Von Ullrich Schauen

Wenn Jean Pütz in der farbenfrohen Kulisse des WDR-Studios von Fläschchen zu Fläschchen schlendert, wenn er mit wippenden Bartspitzen erklärend seinen Zeigefinger auf eine Grafik legt oder die Kulturgeschichte der Seifen oder Kerzen erzählt, kann er sich einer treuen Seher-Gemeinde sicher sein. Seit fünfzehn Jahren ist seine Sendung Hobbythek ein Renner. Die Fans allerdings begnügen sich nicht allein mit dem Zuschauen. "Nirgends auf der Welt", so sagt der Wissenschaftsjournalist ohne falsche Bescheidenheit, "hat eine Fernsehsendung so viele Leute dazu gebracht, ihre Inhalte zu Hause noch einmal nachzulesen."

Tatsächlich ist die in den meisten Dritten Programmen ausgestrahlte Hobbythek (mit Einschaltquoten um die zehn Prozent immer in der Spitzengruppe) das Paradebeispiel für einen gut geölten Medienverbund. Bisher fünfzehn Millionen "Hobbytips" – bis zu 300 000 je Sendung – haben Insassen der Haftanstalt Köln-Ossendorf eingetütet. Der WDR verschickt die Tips kostenlos an Zuschauer, die wissen wollen, wie sie nach Fernseh-Anleitung Nudeln, Cremes, Shampoo oder Mini-Heißluftballons selbst fabrizieren können. Und der Kölner vgs-Verlag (früher "Verlagsgesellschaft Schulfernsehen") hat bisher rund eineinhalb Millionen Hobbythek-Bücher verkauft, in denen die Anleitungen genauer und bunter präsentiert werden – auf der Titelseite geschmückt mit Pützens Markenzeichen, seinem gezwirbelten Kaiser-Wilhelm-Bart. An der Konzeption der Sendethemen hat vgs-Verleger Heinz Gollhardt seit der ersten Hobbythek-Sendung mitgewirkt.

Seien es Nudel- oder Eismaschinen, Pilzkulturen oder elektronische Bausätze – von Beginn an sorgten Pütz und seine Mitarbeiter dafür, daß ihre Nachbastler erfahren, wo sie die Hobbythek-Zutaten kaufen können. Und wenn es sein muß, schaffen sie selbst eine Bezugsquelle: So lieferte der vgs-Verlag, in dem die "Hobbythek"-Bücher erscheinen, auch die Bausätze für ein "Lichttelephon", den Liedchen dudelnden, elektronischen Türgong und andere Spielereien.

Wirklichen Schwung bekam der Zubehörhandel aber erst mit dem Einstieg ins alltägliche Selbstrühren. Mit Sendungen zu "Cremes und sanfte Seifen" trafen Pütz und seine ständige Co-Tüftlerin Christine Niklas 1986 den Nerv eines industriekritischen Publikums, das nach Schadstoffskandalen gegenüber fertiger Kosmetik und Seifen aus dem Handel skeptisch geworden war.

Voller Vertrauen in die Ratschläge des Fernsehschnauzbartes ließen von einem Tag auf den anderen zigtausende Zuschauer an ihre Haut außer Wasser nur noch selbstgemachte Cremes und Seifen nach Hobbythek-Rezepturen. Mit erlesenen Ölen, Kräuterextrakten, Tensiden und eßbaren Emulgatoren rühren sie diese nach Verfahren, die Pütz ihnen in seiner Sendung zeigte, selbst. Nach Pütz’ Versprechen soll diese Kosmetik mindestens so gut sein wie die Spitzenerzeugnisse der Industrie; dazu noch billiger und im Zweifel besser verträglich.

300 000 Zuschauer forderten den Creme-"Hobbytip" beim WDR an. Die darin angebotenen Bezugsquellen – meist Chemiehändler – wurden mit Orders überhäuft. Unter den Bezugsquellen war auch der Gelsenkirchener Unternehmer Peter Kremer, der acht Jahre zuvor schon einmal für eine erste, eher hausbackene Hobbythek-Creme Zutaten versandt hatte. Er erkannte jetzt seine Marktchance und schwenkte voll auf Pütz-Kurs.

Stoffe wie Jojobaöl, Kakaobutter, Lamecreme und das Tensid Lamepon boten Kremer und seine Schwester Barbara über ihren "Spinnrad"-Versand billiger an als alle Konkurrenten. Kremer heute: "Die anderen hatten Apothekenpreise kalkuliert. Ehe sie aufwachten, waren wir schon dreimal so groß."

Inzwischen sind ihm die Fähnchen ausgegangen, um auf der Deutschlandkarte in seinem Büro noch die neuesten "Spinnrad"-Filialen zu markieren. Ohne eigene Marketingabteilung (denn die sitzt ja gewissermaßen beim Westdeutschen Rundfunk in Köln) hat Kremer es von zwei Gelsenkirchener Geschäften auf 72 Filialen zwischen Kiel und Kaufbeuren gebracht, davon rund 30 mit Franchise-Nehmern. Damit beherrscht er nach eigener Einschätzung die Hälfte der einschlägigen Läden und über zwei Drittel des Gesamtumsatzes mit Hobbythek-Artikeln. Seine Abfüll- und Lagerhalle erweitert der Gelsenkirchener derzeit auf die dreifache Größe. Das Übernahmeangebot eines großen Lebensmittel-Filialisten habe er bereits ausgeschlagen.

