Von Reinhard Merkel

Wenn es ein allgemeines Merkmal großer Geister der Kulturgeschichte gibt, dann ist es vermutlich dies: daß jeder von ihnen Fragen, Probleme, Perspektiven vorweggenommen hat, die im Lebenshorizont seiner Nachwelten immer wieder die scharfen Umrisse des Bedeutungsvollen, des Unerledigten annehmen konnten und können. Das hat nichts mit einer Erkenntnis "ewiger Wahrheiten" zu tun. Auch Irrtümer haben gelegentlich Dimensionen, die für Ewigkeits-Karrieren ausreichen.

Hier ist einer: Vor über 200 Jahren unterzog Adam Smith im 5. Buch seines klassischen Werkes über den "Wohlstand der Nationen" die englischen Hochschulen seiner Zeit einer umständlich gelehrten, aber vernichtenden Analyse. Sie seien in einem Maße miserabel, daß man sie ohne größeren Schaden sofort schließen könne. Dies hätte sogar die angenehme Folge, daß ihre Lehrfunktionen von Privatpersonen übernommen und besser erfüllt würden. Die Ursachen lagen für den großen Nationalökonomen auf der Hand: Einkommen, Titel und Privilegien der Professoren würden öffentlich zugeteilt, finanziert und gesichert. Sie seien vor jedem Konkurrenzdruck eines freien Marktes, vor jeder Verbindung mit der jeweiligen Leistung der Hochschullehrer und damit vor jeder Verlustdrohung geschützt. Das habe zur Faulheit und Unfähigkeit der englischen Professoren geführt. Abhilfe verspreche allein ein rigoroser, marktorientierter Wettbewerb. Er garantiere bessere Leistungen, indem er sie ins empfindlich fühlbare Eigeninteresse der Professoren zwinge.

Der Vorschlag hat – in zeitgemäß entwickelten Formen – seit einigen Jahren erneut Konjunktur. "Differenzierung und Wettbewerb im Hochschulbereich" hieß 1984 das Jahresversammlungs-Thema der Westdeutschen Rektorenkonferenz. 1985 veröffentlichte der Wissenschaftsrat erste und 1988 erweiterte "Empfehlungen zum Wettbewerb im deutschen Hochschulsystem". Am 10. Dezember 1986 faßte der Bundestag die aus den akademischen Kulissen immer lauter summenden Töne in eine Entschließung: Die möglichst ausgreifende Konkurrenz der Hochschulen und ihrer Mitglieder solle gefördert beziehungsweise veranlaßt werden; dazu müßten die Hochschulen vor allem eine größere Freiheit bei der Auswahl ihrer Studienanfänger erhalten; die Funktion der Dortmunder Vergabestelle für Studienplätze (ZVS) sei entsprechend einzuschränken.

Vor diesem Hintergrund ist der Änderungsentwurf zum Hochschulrahmengesetz, den Bundesbildungsminister Möllemann im September vorlegte, eine plausible Zusammenfassung der zahlreichen Souffleurstimmen aus den Jahren zuvor. Er verknüpft eine Reihe allgemeinerer Fern- und konkreterer Nahziele, denen eines gemeinsam ist: Schon ihre Benennung strahlt ausnahmslos die Suggestion des Richtigen, Wünschenswerten, Zukunftsorientierten aus. Offen bleibt prima facie eigentlich nur die Frage, wie schnell das alles zu verwirklichen ist. Und höchstens noch die, warum man es nicht längst getan hat.

Dies nämlich: Eine allgemeine und dauernde Steigerung des Niveaus von Forschung, Lehre und Qualifikation der Studenten verspricht der Entwurf sich und uns durch mehr "Wettbewerb bei der Hochschulzulassung". Erreicht werde dieser durch eine "erweiterte Autonomie der Universitäten" bei der Auswahl ihrer Studienanfänger. Die Hochschulen sollten nach verschiedenen leistungsbezogenen Kriterien eigener Präferenz – etwa Abiturnoten oder persönliche Auswahlgespräche – die ihnen passenden Studenten selbst aussuchen. Das Verfahren sei behutsam und mehrfach abgestuft einzuführen: Nur Unis mit mehr Bewerbern als Studienplätzen (sogenannter Bewerberüberhang) sollten das Auswahlrecht erhalten, und zwar nur in solchen Fächern, für die die ZVS lediglich Studienorte verteile, jedem Bewerber also irgendwo ein Platz sicher sei. Auch in diesen (derzeit zehn) Fächern, sollten nicht alle, sondern zwischen fünfzig und siebzig Prozent der Plätze nach dem "autonomen" Modus vergeben werden.

Das nennt der Entwurf – wie es die Protagonisten dieser Pläne seit Jahren tun – "Wettbewerb um Studenten". Ein solcher Wettbewerb ziehe eine Kette wünschenswerter Konsequenzen nach sich. Er führe zu einer "stärkeren Differenzierung der Hochschullandschaft", indem er die einzelnen Unis zur Ausprägung individueller Leistungs- und Angebotsprofile stimuliere. Ein so erweitertes Angebot habe eine entsprechend größere Freiheit der Studenten bei der Wahl ihrer Studiengänge und -orte zur Folge; es motiviere sie zugleich, sich für ihren jeweils ganz speziell ausgesuchten Studienplatz auch besonders anzustrengen. Gut motivierte sind besser lernende Studenten. Diese forderten ihre Professoren stärker, nötigten sie also ebenfalls zu besseren Leistungen. Das bedeute eine Niveausteigerung in Forschung und Lehre, welche wiederum ... und so weiter ad infinitum einer schlechthin allseitigen Zufriedenheit.