Ich war das Kind von Kommunisten. Ich habe gelernt, daß die Welt sich nicht in Nationen teilt, sondern in Klassen, und daß das Vaterland aller Proletarier die Sowjetunion ist: Das glaubte ich, solange ich ein Kind war. Und auch, als ich aufgehört hatte zu glauben, waren es nicht die Kämpfe der Nationen, war es nicht das Verhängnis der deutschen Nation, die meine jugendliche Suche zwischen Recht und Unrecht, Macht und Ohnmacht leiteten. Ich wuchs auf in einer Welt der Ideologien, nicht der Nationen. Deutschland ist mir erst allmählich als Problem angetragen worden. Noch vor einigen Jahren hätte ich nicht geglaubt, daß es mir je zum Thema werden könnte. Und auch heute weiß ich nicht, ob ich wirklich von Deutschland spreche, wenn ich von Deutschland spreche.

Vor sechs Jahren besuchte ich das Haus, in dem ich geboren wurde. Es steht in Berlin-Neukölln, im heutigen West-Berlin also. Ich hatte meine alte Straße über dreißig Jahre nicht gesehen, und es war, wie es immer ist, wenn ein Erwachsener die Welt seiner Kindheit besichtigt. Das Unheimliche unserer Erinnerung schrumpft zur Heimlichkeit des Wiedersehens. Ein Hauch von Selbstmitleid umweht uns: Wie klein müssen wir gewesen sein, daß uns diese Straße so breit, jenes Haus so hoch und dieser kurze Weg so weit erscheinen konnte. Und die Frage, ob das Kind, das sich in uns erinnert, wirklich der gleiche Mensch war, und ein Gefühl, als wäre unser Ich ein Wir.

Zwei Namen im Stillen Portier kannte ich noch. Es waren zwei der wenigen deutschen Namen, die zwischen den türkischen und slawischen noch zu finden waren, und ich dachte, daß die Geschichte des Hauses sich fortsetzte, wie sie begonnen hatte, denn die ersten Mieter dieses Hauses im Jahre 1907 waren Polen. Sie hießen Josefa und Pawel Iglarz und waren meine Großeltern.

Josefa entstammte einer strenggläubigen katholischen Familie aus einem Ort in der Nähe von Lodz. Pawel kam aus einer orthodoxen jüdischen Familie in Galizien. Beide lösten sich aus der religiösen Enge ihrer Elternhäuser und traten in die Baptistengemeinde ein, wo sie sich auch kennenlernten. Beide wurden von ihren Elternhäusern verstoßen.

Fast achtzig Jahre später bewog die Erinnerung an diese familiäre Erfahrung meine Mutter, jüngstes Kind von Josefa und Pawel, sich mit mir zu versöhnen, nachdem sie für längere Zeit ihre Beziehung zu mir abgebrochen hatte, weil ich ein Buch in der falschen Stadt hatte verlegen lassen. Sie habe nachts wachgelegen, erzählte sie, und plötzlich sei ihr klar gewesen, daß sie nichts anderes tue, als ihre Großeltern getan hatten, die den eigenen Kindern das Haus verschlossen, weil sie den falschen Glauben hatten.

Meine Großeltern zogen nach Berlin. Ihren vier Kindern gaben sie deutsche Namen: Bruno, Paul, Marta, Helene, genannt Hella. Um für die ganze Familie auch die deutsche Staatsbürgerschaft zu kaufen, was möglich gewesen wäre, verdiente Pawel, Schneider bei Peek und Cloppenburg, zu wenig Geld.

Josefa, die zeit ihres Lebens nicht mehr schreiben konnte als den eigenen Namen, erzog die Kinder in großer Frömmigkeit. Pawel wurde Kommunist.

