West-Berlin

Wenn Henning von Löwis aufs Dach steigt, hat er den bequemsten Überblick von allen. So nah ist keiner dran. Von der Höhe seines Übertragungswagens sieht er locker über die mehrere Meter dicke Mauer hinweg, die sich vor dem Brandenburger Tor in einem weiten Halbkreis nach Westen bläht. Der blaue Studio-Lkw des Deutschlandfunks steht, dank guter Beziehungen zu den Berliner Behörden, so nah, nur Zentimeter vom DDR-Territorium entfernt, daß Henning von Löwis den Grenzposten, die auf der Mauer patrouillieren, ohne Probleme Pfefferminzbonbons zuwerfen und mit ihnen auch verbalen Kontakt pflegen kann. "Gibt es heut was Neues?" – "Nüscht."

Die Mauerstandsmeldung aus offiziösem Mund unter russischer Fellmütze gibt Henning von Löwis, der Redakteur aus der Ost-West-Abteilung, dann kurz darauf an seine Hörer weiter, live aus dem Ü-Wagen. Daneben Interviews mit Mauerbesuchern aus Ost und West, Hintergründiges zur weiteren Entwicklung in der DDR und natürlich den häufigen Hinweis, der Mann hat schließlich keine Fellmütze, daß es jetzt doch sehr kalt ist in Berlin, immer nahe am Gefrierpunkt. Bis zu vier Mal am Tag berichten der Redakteur und sein Kollege Falk Schwarz in den Informationsmagazinen des Kölner Senders: morgens, mittags, am frühen Abend und in der Stunde vor Mitternacht.

Oben auf dem Dach des blauen Ü-Wagens steht eine Kamera, die das Stilleben vor dem Brandenburger Tor, Pfefferminzbonbons lutschende Grenzpolizisten mit Fellmützen, in das warme Studioauto überträgt. Auch oben in der Kälte kann Henning von Löwis über Kopfhörer sein laufendes Programm hören – und wenn die Stunde X endlich kommt, wenn die Mauer vor dem Brandenburger Tor abgetragen wird, kann er direkt in jede Sendung hinein berichten, dafür ist alles vorbereitet.

Anfangs, in jenen Tagen und Nächten, als die Mauer stündlich zu fallen schien, hat er sich noch mit seinem Kollegen in Dauerschicht abgewechselt. Nun verläßt er sein Hotel morgens nach dem Frühstück und fährt zum Studiowagen, wie er normalerweise zum Kölner Sender fährt. Wenn er Hunger bekommt, braucht er nicht, wie die Mauertouristen, die Tag und Nacht, oft zu Hunderten, die Staffage für die Fernsehkameras bilden, die inzwischen installierten Verkaufsstände aufzusuchen, wo heiße Würstchen und Frühstückspakete, Bier und Cola, Kaffee und vor allem Glühwein ausgerufen werden.

Der Deutschlandfunk-Redakteur geht dann vielmehr nur ein paar Schritte von der Mauer weg zu einem hohen Drahtzaun, der von der Polizei bewacht wird und den nur Journalisten, Photographen und Techniker passieren dürfen. Dahinter sieht es aus wie hinter einem Zirkuszelt: Wohnmobile, Lastwagen, Kranautos, dicht an dicht. Beim Reportagewagen des ZDF schenkt Heinz Groß, Fahrer und technische Hilfskraft, freigiebig Kaffee und Eintöpfe aus der Berliner ZDF-Kantine nicht nur an seine elf Mainzer Kollegen, sondern an Journalisten und Kameraleute aus aller Herren Länder aus.

Fahrzeuge von dpa, Rias-TV, RTLplus, Sat 1, SFB stehen in dem Mediendorf. Gerade kommt die Produzentin von ABC News und bittet für eine Live-Übertragung die ZDF-Leute, wie gestern schon, um technische Unterstützung: "We need again your power." Man ist sehr hilfsbereit hier. Noch. Auf dem Kran neben dem Wagen von Heinz Groß wird gerade ein Kameramann eines Fremdsenders über die Baumwipfel gehoben, damit der SFB für seine Abendschau live vom Brandenburger Tor zwei ganz unterschiedliche Einstellungen präsentieren kann. Vor einer zweiten Kamera steht der frierende SFB-Reporter auf einer Tribüne, unmittelbar vor der Mauer, die vorigen Freitag für die Kamerateams und Photographen errichtet wurde. Eine zweite für "kabelunabhängige" Journalisten, also für die, die noch mit Block und Bleistift arbeiten, ist für die Stunde X vorgesehen. Sie soll dann aber kurzfristig errichtet werden. Das dauert schließlich nur ein paar Stunden, und in Berlin wird allgemein erwartet, daß, wenn denn endlich die Mauer am Tor abgedeckt wird, dieses rechtzeitig von der anderen Seite signalisiert wird.