Von Percy Eckstein

Rom, Mitte November

Gleich allen anderen italienischen Blättern von Bedeutung ist auch die große römische Tageszeitung II Messaggero in Bonn durch einen Korrespondenten vertreten, der recht häufig und ausführlich über die ersten Schritte der deutschen Bundesrepublik wie überhaupt über heutiges deutsches Leben und seine Probleme berichtet. Kürzlich brachte nun der Messaggero einen Bericht über den Bonner Bundestag, der diese Versammlung unter einem für deutsche Leser wahrscheinlich ein wenig befremdenden, aber originellen Gesichtswinkel betrachtet. Unter der Überschrift „Zu wenig Baritone im deutschen Parlament“ wurden darin Stimmgewalt und oratorische Fähigkeiten der verschiedenen Bundestagsredner einer kritischen Würdigung unterzogen.

So wie in den Tagen eines Cicero, mißt der Italiener ja auch heute noch dem Organ und der Eloquenz jedes Redners große Bedeutung bei. Ob es sich nun um den Dorfpfarrer bei seiner Predigt handelt oder um einen kleinen Winkelanwalt, der vor Gericht die Sache seines Klienten verficht, immer wertet ein italienisches Publikum den Redner nicht nur nach dem, was er sachlich vorzubringen hat, sondern mindestens ebenso nach der Kunst seines Vortrages.

Das gilt natürlich in noch erhöhtem Ausmaß von dem parlamentarischen Leben Italiens: Ein guter Redner zu sein – das ist eine der elementaren Voraussetzungen für jeden italienischen Deputierten, weshalb ja hier, wie in allen anderen lateinischen Ländern, ein großer Prozentsatz der Parlamentarier aus dem Anwaltstande hervorgegangen ist.

Man versteht also die bittere Enttäuschung, die der Messaggero-Korrespondent während einer Sitzung des Bonner Bundestages empfunden haben muß. „Eine ärmliche, nackte Sprache ohne Blüten und ohne Aroma“, das ist sein Urteil über die Mehrzahl der Reden, die er da zu hören bekam. Und zu einem kulinarischen Bilde übergehend, meint er, es habe nicht nur keine rednerischen Leckerbissen für Feinschmecker gegeben, sondern „auch am einfachen Braten herrschte Mangel, und im Übermaß war nur der Eintopf vertreten“ – wobei er das Wort Eintopf in deutscher Sprache braucht.

Weiter heißt es dann Wenn einer der vielen Herren Doktoren das Wort ergriff – fast ein Drittel der Abgeordneten führe diesen Titel –, habe man kalte, bürokratische Ausführungen im Stil des Rechenschaftsberichtes einer Firmendirektion zu hören bekommen. „Wenn aber einer zum Angriff überging und sich in die Polemik stürzte, dann war seine Kampfesweise nicht die des eleganten Fechters, es blitzten keine geschmeidigen Klingen, sondern grobe Bajonette ...“