Alle wollen nur das eine: ungebunden sein. Die Männer zappeln sich ab, eine Frau einzufangen, auf deren Nacken stehend sie dann, aller Haushaltsmühen und Gefühlsbemühungen ledig, ihren Berufungen leben können: sich selbst als Künstler, Bürger, vermeintliche Abenteurer zu entfalten und ihre Weiber (eventuell) zu sich heraufzuziehen. Die Frauen aber, in Familienschöße eingezwängt von Mädchenbeinen an, sehen ihren Ausweg nur über die Arme von Ehemännern: "Der Gedanke, sich frei zu wissen – und in die Fremde hinaus zu können; und sich auch nicht mehr wegen der Zukunft ängstigen zu müssen –", seufzt Bolette und dehnt ihre heiratsfähigen Glieder über und unter den Gartentisch, wo ihr früherer Lehrer spinnenbeinig schon bereitsitzt, sie sich einzuverleiben: "Und wie gut und friedlich und einträchtig wir zwei miteinander auskommen werden, Bolette!"

Von solchen Friedlichkeiten lahm geworden, trudelt Frau Ellida durch den Garten, seit sie, etliche Jahre ist’s her, ihre Hand dem Bezirksarzt Wangel gegeben hat, der eine zweite Frau und eine Mutter für die beiden Töchter brauchte. So war des Leuchtturmwärters Töchterlein in die Enge eines bergverstellten Fjordes und einer wohlgegründeten Familie geraten, und weil sie von der Sehnsucht nach der offnen See nicht loskam, nannte man sie "die Frau vom Meere". Und da hockt nun unsre Meerjungfrau, gefangen im dornigen Alltag, und wartet auf einen Prinzen, und als ob sie wirklich schliefe oder doch schlafwandle, so schwebt und schlurrt Cornelia Froboess durch Haus und Garten, wie nicht von dieser Welt, wie von gar keiner Welt, sondern aus einem fernen Eispalast.

Wenn Nora, die Frau im "Puppenheim", sich von ihrem Mann, nachdem er ihr die Flügel gestutzt hat, als "mein Singvögelchen" umgurren lassen muß, so hat sich Frau Ellida einen gläsernen Käfig, einen Wintergarten, errichten lassen, worein sie sich vor allen Zumutungen ihrer prosaischen Familie rettet, um ungestört ihrem fliegenden Holländer nachzuphantasieren, der sie eines Tages holen könnte: davon auf die ungestüme, die freie See, ins Wilde, Entfesselte (und es gruselt ihr vor diesem Tag der Entscheidung). Jenem fernen Schiffsmanne hatte sie sich einst heimlich verlobt, er ist ihr seither Hoffnung, Furcht und Ausflucht in einem.

Cornelia Froboess zeigt eine altersferne, jugendlose Frau (in trübstumpfen Wollkleidern), die sich ganz verweigert – sogar sich selbst; bei der alles zurückgenommen ist in Trotz und Erloschenheit; was auch passiert – es ist ihr egal, es hilft ja doch nichts, es kommt auf das nun auch nicht mehr an: das kann doch eine Seefrau nicht erschüttern. Nie wachgeküßt, schlurft und huscht sie mit leeren Blicken und läßt die Flügel hängen, bis sie umzukippen droht, und bei der Aussprache mit ihrem Mann über das unheimlich Vergangene und das (kaum) lockende Unbekannte geschieht dies auch: "Was rätst du mir?" nölt sie mit ihrer immer gleichen, tonlos ziehenden Leidensstimme, und ist dabei so sinn- und hilflos, so gänzlich entschluß- wie muskelgelähmt, daß sie vornübersackt auf den Teppich, und als hätte sie keine Knochen mehr, in ihn hineinschmilzt.

Der Glaspavillon ist in Jürgen Roses herrlich gewalttätigem Bühnenbild ein eckiges Vogelbauer, in das man, der Eisenstreben halber, gebückt hineinkriechen muß, und vorm Eingang – wie ein Hohn auf Meeresweiten – ist ein Planschbecken (ein Vogelbad), worin sich unsre ohnmächtige Meerjungfrau die nackten Füße netzt beim Durchstaksen. Den Garten umstellt ein flammroter Horizont, und ein ebenso lodernder Himmel liegt wie ein Deckel darüber; rechts und links wird das teuflische Rot von den schwarzgeschmierten Bergzacken des Fjords eingezwängt: So sitzen sie in ihrem Himmel-und-Hölle-Karton und spielen Erlösung auf der hellen, blumenbestreuten Wiese.

In tastenden, schließlich fast karnickelhaften Balz- und Kobolzereien mühen sich mehrere Männlein und Weiblein ab, einander zu kriegen und unterzukriegen, bisweilen wähnt man sich in Shakespeares "Sommernachtstraum", so bunt und gleisnerisch, so lügenhaft Gefühle ausspielend, wo nur Interessen sind, geht’s im Hause Wangel zu: "Es ist sehr spaßig hier jetzt", sagt der Maler Lyngstrand zu dem Mädchen Hilde, "alle Leute gehen paarweise. Immer zwei und zwei zusammen."

Da hat Ibsen (dessen Dramen sich ja stets wie ausgebuffte Krimis voller Täter und Opfer lesen, voll von Spuren und Rätseln und verräterischen Zufällen) stärker noch als in den meisten seiner andren Stücke in die Spielkiste gegriffen und das Feld mit Parallelhandlungen und Gegenmodellen bestückt, da führt er an den Jungen lockend vor, worunter die Alten gerade zerbröckeln und an diesen, was jene erwartet.