Seid nett zu ihnen!

Natürlich ging die ganze Sache eher verdeckt über die Bühne, denn so ein Bundesamt für Verfassungsschutz ist schließlich nicht die Heilsarmee, die mit Luftballons und Humba-Humba ihr neues Altenstift einweiht. Das prächtige neue Bundesamtsgebäude im Kölner Stadtteil Spitzelberg (Name von der Redaktion aus naheliegenden Gründen geändert), in dessen von außen selbstverständlich uneinsehbaren Räumlichkeiten ja schon seit Jahr und Tag Million um Million verschwand, wurde also letzte Woche in einer verschwiegenen kleinen Feierstunde seinen 2000 heimlichen Mitarbeitern in aller Stille übergeben – und zieht doch schon das staatsgefährdende Interesse der Öffentlichkeit unabweislich auf sich. Denn was, und diese Frage bewegt unsere Staatspräservierer selber, soll nun aus den 2000 und mehr Mitarbeitern werden – jetzt, da drüben alles „Stasi raus!“ brüllt? Wenn drüben schon die ersten Schnüffler auf Busfahrer umgeschult werden und – Glück auf, der Steiger kommt! – in den Berg einfahren? Ja, da geht auch hierzuland’ die große Flatter, da heißt es Obacht: Wenn dieser Funke erst mal überspringt... Deshalb haben die in der ÖTV gewerkschaftlich organisierten VS-Leute jetzt ihren Kollegen von der Stasi einen Brief geschrieben, in dem sie sie sozusagen ihrer vollsten Solidarität versichern: Der Nachrichtendienst gehöre (auch hierzulande) zu den unbeliebtesten Behörden und werde „als umfassende Bespitzelungs- und Überwachungsmaschine, als ein unkontrollierter Machtapparat und ein überaus tüchtiger Produzent von Pannen dargestellt“. Ja, so grausam können Menschen hier im Westen sein! Dabei habe man für die Zukunft nur die besten Vorsätze: Die „personenzentrierte Sammelleidenschaft“ solle eingeschränkt, ja, sogar die „Neugiergrenze“ zurückgenommen werden. (Obwohl’s dann eigentlich keinen Spaß mehr macht.) Ob die Staatssicherheitsschaffenden der DDR da nicht gerne mittäten? Vielleicht würde sie dann das Volk auch wieder mögen. Wenn nicht... Ja, wenn nicht, wenn das unverschämte Volk drüben die tüchtigen Kollegen einfach rausschmeißen sollte – da man so viele Busfahrer ja nun wirklich nicht braucht –, dann werden ihnen die Kölner sicherlich Asyl gewähren. Nur gut, daß jetzt der schöne, große Neubau steht – da ist gewiß doch noch ein halber Flügel frei.

West-Kunst-Ost

Bilde, Künstler, Rede nicht! Goethes Wort (und Motto zu seinen „Schriften zur Kunst“) war in diesen Tagen offensichtlich auch der stumme Wahlspruch der bildenden Künstler der DDR. Anders als die Herren und die Dame von der schreibenden Zunft haben Tübke, Sitte oder Heisig nichts von sich hören lassen – zum Glück, fügen wir hinzu, wenn wir an die verbalen Wendemanöver und Mogelpackungen von Hermlin bis Wolf denken. Reden müssen sie auch gar nicht, aber aktiv und tätig werden sie hoffentlich, wenn es an die Arbeit geht: an deutsch-deutsche Ausstellungen oder die Gründung eines jetzt von Künstlern und Museumsleuten von diesseits und jenseits der Elbe vorgeschlagenen Stiftermuseums für die internationale Kunst der Moderne, einzurichten in Dresden oder Leipzig. Die Bayerische Hypo-Bank machte einen Anfang, in dem sie 200 000 Mark für dieses Museum der Zukunft stiftete.

Die schönste Kriegsruine

Diese „Zeit der Veränderungen“ rumort, natürlich, in vielen Köpfen. Soeben hat der Dresdner Arzt Günter Voigt in München einen offenen Brief an den sächsischen Landesbischof Hempel veröffentlichen lassen und darin ein altes Thema hervorgeholt. Für den Wiederaufbau des Dresdner Schlosses, schreibt Doktor Voigt, gebe es schon zwei westdeutsche Stifter (und 170 Millionen Mark), warum also nicht jemanden finden, der sich mit ihm für die Rekonstruktion der Frauenkirche stark macht? Doch wäre es wirklich tunlich, ein barockes Bauwerk an der Wende zum 21. Jahrhundert einfach noch einmal aufzuführen, glatt zu wiederholen? Wäre es denn nicht ungleich ehrlicher – und auch schöner –, diese Ruine, die die eindrucksvollste Kriegsruine Deutschlands ist, so zu pflegen, wie sie ist: ein Gewölberest, ein Haufen mächtiger Werksteine, und nebenan die Statue Luthers, als sei sie da hinein komponiert? Statt nun all die schrecklichen Erinnerungen einfach in einem glanzvollen Barock-Neubau zu ersäufen? Hoffen wir, daß diese Ruine die etwas hektisch werdende „Zeit der Veränderungen“ übersteht. Spenden wir lieber für Besseres!