Nach anderen berühmten Metropolen wird Glasgow die europäische Kulturhauptstadt 1990. Geplant sind zahlreiche Ausstellungen, Konzerte und Theaterpremieren.

Glasgow galt seit eh und je als die häßliche Schwester Edinburghs, der schönen Metropole des Landes. Wer hätte noch vor zehn Jahren geglaubt, daß die 750 000 Einwohner zählende größte Stadt Schottlands die europäische Kulturhauptstadt 1990 sein könnte! Bis vor kurzem war der einstmalige Industriekoloß einer der black spots des Inselreiches. Und nun tritt er in die Fußstapfen von Athen, Florenz, Amsterdam, Berlin und Paris. Mit der Ehrung wird eine unerwartete Renaissance anerkannt.

Nachdem die schlimmsten Slums abgerissen wurden, begann man Anfang der achtziger Jahre, die Fassaden der zahlreichen viktorianischen und edwardianischen Häuser zu reinigen. 1985 öffnete das Scottish Exhibition and Conference Centre seine Tore. Wo früher häßliche Schuppen am Clyde-Fluß standen, sprießen heute Bäume und Blumen. Dem Konferenzzentrum folgten moderne Hotels.

Dann besannen sich die Schotten darauf, daß Glasgow bald nach dem Zweiten Weltkrieg das Scottish National Orchestra, das Scottish Chamber Orchestra und die Scottish Opera ins Leben gerufen hatte. Und man erinnerte sich an die zahlreichen Museen und Galerien. Zur Kelvingrove Park Glasgow Art Gallery and Museum kam die Hunterian Art Gallery der Universität.

Die Hochschule baute die Vorderseite des Hauses des Jugendstilkünstlers Charles Rennie Mackintosh in ihre Fassade ein und richtete das Heim mit dessen Originalmöbeln ein. Die "Burrell Collection" umfaßt 8000 Stücke der Sammlung eines Reeders und ist in einem außerordentlich reizvollen modernen Gebäude untergebracht. Last, not least kam in den letzten Jahren ein erstklassiges Museum of Transport zu den Sehenswürdigkeiten. Sie alle lohnen einen Besuch.

Trotz allgegenwärtiger Armut, die auch der Kulturjubel nicht beseitigen kann, verstanden es die warmherzigen, schwatzfreudigen und humorvollen Glaswegians schon immer zu feiern. Entsprechend beginnt das Jahresfest am Silvesterabend mit einem Feuerwerk. Sieben europäische Top-Pyrotechniker organisieren das farbenprächtige Spektakel. 1500 Darbietungen sollen im Laufe des Jahres folgen: darunter vierzig Musik-, Tanz- und Theater-Weltpremieren, zwölf erstklassige Orchester werden erwartet; geplant ist auch ein Konzert mit Luciano Pavarotti.

Kunstkenner können eine Van-Gogh-Ausstellung bewundern, auf einer "British Art Show" zeigen junge Künstler ihre Werke. Eine weitere Schau macht einen Ausflug in Glasgows Geschichte, ein Maifest sowie ein Jazz-Festival ergänzen das Festangebot, das dem Schottland-Urlauber im kommenden Jahr durchaus einen Umweg über Glasgow wert erscheinen läßt.

Julie Stewart