Alle weinen – wir nicht mehr. Als wir hörten, daß auch Alfred Dregger weint, sind unsere Tränen sogleich versiegt. Natürlich wissen wir, daß wir uns damit selber das Urteil gesprochen haben: tränenlos, herzlos, vaterlandslos. Wir sollten uns schämen und uns ein Beispiel nehmen – ein Beispiel zum Beispiel an Bob.

Wer aber ist Bob? „Bob ist Berliner, inzwischen sechzig, einer der besten Photoreporter der Welt. Er ist ein cooler Junge. So schnell haut ihn nichts um. Seit vier Stunden, sagt er, sitzt er vor der Glotze und heult.“

Wir wüßten nichts von Bobs Tränen (und das wäre besser so), wenn Bobs Vorgesetzter, stern-Herausgeber Rolf Schmidt-Holtz, sie nicht vor uns in einem stern-Editorial ausgegossen hätte. Natürlich soll Bob (wie jeder von uns) so viel weinen (oder auch nicht weinen), wie er will. Aber der Himmel bewahre uns vor Chefs, die unsere höchst persönlichen Tränen zum nationalen Rührstück hochschnulzen.

Alles hätten wir ertragen: daß die Welt den Marschbefehl „Nationale Gesinnung!“ ausgibt und ihren toten Verleger Axel Springer als „die einzige moralische Instanz“ in Nachkriegsdeutschland feiert (es steht da wirklich: „die einzige“). Daß die FAZ seit zwei Wochen jede ihrer Ausgaben als nationalen Feldgottesdienst begeht und dabei ständig all jene onkelhaft zurechtweist, die nicht die gebührende öffentliche Erschütterung zeigen.

Doch mit Schmidt-Holtzens Botschaft an die Nation hatten auch wir endlich die Grenze erreicht, die Schmerzgrenze – und wenn wir schon nicht weinen wollen, so können wir doch heulen. Über des Herausgebers herzzerreißenden Intimbericht aus dem Zentrum des knallharten Journalismus („Sie hätten sie sehen können, die alten Haudegen mit den nassen Augen...“). Vor allem aber über den Herz-, Kern- und Schlüsselsatz der Epistel, der da lautet: „Wer da nicht gegen seine Tränen kämpfen muß, hat kein Herz.“

Man sollte nicht länger bei der naheliegenden Frage verweilen, ob es neben gefälschten Tagebüchern nicht auch gefälschte Tränen geben kann. Aber man sollte darauf hinweisen, daß Tränen (zumal solche, die vor laufender Kamera fließen oder mit Druckerschwärze gepanscht sind) keine zuverlässige Auskunft geben über die wahre Verfassung des Herzens. Denn es weinen die Kinder – aber auch die Kinderschänder. Es weinen die gequälten Demokraten – aber es weinen genauso (und manchmal sogar besser) die Folterknechte und die Tyrannen.

Natürlich ist es wunderbar, wenn nun „in den Herzen der Deutschen die Glocken läuten“ (Copyright: DIE ZEIT) – trotzdem sollte man gerade jetzt versuchen, auch auf die Kopfgeräusche der Nation zu achten. Man sollte sich daran erinnern, daß in politischen Dingen die gemischten Gefühle meistens ein zuverlässigerer Wegweiser waren als der große Überschwang. Man muß nicht mitsingen, man darf auch stumm zusammenzucken, wenn nun überall (vor dem Rathaus in Berlin, im Bundestag zu Bonn, im Fußballstadion zu Köln) machtvolle Männerstimmen das Deutschlandlied anstimmen, so laut wie falsch. Man muß nicht über alles gerührt sein, sondern darf auch weiterhin unterscheiden: zwischen großartigen Szenen, zweifelhaften und peinlichen. Zwischen wahrer Empfindung und falschem Theater.