Später zog in das Neuköllner Haus die Familie F., mit der Pawel und Josefa sich befreundeten. An den Sonntagen trafen sich die Männer und sprachen über Politik. Als Hannchen, die Tochter der F.s, sich mit dem Tischler Gustav verlobte, kam er als Dritter in die sonntägliche Runde. Es war die Zeit der Inflation und der Weltwirtschaftskrise. Von den drei Männern der Familie Iglarz – auch Pawels Söhne waren inzwischen Schneider – fand oft nur einer Arbeit, manchmal auch keiner. Trotzdem sind die Erinnerungen meiner Mutter weniger von der Armut dieser Jahre geprägt als von einem kämpferischen Überlebensmut und einer selbstverständlichen Solidarität, wofür sie selbst das Wort Klassenkampf benutzt.

Als Hannchen und Gustav heirateten und ihre Tochter Christa geboren wurde, übernahmen sie die Wohnung in dem Neuköllner Hinterhaus. Hannchens Eltern hatten sich ein kleines Häuschen im Grünen gebaut. Trotzdem traf man sich noch lange an den Sonntagen, bis Gustav eines Tages seinem kommunistischen Schwiegervater und dem Juden Pawel Iglarz erklärte, diesmal wisse er aber, wie er sich zu entscheiden habe. Als Pawel an diesem Tag nach Hause kam, sagte er zu seiner Familie, daß sich nun auch die Sonntage ändern würden. Und bald darauf kam Gustav, bis eben noch selbst Kommunist, mit einem anderen Parteibuch nach Hause und in einer nagelneuen Uniform. Gustav war Nazi geworden.

Als ich mein altes Haus besuchte, fand ich Hannchens und Gustavs Namen im Stillen Portier. Ich klingelte in der dritten Etage. Eine etwa sechzigjährige Frau öffnete mir, Hannchens Tochter Christa. Ich nannte ihr meinen Namen, ich sei Monika Maron, sagte ich, und sie schrie nach hinten über den Korridor: Mutti, rat mal, wer gekommen ist, Monika Iglarz ist da. Als Monika Iglarz wurde ich geboren, die uneheliche Tochter der Helene Iglarz, der die Rassengesetze verboten, einen Arier zu heiraten.

Wir saßen an dem großen Tisch im Wohnzimmer, tranken Kirschlikör und sprachen über die Zeiten, in denen wir alle noch in dem Haus gewohnt hatten. Gustav war einige Jahre zuvor gestorben. Ob ich mich an ihn erinnere, fragten sie, und ob ich noch wisse, wie oft ich bei ihnen gewesen wäre, da nebenan in der Küche. Ich wußte es noch.

Dann, unvermittelt, sagte Christa, daß sie es ja gesehen hätten.

Ich verstand nicht, wovon sie sprach, und fragte, was sie gesehen hätten.

Und sie sagte: Na das. Wir haben gesehen, wie sie deinen Großvater weggebracht haben.

Ich weiß nicht, ob sie glaubten, daß ich gekommen war, um sie danach zu fragen. Ich hätte sie nicht gefragt.

Christa erzählte, sie hätten gerade zufällig die Tischdecke ausgeschüttelt. Nicht Mutti, wir haben doch gerade die Tischdecke ausgeschüttelt? Und zu mir: Nicht, daß du denkst, wir hätten aus Neugier hinter der Gardine gestanden. Es war wirklich Zufall.

Der Tag, über den sie sprach, lag 45 Jahre zurück.

Ich hätte es nicht schlimm gefunden, wenn sie einfach hinter der Gardine gestanden und zugesehen hätten, wie sie Pawel wegbrachten. Selbst Josefa und die Kinder hatten ja nichts anderes tun können als zusehn.

Alle politischen Juden wurden in diesem November 1938 des Landes verwiesen. Man transportierte sie an die deutsch-polnische Grenze, wo sie neun Monate in Eisenbahnwaggons und ähnlichen Notunterkünften zubrachten, weil die polnische Regierung den polnischen Juden die Einreise in ihr Land verweigerte.

