Von Frank Busch

Großmutter, erzähl mir vom Krieg Und die Großmutter erzahlt „Da kamen die Amerikaner und haben uns die Bomben auf den Kopf geworfen Alles kaputt Da wo das Haus stand ein Loch Nur die Garage ist stehengeblieben Da haben wir dann gewohnt Und gleich wieder ins Geschäft Wir mußten doch leben “

Das Kind hört zu Das Kind ist sechs Jahre alt und weiß nichts vom Faschismus, nichts von dem Uberfall auf Polen, der Krieg, glaubt es, ist hereingebrochen wie eine Naturkatastrophe Die Großmutter hat ums Uberleben gekämpft, tapfer hat sie die unglaublichsten Abenteuer bestanden Noch jetzt ist sie ganz bewegt, wenn sie davon spricht Und das Kind merkt das

Geschichte ist Klassengeschichte Die Schulbucher lugen Wir wollen uns die Unterrichtsinhalte nicht langer vorschreiben lassen, wir wollen das Curriculum mitbestimmen

Der Schuler hört zu Er ist etwa vierzehn Jahre alt und hat bis jetzt nie einen solchen Ton im Gesprach mit dem Lehrer gehört Drei Sitzenbleiber haben ihn in die Klasse getragen, einer von ihnen hat einen Bruder, der in Berlin studiert Er sagt statt wichtig „relevant“, spricht von der Ökonomie und vom gesellschaftlichen Uberbau und kann die Lehrer in Diskussionen verstricken, die überhaupt nicht auf dem Lehrplan stehen Der Schuler bewundert ihn

Die Achtundsechziger-Generation irgendwann kam dieser Begriff auf, und da hat er gedacht, der sei auch auf ihn gemünzt Damals war er ungefähr vierzehn, ist einem „Bund kritischer Schuler“ beigetreten, hat Marx und Freud gelesen, „relevant“ statt wichtig gesagt und sein erstes Bier getrunken Er kam sich ziemlich erwachsen vor, bis er merkte, daß er nur die nachahmte, die zehn Jahre alter waren Die zehn, gar zwanzig Jahre früher Geborenen, sie waren die Achtundsechziger-Ge neration, sie hatten den Mief in den Universitäten erlebt und hatten sich dagegen gewehrt, er hatte nur ihre Argumentationsweise übernommen

1954 – ein Geburtsjahr ohne besondere Merkmale, ein unauffälliger Jahrgang Immer waren es die anderen, die protestierten, die Karriere machten In der Schule haben wir zugehört, in der Universität nachgesprochen, und spater haben wir gewartet Gewartet auf Lehrerstellen, Pfarrerstellen, Redakteurstellen, Dozentenstellen, Assistentenstellen und was nicht alles für Stellen Eine ganze Generation in Wartestellung Taxifahrer sind sie geworden, keine Psychologen, Kellner mit abgebrochenem Soziologiestudium oder Bioladenbesitzer mit abgeschlossenem Padagogikstudium