Von Bernhard Blohm und Rudolf Kahlen

Die Angebote waren verlockend. Nur 99,95 Mark kostete der Radiowecker, den ganz in Schwarz gehaltenen Hi-Fi-Turm gab’s für 349,95 Mark, den tragbaren Farbfernseher für lediglich 359 Mark – ohne Fernbedienung. Waldemar Gest allerdings kaufte sich am vergangenen Wochenende keines der Geräte, die in der Quelle-Filiale am Hamburger Rathausmarkt feilgeboten wurden. Der Elektriker aus Prenzlau bei Berlin hatte für seinen Wochenendausflug gerade die fünfzehn Mark bekommen, die es in der DDR einmal im Jahr als Reisegeld gibt, dazu den Begrüßungshunderter aus der Bundesrepublik.

„Damit kann man keine großen Sprünge machen“, sagte er. Das galt auch für die 450 Ost-Mark, seinen halben Monatslohn, den er für alle Fälle in der Brieftasche hatte. Das Geld war im Samstag in der Quelle-Filiale umgerechnet 45 Mark (West) wert. In der Kaufhalle, auf der anderen Seite der Straße, gab’s zur gleichen Zeit schon gar keine Ware mehr gegen DDR-Währung. Tags zuvor konnte man dort noch die Zehnerpackung Lux-Seife (5,95 Mark) für umgerechnet 82,71 Ost-Mark erstehen.

Nur bei Goodwill-Aktionen war das Tauschverhältnis der beiden Währungen erträglich. Fünf Ost-Mark kostete am Samstag vormittag der Eintritt ins Ufa-Kino am Hamburger Gänsemarkt. Filme wie „Sex, Lügen und Video“ und „Batman“ zählten zu den Rennern. Auf dem Rathausmarkt gab’s die ZEIT oder das stern-Sonderheft zur Novemberrevolution in der DDR für drei Ost-Mark. Vor den Filialen des Brillenkönigs Fielmann kostete eine mit Bananen und zwei Thermometern gefüllte Tüte fünf Mark Ost. Einige Autowerkstätten boten Reparaturen an Trabis zum Tauschverhältnis eins zu eins an.

Von solch gutgemeinten Offerten einmal abgesehen hat die Ost-Mark in jüngster Zeit extrem an Wert verloren – vor allem im Bundesgebiet. Nur in West-Berlin, dem derzeitigen Hauptumschlagplatz für DDR-Währung, war der Verfall nicht ganz so arg. Am frühen Morgen des 10. Novembers, die Mauer war wenige Stunden zuvor gefallen, hatten die Ostberliner in den Wechselstuben am Bahnhof Zoo zwölf, kurze Zeit später nur noch neun Mark für einen ihrer blauen, mit Karl Marx geschmückten Hunderter bekommen. Am Nachmittag aber stieg der Kurs der Ost-Mark wieder, weil sich einige West-Berliner mit DDR-Währung eindeckten. Der naheliegende Grund für viele: Sie wollen auf der anderen Seite der Mauer billig einkaufen, ob nun Fleisch oder Brot für den Alltag, die Modelleisenbahn oder die Kamera für Weihnachten.

Bis Mitte vergangener Woche garantierte die Dresdner Bank Berlin zehn Mark für den Ankauf von hundert Ost-Mark. Das war vor allem für Großkunden wie Kaufhäuser wichtig, die die DDR-Währung zu einem gesicherten Kurs an ihre Hausbank weitergeben wollten. Vom Mittwoch an jedoch war dieses Tauschverhältnis in Berlin nicht mehr zu halten. Plötzlich tauchten nämlich immer mehr Kofferträger in den Filialen der Kreditinstitute auf – mit 200 000, teils 300 000 Ost-Mark. „Das waren keine DDR-Bürger, die ihr Erspartes bei uns tauschen wollten“, meinte ein Sparkassenangestellter später, „das waren Leute, die ihr Schwarzgeld in harte Währung wechseln wollten.“ Sie hatten die gebündelten Banknoten im Trubel der Ereignisse von drüben herübergeschmuggelt.

Für einen Karl-Marx-Hunderter gab’s am Mittwoch nur noch neun, am Donnerstag acht Mark. Als am Freitag schließlich der Kurs auf sieben Mark fiel, tauschte kaum ein Ostberliner mehr. Immerhin hatte Hans Modrow am Vormittag in seiner Regierungserklärung vor der Volkskammer in Ost-Berlin gesagt: „Allen Bürgern, die ihr Geld auf Sparkonten haben, garantiert die neue Regierung die Sicherheit ihrer Einlagen.“ Der Beifall war besonders nach diesem Satz groß. Die Angst vor einer Währungsreform schien abzuklingen, der ruinöse Umtausch in harte West-Mark hatte sich für viele erst einmal erledigt.