Im Juli 1939 kam Pawel noch einmal für zwei Wochen in das Neuköllner Haus. Um seine Angelegenheiten zu klären, hieß es. Josefa hatte zu wählen, ob sie ihren Mann begleiten oder sich von ihm scheiden lassen wollte. Sie ging mit ihm. Die Schwestern Marta und Hella blieben in der elterlichen Wohnung. Der älteste Bruder Bruno war zwei Jahre zuvor gestorben. Paul lebte mit seiner Frau einige Minuten Fußweg entfernt. Er war Schneider bei Herpig, einem berühmten Atelier in der Leipziger Straße, wo, wie meine Mutter erzählte, selbst Göring arbeiten ließ. Und einmal mußte Paul sogar für Herpig nach Karinhall fahren. Als der Krieg ausbrach, wurde Paul für kurze Zeit interniert und danach in einem Berliner Rüstungsbetrieb zwangsverpflichtet.

Meine Großeltern gingen zurück in Josefas altes Dorf, wo fast alle Leute Przybilski hießen wie auch Josefa vor ihrer Hochzeit. Dort durften sie noch kurze Zeit miteinander leben, ehe ein Pole Pawel denunzierte und Deutsche ihn in ein Ghetto bei Lodz sperrten. Deutsche waren es auch, die ihn und andere Juden aus dem Ghetto in einen Wald brachten, ihn zwangen, sein eigenes Grab zu graben, und ihn erschossen. So jedenfalls erzählte es uns eine nichtjüdische polnische Verwandte, die meinem Großvater, solange er lebte, heimlich Lebensmittel ins Ghetto gebracht hatte.

Gustav brachte seine Mitgliedschaft bei der SA wenig Nutzen. Er wurde als einer der ersten eingezogen. Hannchen erinnerte sich genau, wie er eines Tages aus der Kneipe kam und sagte: Es gibt bald Krieg. Krieg hat Gustav nicht gewollt, Krieg hat doch keiner gewollt, sagte Hannchen.

Die Frauen blieben in dem Haus zurück. Wann und wie sie die Sprachlosigkeit zwischen den beiden Familien beendeten, wußten sie nicht mehr.

Sicher im Luftschutzkeller, sagten Hannchen und Christa, vermutete auch meine Mutter.

Gustav wurde wegen seines Alters und eines steifen Fingers an der rechten Hand bald wieder ausgemustert und zum Luftschutzwart unseres Hauses ernannt. Er hätte unter anderem dafür zu sorgen gehabt, daß Hella, Marta und ich diesen Keller nicht benutzten, wie es die Rassengesetze vorschrieben. Aber das hat er nicht gemacht, sagte Hannchen. Er könne nicht zulassen, daß zwei Frauen mit einem Säugling ausgesperrt würden, habe er gesagt und uns auf seine Verantwortung in den Keller gelassen.

Hannchen war froh, mir diese Geschichte über ihren Mann erzählen zu können. Auch ich war froh, daß es die Geschichte über Gustav gab. Ich wollte nicht, daß Hannchen sich vor mir schämte.

Josefas und Pawels Kinder überlebten den Krieg. Gustav mußte sich entnazifizieren lassen.

Wochenlang hätten sie auf Koffern leben müssen, erzählte Hannchen, weil man dem Nazi Gustav und seiner Familie die Wohnung wegnehmen wollte. Jemand aus dem Nachbarhaus sei scharf darauf gewesen.

Als Hannchen und Gustav ihre Koffer packen mußten, durfte Hella meinen endlich auspacken. Seit meiner Geburt hatte er bereitgestanden für den Fall, daß man Marta und Hella eines Tages doch noch abgeholt hätte und ihre Freundin Lieschen mich hätte aufziehen müssen.

