Von Peter Körte

Heldenbiographien oder Kriegserinnerungen in Romanform erfreuen sich gegenwärtig nur geringer Beliebtheit. Auch heroische Guerilla-Taten sind zum spröden Stoff geworden, seit sich herumgesprochen hat, daß die Revolution in Lateinamerika kein reines anarchistisches Vergnügen ist.

Der argentinische Autor Mempo Giardinelli hat gleichwohl den Mut aufgebracht, die Lebensgeschichte eines alternden lateinamerikanischen Revolutionärs aufzuzeichnen. Der sechzigjährige Don Juan Bartolome Gaite, genannt Bartolo, Major der paraguayischen Armee im argentinischen Exil, als Hersteller von Lehmziegeln dort nur mäßig erfolgreich, wartet seit neun Jahren auf das Startzeichen zu einer neuen Attacke gegen die Diktatur seines Heimatlandes. An mehreren Revolten war er beteiligt, drei Jahre hat er in Stroessners berüchtigten Gefängnissen zugebracht und trotzdem nie die Hoffnung aufgegeben.

„Sie werden entschuldigen, aber ich weiß nicht recht, wie ich das erzählen soll“, leitet der Major seinen Bericht über die beinahe siegreiche Revolution von 1947 ein. Ja, wie erzählt man davon? Giardinelli hat hier offenbar auch keine rechte Antwort gewußt. Er läßt Bartolo allgemeine Betrachtungen über das Leben anstellen, Strategiedebatten referieren, Detonationen und Gefechte beschreiben, ohne dem alten Haudegen dabei erzählerische Schützenhilfe zu leisten. Die Unentschiedenheit zwischen dokumentarischer Präzision und poetischer Imagination macht sich auch in der Erzählanlage bemerkbar. Die Erinnerungen werden zwar in zackigem Tonfall vorgetragen, bleiben jedoch meist farblos und wenig konkret. Man erfährt etwa, daß Männer in Uniform gern „ein bißchen herumhuren und so“ und überm Kriegshandwerk das Privatleben vergessen: „Habe ich Ihnen noch nicht erzählt, daß wir kurz zuvor geheiratet hatten? Ha, vergessen, im Eifer des Gefechts.“

Nur selten gewinnen Milieuschilderungen und Momentaufnahmen Plastizität, gelingen Giardinelli Portraitstudien wie in seinem Buch „Leb wohl, Mariano, leb wohl“, einer Sammlung „exemplarischer Lebensläufe“. Vor allem, wenn der Erzähler seinen Blick auf den Alltag in der Provinzstadt Resistencia oder auf das Familienleben des Revolutionärs von der traurigen Gestalt richtet, ist zu spüren, was sich aus dem Sujet hätte entwickeln lassen. Gern hätte man mehr gehört von Don Cerio, dem skurrilen Friseur, oder von Gelasio Ayala, einem Berufsverbrecher, den Bartolo im Gefängnis kennenlernt und der seine Unterweltkontakte in den Dienst der Revolution stellt. Nur selten vermengen sich Phantasie und Realität so, wie es eigentlich zu erwarten wäre bei einer Figur, deren Gedanken unablässig um die Revolution kreisen.

Giardinellis Motiv, in Bartolo einen trotz zahlloser Niederlagen ungebrochenen Kämpfer zu portraitieren, ist gewiß ehrenwert, ergibt aber literarisch nicht genug. Eine schlichte Biographie wollte Giardinelli nicht schreiben, die historische Authentizität mochte er aber auch nicht missen. Herausgekommen ist so ein Buch, daß weder als Roman noch als biographische Skizze überzeugt. „Die Revolution auf dem Fahrrad“ wirkt eher wie halbherzig bearbeitetes Rohmaterial, als habe Giardinelli gezögert, den Erinnerungen Bartolos eine bündige erzählerische Form zu geben.

  • Mempo Giardinelli: