hinter ihm tickte. Pünktlich um 21.20 Uhr ging die Bombe hoch. Eine Kellnerin und 7 NSDAP-Parteigenossen starben, 63 Personen wurden verletzt. Hitler entkam dem Anschlag.

Nach Verhören und Folterungen durch die Gestapo gestand Elser am 14. November die Tat. Nun wurde Waldemar Zipperer gefeiert. Das Hauptorgan der NSDAP für den Gau Baden, Der Fuhrer, veröffentlichte auf der Titelseite ein Bild, auf dem der Staatssekretär im Reichsfinanzministerium, Fritz Reinhardt, Zipperer und seinen drei Kameraden in Berlin das vom Führer verliehene Zollgrenzschutz-Ehrenzeichen überreichte. Geld gab es auch. Immerhin waren 600 000 Reichsmark auf den Kopf des Hitler-Attentäters ausgesetzt.

Neununddreißig Jahre später, 1978, stand Waldemar Zipperer wieder im Rampenlicht. Diesmal wurde er mit dem Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet. Das Offenburger Tageblatt, dessen damaliger Chefredakteur Nies-Heinrich Lindschau wie Zipperer dem Lions-Club angehört, berichtet ausführlich. Zipperer hatte es zu etwas gebracht. Der heute 76jährige war damals unter anderem Besitzer von vier Ford-Vertretungen. Zipperer war ein wichtiger Mann in Offenburg, er beschäftigte rund 300 Mitarbeiter und machte einen Jahresumsatz von 40 Millionen Mark. Offenburgs SPD-Bürgermeister Martin Grüber, damals gerade zwei Jahre im Amt, hielt die Laudatio und heftete Zipperer den Orden ans Revers. Von Zipperers Vergangenheit sprach an diesem Freudentag keiner.

Auch das Staatsministerium in Stuttgart hatte an der Verleihung nichts auszusetzen. Trotz angeblich umfangreicher Recherchen zur Person Zipperers im Vorfeld der Verleihung stießen die Beamten auf nichts Anrüchiges in der Vergangenheit des Offenburgers. Offenbar wußten nur die Offenburger Bescheid. Rudolf Moosbrugger, für die CDU vierzig Jahre lang im Offenburger Stadtrat, erinnert sich heute noch genau an den Vorfall: „Als wir erfuhren, daß ausgerechnet Zipperer den Orden bekommen soll, waren wir platt.“