Sie würde nie vergessen, erzählte Hannchen, wie Hella eines Tages von einer Versammlung kam, bei ihnen klingelte und sagte, daß sie in ihrer Wohnung bleiben könnten. Deine Mutter hatte für uns gutgesprochen, sagte Hannchen zu mir. Hella selbst erinnerte sich daran nicht. Als ich sie fragte, warum sie die beiden verteidigt haben könnte, sagte sie: aus Freundschaft. Sie seien Freundinnen geworden in den Jahren des Krieges, Hannchen, Marta und sie. Und Gustav sei ja auch kein richtiger Nazi gewesen, nur einer, der, als alles anfing, endlich einmal auf der Seite der Sieger stehen wollte, wo man ihn ohnehin nicht lange geduldet hat. Aber niemals sei Gustav für unsere Familie eine Bedrohung gewesen. Einen richtigen Nazi hätte Hannchen auch gar nicht lieben können.

So retteten die Töchter der polnischen Familie Iglarz und der deutschen Familie F. die Freundschaft, die ihre Väter nach dem Ersten Weltkrieg begonnen hatten, über den mörderischen Zweiten.

So war das, sagte Christa, mein Opa war Bolschewist, und mein Vater war Nazi.

Und Hannchen, nicht ohne Herausforderung in den Augen, fragte: Und weißt du, was wir jetzt sind? – Zeugen Jehovas.

Mit dem Krieg endete die polnisch-jüdische Geschichte der Familie Iglarz. Meine Großeltern hatte sie das Leben gekostet. Josefa war, ein Jahr bevor man ihren Mann ermordete, gestorben, weil ihr, der Frau des Juden, im besetzten Polen ärztliche Hilfe verweigert wurde. Pawels und Josefas Kinder überlebten den Krieg und verloren sich doch. In einer Geschichte, in der sie nicht mehr die Opfer waren.

Seit ihrer Jugend waren die drei Kommunisten. Gleich nach dem Krieg arbeitete Hella für die kommunistische Fraktion des Berliner, später des Ostberliner Magistrats. Paul wurde Pressephotograph für die neuen antifaschistischen und kommunistischen Zeitungen im Osten. Immer noch wohnten wir alle in Neukölln, das zum amerikanischen Sektor gehörte.

Hella wurde, als sie an einem Sonntag das Neue Deutschland und Flugblätter in Neuköllner Wohnhäusern verteilte, denunziert, verhaftet und von einem amerikanischen Militärgericht zu dreißig Tagen Gefängnis oder tausend Mark Geldstrafe verurteilt. Angesichts der Jahreszeit – es war November – und der kalten Gefängnisse beschloß die Partei, das Geld zu sammeln und ihrer Genossin den Gefängnisaufenthalt zu ersparen.

1951 zog Hella mit Marta und mir in den Ostteil der Stadt, der sich damals demokratischer Sektor von Groß-Berlin nannte. Ich verbinde mit diesem Wechsel angenehme Erinnerungen. In West-Berlin war ich der einzige Junge Pionier in der Klasse, wahrscheinlich sogar in der ganzen Schule gewesen. In der neuen Schule war ich eine von vielen. Und da meine Mutter nur in Westgeld bekam, was wir unbedingt für die Miete und die Stromrechnung brauchten, war unser ständiger Geldmangel angesichts der vollen Geschäfte oft nur schwer zu ertragen. Nun war ich gleich mit allen, glaubte ich. Ich wohnte auf der Seite der Wahrheit und der historischen Sieger. Ich war zehn Jahre alt, und das Wort Kommunist war für mich ein Synonym für guter Mensch. Alle Menschen, die mir nahestanden und die ich liebte, waren Kommunisten.

Vor einem Jahr hat Martin Walser hier gesagt, er müßte sich, um von seinen Kindheitserinnerungen der frühen vierziger Jahre erzählen zu können, in ein antifaschistisches Kind verwandeln.

Ich war ein antifaschistisches Kind.

Müßte ich mich, um von meinen Erinnerungen der fünfziger Jahre zu erzählen, in ein antikommunistisches Kind verwandeln?

