Von Hans Dieter Weiser

Der Besuch im anderen Teil Deutschlands fiel in den September, in eine Zeit also, da viele DDR-Bürger ihr Land verließen und auf beschwerlichen Umwegen in die Bundesrepublik einreisten. Ich machte mich in entgegengesetzten Richtung auf den Weg, denn die Formalitäten für diesen Verwandtenbesuch hatten gedauert, und nun lag der Berechtigungsschein vor, gegen den ich am Grenzübergang Herleshausen-Wartha das Visum erhalten konnte.

Eine Stunde dauert es, dann sehe ich die Abfertigungsmaschinerie im Rückspiegel verschwinden. Vor mir öffnet sich die hügelige Landschaft Thüringens mit Eisenach und der Wartburg. Bald verdünnen sich meine westlichen Maßstäbe, die Szenerie zieht, auf hundert Stundenkilometer tempolimitiert, an mir vorbei. Erfurt, Weimar, Jena – nach geraumer Zeit passiere ich das Hermsdorfer Kreuz und erreiche vor Crimmitschau die alte sächsische Landesgrenze.

Sachsen, im Jahre meiner Geburt 1952 als eigenständige politische Größe verschwunden und in die Bezirke Dresden, Leipzig und Karl-Marx-Stadt aufgeteilt, umschreibt für mich als Nachkriegsgeborenen nicht vergessene Kindheitserinnerungen. Früher besuchten wir die Verwandten fast jährlich. Nun ist es zehn Jahre her, daß ich das letzte Mal dort war. Dort meint in meinem Fall den oberelbischen Landstrich zwischen Meißen und Dresden und die bekannten wettinischen Ausflugsziele: Schloß Moritzburg, Schloß Pillnitz, die Festung Königstein, das Elbsandsteingebirge mit der Basteispitze. Dort, das ist vor allem ein unscheinbares, vernachlässigtes Dorf mit uralten Kastanienbäumen und Obstplantagen, mit verwitterten Zäunen und verwilderten Gärten. Am späten Nachmittag erreiche ich in Dresden die Ausfahrt Wilder Mann und bin nach einer halben Stunde am Ziel.

Ich schlendere durch den Ort, der sich in all den Jahren kaum verändert hat. Der Weitwinkel meiner Kamera weist mich für zwei Jugendliche als „Westler“ aus. „Möchten Sie Geld tauschen?“ Ich möchte nicht und komme zum Bahnhof, einem stattlichen Bau der Jahrhundertwende an der Fernstrecke Dresden-Berlin. Drinnen wartet zwischen Ziegelschutt und notdürftig abgestützten Decken eine kleine Reisegruppe auf den nächsten Nahverkehrszug. Vom Bahnhofspersonal keine Spur; die Stimmung wirkt gereizt.

Das Mittagessen in „Adams Gasthof“ bei Schloß Moritzburg war nicht vorbestellt, eine gewisse Wartezeit für Kenner der DDR-Gastronomie also unvermeidbar. Gleichwohl weist uns der Kellner bald einen Platz zu, da der Touristenstrom um diese Jahreszeit langsam abklingt. Ich wähle einen Karpfen aus der Zucht der umliegenden Schloßteiche, dazu Butterkartoffeln und Rohkostsalat. Ein allgemein begehrtes Radeberger Pilsener ist nicht zu bekommen. Dann eben ein anderes. Es entschädigt eine freundliche Bedienung, der Preis für das Essen bleibt unter der Zehnmarksgrenze.

Das Moritzburger Jagdschloß will ich besichtigen, mit seinen Hofkutschen, Sänften und Karossen, die als Abglanz sächsischer Monarchie der Nachwelt erhalten geblieben sind und damals meine kindliche Phantasie beflügelt hatten. Wie modelliert fügt sich die imposante barocke Anlage mit der frischen, mariatheresiengelben Vorderfront in die sie umgebende Park- und Teichlandschaft ein. Über ausgetretene Sandwege führt ein Spaziergang zum nahegelegenen Fasanerieschlößchen.