Von Ernst Klee

München

Im Mai 1828 tauchte in Nürnberg Kaspar Hauser auf. Unbekannte hatten ihn einige Wochen in einem Kellerverlies eingesperrt. Sein Fall erregte die Öffentlichkeit, er wurde in den Salons als Verbrechen am Seelenleben eines Menschen diskutiert.

Hundertsechzig Jahre später tauchte in München Brigitte Josefine N. auf. Sie war nicht einige Wochen, sondern ganze 39 Jahre hinter Heimmauern festgehalten worden: eine sozialstaatliche Variante des Hauser-Falles. Doch die Erregung hält sich in Grenzen.

Das Schicksal der heute 46jährigen Frau entschied sich am 18. August 1949. An diesem Tag erstellt ein Psychiater der Münchener Anstalt Haar ein Gutachten über die damals Sechsjährige. Der neurologische Befund ergibt wenig. Doch die soziale Diagnose dünkt dem Psychiater um so schlechter: Die Mutter ist geschieden, "schielt stark auf dem rechten Auge, hat schwer gelernt". Die sechsjährige Brigitte versucht, während der Begutachtung mit dem Arzt Kontakt aufzunehmen, zu ihrem Nachteil. "Das Kind ist äußerst lebhaft, geschwätzig, ständig abgelenkt, zudringlich", heißt es im Gutachten, "macht allerlei Faxen, flüstert dem Arzt etwas ins Ohr, nimmt alles mögliche in die Hand." Das Negative steht im Indikativ, das einzig Positive im Konjunktiv: "Soll flicken und brauchbar stricken können ..."

Der Arzt fällt sein Urteil: "Das Kind bedarf wegen seiner Umtriebigkeit, Eigenwilligkeit und krankhaften Lebhaftigkeit der Anstaltsversorgung." Drei Blatt umfaßt die Begutachtung. Man wagt es kaum zu schreiben: Nie wieder wird sich ein Arzt so eingehend mit ihr beschäftigen.

Am 7. September 1949 erfolgt die Aufnahme im St. Paulusstift in Neuötting, einer Einrichtung für geistig Behinderte. Das Haus wird von der Kongregation der Schwestern vom Heiligen Paulus geführt. Für Brigitte beginnt ein Leben ohne jede Förderung, die amtlichen Zeugnisse ihrer weiteren Existenz sind entsprechend spärlich. Da gibt es 1954 ein Gutachten des Anstaltsarztes, wonach sie an "Imbezillität" (leichtem Schwachsinn) und Epilepsie leidet. Da gibt es ein "Entlassungszeugnis" der Volksschule Neuötting, worin bescheinigt wird, daß Brigitte "wegen geistiger Unreife im hiesigen Paulusstift untergebracht (ist) und die Volksschule nicht besucht hat". Ein Zeugnis des Gesundheitsamtes Altötting aus dem Jahre 1975 attestiert der mittlerweile 32jährigen Frau in ganzen vier Zeilen die bekannten Diagnosen und eine Erwerbsminderung von hundert Prozent. Ob die Oberregierungsmedizinalrätin die Begutachtete überhaupt gesehen hat, ist unklar.