Ich höre die warnenden und entrüsteten Stimmen, man könne die Zeiten nicht miteinander vergleichen, und kein Verbrechen wiege so schwer wie das des deutschen Nationalsozialismus. Es wird sich in den nächsten Jahren und Jahrzehnten erweisen, was sich miteinander vergleichen läßt und welchen Sinn es ergibt, die Millionen Toten des Nationalsozialismus gegen die Millionen Toten des Stalinismus abzuwägen. In diesem Jahrhundert wüteten zwei barbarische Regime in Europa. Nicht selten wurden die Opfer des einen zu den Tätern des anderen. Der Stalinismus in der DDR war weniger mörderisch als der in der Sowjetunion, aber er war seines Geistes. Es lag an den geographischen und politischen Bedingungen der DDR und nicht an der Gesinnung ihrer Herrscher, wenn der deutsche Stalinismus einen Schein wahrte, dem er bis heute die Nachrede verdankt, er sei unblutig gewesen.

Daß ich 1945 nicht achtzehn war wie Martin Walser, sondern erst vier, daß ich im Gegensatz zu ihm aus einem antifaschistischen Hause kam, hat mir sowenig wie Walser erspart, im Keller der Eltern nach Leichen zu suchen.

Als ich eine kommunistische Zukunft für so natürlich und wünschenswert hielt wie den täglichen Sonnenaufgang, sperrten Kommunisten ihre sozialdemokratischen Genossen, mit denen sie gemeinsam in Hitlers Konzentrationslagern gesessen hatten, in die eigenen Zuchthäuser; verboten sie Kunstwerke als dekadent, die von den Nazis als entartet verfemt worden waren; verweigerten sie Christen die höheren Schulen; verurteilten sie Menschen für einen politischen Witz zu jahrelangem Gefängnis; organisierten sie ein landesweites Spitzelnest. Auf unbegreifliche Weise ahmten sie ihre Peiniger nach, bis in die Fackelzüge und Uniformen.

Zur gleichen Zeit wuchs ich auf in einer Gruppe kommunistischer Frauen, die mich im Sinne ihres Menschenbildes erzogen: zur Aufrichtigkeit, zu sozialem Verhalten und Mut zum Widerstand. Ihre eigenen Lebenswege bürgten für ihre Glaubwürdigkeit. Sie kamen aus dem Gefängnis, aus der Emigration, sie hatten im Untergrund gekämpft. Sie waren Antifaschisten und Kommunisten.

Warum sie hinnahmen, was auch in ihrem Namen geschah, warum sie mittaten in einer Wirklichkeit, die mit ihrem Ideal nur den Namen gemeinsam hatte, erscheint mir, je länger ich darüber nachdenke, als eine Frage nach der menschlichen Natur schlechthin und somit als unbeantwortbar.

Ich kannte ein Ehepaar, das vor dem Nationalsozialismus in die Sowjetunion emigrierte und dort den einzigen Sohn verlor. Erst nach Chruschtschows Enthüllungen über Stalins Terror im Jahr 1956 gestanden die beiden, daß auch ihr Sohn ein Opfer Stalins geworden war. Ich kannte sie gut genug, um zu wissen, daß sie nicht aus Feigheit geschwiegen hatten. Sie hatten ihr Ideal schützen wollen vor Verleumdungen, die nicht schlimmer hätten sein können, als die Wahrheit es war. Der furchtbare Irrtum, das Bekanntwerden der Untat schade der Idee mehr als die Untat selbst.

Die Idee des Kommunismus hatte zu viele Opfer gekostet, als daß man sich mit ihrem Scheitern hätte abfinden können. Der Tod von Hunderttausenden mußte nachträglich mit Sinn erfüllt werden durch den Sieg der Idee. Die Lebenden wurden den Toten geopfert im Namen einer idealen Zukunft. So entzog sich die neue Ordnung dem Zwang, ihre Gegenwart zu legitimieren.

Es war das Jahr 1956, in dem Pawels und Josefas Kinder füreinander starben, nachdem sie den Faschismus und den Krieg überlebt hatten.

