Der amerikanische Markt ist gesättigt – Führungswechsel bei Ford

Von Peter DeThier

Nach außen hin wird sich zwar kaum etwas ändern, doch hinter den Kulissen werden die Fetzen fliegen“, kommentiert der Investment-Banker David Lowell den Führungswechsel beim zweitgrößten amerikanischen Autohersteller. Ford-Chef Donald Petersen, der wohl angesehendste Manager in der amerikanischen Autoindustrie, gab jüngst überraschend seinen vorzeitigen Rücktritt bekannt. Der 64jährige Petersen, seit vierzig Jahren im Dienste der Ford Motor Company, erklärte auf einer Pressekonferenz ganz gelassen: „Schließlich wird man nicht jünger, und das Leben ist zu kurz, als daß ich mich von morgens bis abends nur noch um Autos kümmere.“

Im März 1990 wird nun Harold Poling, Petersens enger Freund und bisheriger Stellvertreter, das Ruder übernehmen. „Am Führungsstil wird sich zwar einiges ändern“, glaubt David Lowell, „doch die Probleme bleiben dieselben.“ Poling, den Kollegen als wesentlich temperamentvoller, energischer und ungeduldiger als Petersen beschreiben, übernimmt von seinem Chef in der Tat ein schweres Erbe. Die gesamte Branche droht nämlich in eine tiefe Krise zu schliddern. Auf dem amerikanischen Markt tummeln sich insgesamt dreißig Autohersteller, die mit über sechshundert Modellen bei den Verbrauchern für Verwirrung sorgen. Im vorletzten Quartal des laufenden Jahres erlitten die Großen Drei (General Motors, Ford und Chrysler) kräftige Umsatzeinbußen. Die Erlöse auf dem heimischen Markt purzelten um fast 28 Prozent. Und bis 1991 werden japanische Multis zehn weitere Produktionsstätten auf amerikanischem Boden errichten und den fast schon gesättigten Markt weiter überfluten.

Viele Experten rechnen damit, daß ein Preiskrieg zwischen den Amerikanern und ihren Konkurrenten aus Japan und Europa unvermeidlich sein wird. Ford-Manager Philip Benton sagt sogar voraus, daß „in zwei Jahren über zwei Millionen Autos Ladenhüter sein werden und an Massenentlassungen kein Weg vorbeiführt“. Den ersten Schritt in diese Richtung tat bereits Chrysler-Chef Lee Iacocca, der Anfang November ankündigte, daß er eine der größten Fabriken in Detroit schließen werde. Die Verkaufszahlen der Kleinwagenmodelle Dodge Omni und Plymouth Horizon blieben deutlich hinter den Erwartungen zurück, und nun haben 6300 Chrysler-Mitarbeiter das Nachsehen.

Mit der bevorstehenden Krise erklären auch Branchenkenner den plötzlichen und unerwarteten Rücktritt des beliebten Ford-Chefs. „Petersen gelang die dramatischste Wende in der Geschichte der amerikanischen Automobilindustrie“, kommentiert der Unternehmensberater Thomas O’Grady die Entscheidung. „Da ist es doch logisch, daß er auf dem Höhepunkt seiner Karriere sich elegant aus der Affäre zieht.“ Petersen wäre in achtzehn Monaten ohnehin in Pension gegangen. Und genau in diesem Zeitraum werden die Großen Drei ihre harte Bewährungsprobe bestehen müssen.

Der amtierende Ford-Chef bestreitet natürlich, daß er den bevorstehenden Turbulenzen aus dem Weg gehen will. „Wer vierzig Jahre im Geschäft ist“, verteidigt Petersen seinen Rücktritt, „macht so viele Hochs und Tiefs mit, daß er vor nichts mehr zurückschreckt.“ Er begründet die Entscheidung vielmehr damit, daß „die Arbeit einfach nicht mehr soviel Freude bereitet wie früher, und an der Spitze eines multinationalen Konzerns muß eine hochmotivierte Persönlichkeit sitzen“. Der sympathische, zurückhaltende Chef des traditionsreichen Unternehmens möchte sich nun sozialen Problemen, insbesondere der Verbesserung des amerikanischen Schulsystems, zuwenden. Daß er den Hut genommen habe, um seinem 64jährigen Freund Poling, der nun drei Jahre an der Spitze stehen soll, noch eine Chance zu geben, dementiert Petersen genauso wie Gerüchte um einen Streit zwischen ihm und Edsel Ford, dem Urenkel des Unternehmensgründers.