Kein Wunder, daß Jean Pütz bereits mehrfach Behauptungen dementieren mußte, er habe an Kremers Geschäften in irgendeiner Weise teil. "Ich verdiene nur an dem Honorar der Bücher", betont er. Ihm sei, sagt der Fernsehmann, der Erfolg der Hobbythek-Läden (die sich gleichwohl verpflichten mußten, sich nie so zu nennen) allmählich nicht mehr geheuer. Und doch: "Ich bin froh, daß es diese Läden gibt, das ermöglicht mir unglaublich viele neue Themen." So genügt ein Rundschreiben der WDR-Redaktion Naturwissenschaften, und schon führen 150 Läden die Waren, die Pütz für seine Bastler-Tips braucht.

Bisher kann Kremer sich beruhigt auf den Pützschen Erfindergeist verlassen. Als die Sparte Selbstrührkosmetik rückläufig war (Kremer: "Die Leute sind eigentlich doch zu bequem dazu."), da sorgte im April dieses Jahres der Pütz-Tip, mit selbstgemixten Waschmitteln zu waschen, für eine neue Hobbythek-Kauf-Welle. Nun kippten die Zuschauer Chemikalien in ihre Waschmaschinen, deren Namen zuvor wohl kaum einer von ihnen gehört hatte. Sie sollen die Umwelt stärker als die Fertigprodukte schonen. Zweitausend Tonnen der Substanzen (Lieferanten unter anderem Hoechst, Bayer und BASF) denkt Kremer in diesem Jahr abzusetzen und damit seinen Umsatz von zwanzig auf dreißig Millionen Mark zu steigern.

Den Hobbythek-Waschmittelbaukasten stellte innerhalb weniger Wochen der Chemiker Dieter Wundram für Pütz zusammen. Mit Pütz hatte er zuvor ein Buch über Plastik geschrieben, gleichwohl in einem Artikel für die Zeitschrift Öko-Test die Hobbythek-Cremes kritisiert. Sein Einwand: nicht deklarierte Konservierungsstoffe in einigen Zutaten und Emulgatoren, die die Haut reizen können. Pütz: "Das hatten wir schon vorher gemerkt und auch in der Sendung gesagt."

Für das Waschmittel guckte sich Wundram nun aus der Fachliteratur die nach seiner Einschätzung am wenigsten umweltschädlichen Stoffe aus. Sein Rezept leuchtete Pütz und den Zuschauern ein: Gewaschen wird mit härteunabhängigen Tensiden und Enzymen ausschließlich bei dreißig und sechzig Grad – das soll Energie sparen und den Zusatz von Enthärtern erübrigen. Mit im Baukasten ist allerdings ein gentechnisch hergestelltes, fettlösendes Enzym. Waschmittel-High-Tech, möglich gemacht durchs Selberbasteln à la Hobbythek. Die Kritik daran vergleicht Wundram mit "Bilderstürmerei" und dem Kampf gegen die Neuerung der Eisenbahn im 19. Jahrhundert. Die Gentechnik komme ohnehin. Ihr "geringes Restrisiko" sei in Kauf zu nehmen, wenn sie die Nachteile eines Chemieeinsatzes ersetze.

Getestet haben den Waschmittelbaukasten "mit Umweltgarantie" (Pütz) lediglich Wundram, das Hobbythek-Team und die Zuschauer. Die 5000 bis 6000 Mark für einen wissenschaftlichen Test, etwa bei der industrienahen Wäschereiforschung Krefeld (WFK), waren Pütz zu viel. Pütz’ Behauptung, die WFK habe Vortests "mit besten Ergebnissen" gemacht, bringt WFK-Chef Helmut Krüssmann zum Schäumen. Er fühlt sich als Wissenschaftler vereinnahmt. Zudem sei Pütz mit seinen pauschalen Behauptungen über gute Wirkung und Umweltverträglichkeit seines Waschmittels in "das billigste Marketing der alten Waschmittelreklame herabgerutscht".

Den Waschmittelvertrieb haben die Hobbythekler zudem etwas leichthändig geregelt. Auf "Spinnrad" und seine Konkurrenten könnten wegen eines Verstoßes gegen das Waschmittelgesetz noch Unannehmlichkeiten zukommen, für die sie sich dann bei der Hobbythek-Redaktion bedanken können. Unter Berufung auf ihr Urheberrecht und den für die Waschmittelnamen angemeldeten Gebrauchsmusterschutz haben Redaktion und Verlag nämlich den Hobbythek-Geschäften untersagt, Kurzrezepte für den Gebrauch des Waschmittelbaukastens den Käufern mitzugeben. Zur Begründung verweisen Pütz und Verleger Gollhardt auf die "Philosophie der Hobbythek", stets auch "ausführliche Hintergrundinformationen liefern" zu müssen. Wer also bei den Waschmitteln sachgerecht mitmischen will und den nur einmal gedruckten "Hobbytip" verpaßt hat, ist auf das bei der vgs erschienene Waschmittel-Buch von Pütz und Wundram angewiesen. Das Waschmittelgesetz schreibt dagegen Angaben über Inhalt, Dosierung und Ergiebigkeit auf der Verpackung vor. Das Umweltbundesamt will sich nach Auskunft des zuständigen Referenten bald schon mit dem Thema befassen.

Ganz unabhängig davon überlegt sich der Hauptprofiteur Peter Kremer inzwischen, wie sein "Spinnrad" auch ohne Hobbythek-Ölung rollen lernen könnte. Kremer: "Wer garantiert mir, wie lange Pütz da ist?" Kremer läßt derzeit ein eigenes Waschmittelrezept ausarbeiten. Und für seine Zukunft in der Produktsparte Cremes setzt er auf das Geschäft mit der Kundenfaulheit: "Der logischte Weg: Ein müder Selbstrührer wird zum Fertigproduktkäufer – bei uns."