Nachdem Stalins Verbrechen offenbar waren, verließ Paul die Partei. Die Schwestern fanden sich mit dem, was geschehen war, ab. Sie verdrängten das ungeheure Ausmaß, sie rechtfertigten den Ursprung der Grausamkeiten, sie retteten ihren Glauben an die Idee.

Paul starb 1982 in Berlin-Neukölln. Marta starb 1983 in Berlin-Pankow. Sie haben sich nie wieder gesehen. Hella verstand erst durch den Tod der anderen die Tragik ihrer Entscheidung von 1956.

1953 wurden wir, Hella, Marta und ich, aus Polen zu Deutschen. Es war ein simpler bürokratischer Vorgang, der mir erst mitgeteilt wurde, nachdem er vollzogen war. Ich wäre damals lieber Polin geblieben, obwohl dieser Umstand nur in meinem Bewußtsein von Bedeutung war. Wir sprachen nicht polnisch, ich hatte Polen nie gesehen, ich besaß nur zwei Briefe aus einem kleinen Dorf bei Lodz an „die liebe kleine Monika von ihren Großeltern“.

Da ich von Kommunisten erzogen wurde, blieb es mir erspart, das Wort deutsch als Schimpfwort zu erlernen. Die Schimpfworte hießen: Nazi, Faschist, Kapitalist. Nicht das deutsche Volk hatte die Kriegsverbrechen begangen, sondern der deutsche Imperialismus. Und den gab es nicht mehr in dem Teil Deutschlands, in dem ich lebte.

Trotzdem bot mir meine polnische Abstammung eine sichere Distanz zu der unheimlichen deutschen Geschichte, als deren Erbe ich mich nicht fühlte. Wenn ich versuche, mich zu erinnern, was ich als Kind mit dem Wort Deutschland verband, fällt mir die Düsternis deutscher Märchen ein, die Schwermut deutscher Lieder, ein grausames dunkles Früher, das Mittelalter hieß.

Die Gegenwart hieß niemals Deutschland. Sie hieß Sozialismus und Kapitalismus, Bundesrepublik und Deutsche Demokratische Republik, Ost-Berlin und West-Berlin. Meine eigene erfahrbare Gegenwart trug die Namen von Menschen und Straßen. Daß es deutsche Namen waren, gehörte zu den Selbstverständlichkeiten des Lebens.

Als 1968 die Studentenrevolte den einen Teil Deutschlands veränderte, hoffte die Jugend im anderen Teil auf den Prager Frühling, auf einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz. Während die einen von ihren Eltern Antworten auf Auschwitz und Buchenwald verlangten, waren für uns die Fragen nach dem Archipel Gulag und nach Bautzen schon hinzugekommen. Die Antworten haben wir selbst finden müssen.

Spreche ich wirklich von Deutschland, wenn ich von Deutschland spreche?

Pawels und Josefas Kinder haben sich nicht an Deutschland geschieden, sondern an dem Gewicht, das sie einer Idee zumaßen gegenüber der Wirklichkeit. Sie haben sich geschieden an einem Gleichnis wie: Wo gehobelt wird, fallen Späne; oder an dem Satz: Manchmal muß man die Menschen zu ihrem Glück zwingen.

Wo immer ich höre, daß einer weiß, was der anderen Menschen Glück ist; wo immer ich lese, daß jemand im Namen einer Idee über Millionen Menschen verfügt, und sei es nur in Gedanken; wo immer ich sehe, daß einer alten Ideologie frische Schminke aufgelegt wird, um ihren Tod zu maskieren, packt mich das Entsetzen. Und eine jahrzehntealte Wut.

Deutschland wurde mir aus einem historischen Abstraktum zur wahrnehmbaren Gegenwart an einem Tag im Oktober 1983. Zum ersten Mal ausgestattet mit einem Paß, der mich zum Verlassen der DDR in westlicher Richtung berechtigte, fuhr ich mit dem Zug von Frankfurt nach Wuppertal. Ich hatte Kopfschmerzen, eine Folge der Buchmesse, und wartete mit geschlossenen Augen auf die Wirkung einer Tablette. Nach ungefähr einer Stunde öffnete ich die Augen und sah etwas, das mich zu dem törichten Ausruf: was ist denn das? hinriß. Und jemand im Zug sagte: Das ist der Rhein.

Schwer und patriarchalisch floß er zwischen den Weinbergen, als müßte er sie gewaltsam voneinander fernhalten. Unter der Herbstsonne lag er vor mir wie die Landschaft aus einem uralten Märchen, das ich wieder und wieder gelesen hatte, bis ich es auswendig wußte. Es mochte an meiner Liebe zu Heine liegen, daß dieses eine Bild mir eine Fülle anderer barg, daß es nur die letzte fehlende Ergänzung war, derer es bedurfte, um mich Deutschland zum ersten Mal nicht als ein Ungetüm oder einen historischen Unfall, sondern als eine Landschaft verstehen zu lassen.

Ich habe das Erlebnis lange verschwiegen. Ich mißtraute meinem Gefühl, verdächtigte mich eines plötzlichen Hangs zu Blut und Boden und einer Heimatduselei, die mir immer fremd gewesen war. Und selbst im Falle der Echtheit des Gefühls mußte ich mich fragen, ob es denn überhaupt erlaubt war. Inzwischen bin ich die Strecke oft gefahren und habe mein verdächtiges Gefühl zu erdulden gelernt. Ich begann die Frage zuzulassen, ob es nicht doch eine Gegenwart gibt, die Deutschland heißt.

War nicht mein eigenes Leben, zerrissen zwischen dem Wohnort im Osten und der Berufsausübung ausschließlich im Westen, zu einem Leben in Deutschland geworden?

Waren die Menschen, vor denen ich in ostdeutschen Kirchen und westdeutschen Buchhandlungen las, einander nicht ähnlicher, als sie es glaubten und sogar als ihnen lieb war? Ihre Eltern oder Großeltern waren noch in einem Deutschland aufgewachsen, in dem Osten und Westen nicht mehr bedeutete als Norden und Süden. Sie waren nach den gleichen Maximen erzogen worden, sie sangen die gleichen Weihnachtslieder. Und wer die Schrebergärten seitlich der S-Bahn-Böschungen in Ost und West miteinander vergleicht, wirft einen Blick in die gesamtdeutsche Seele, der jede politische Geographie vergessen läßt. Auch die Neigung, das bedrohlich Fremde auf ein erträgliches Maß zu ducken, indem man ihm den festen Glauben an die eigene Überlegenheit entgegensetzt, fand ich auf beiden Seiten. Galt sie hier den Türken, so dort den Polen. Und nährten die Westdeutschen ihren Stolz auf das deutsche Wirtschaftswunder, suchten die Ostdeutschen Trost in der Gewißheit, daß ihre Wirtschaft nicht ganz so zerrüttet war wie die aller anderen Staaten, mit denen sie das Schicksal des Stalinismus teilten.

Ich hörte einmal von Zwillingsbrüdern, die in der frühen Kindheit getrennt wurden und sich auch später nie wiedergesehen haben. Als Erwachsene wurden sie von Zwillingsforschern aufgestöbert. Einer der Brüder hatte es zu Reichtum gebracht, der andere lebte in bescheidenen Verhältnissen. Ihre Kinder trugen die gleichen Namen, wie die Brüder überhaupt, soweit ihre Leben sich vergleichen ließen, vieles ähnlich entschieden hatten. Sogar gleiche, einen Baum umschließende Gartenbänke schmückten ihre Gärten. Nur war die Bank des reichen Bruders kunstvoll und in einem guten Geschäft gekauft, die des armen Bruders dagegen grob und von ihm selbst gezimmert.

Nicht selten, während ich hin und herreiste zwischen Deutschland Ost und Deutschland West, fiel mir diese Geschichte ein. Und oft genug verwunderte mich, wie wenig der eine Zwilling bereit war, sich im anderen zu erkennen.

Es war meine Erfahrung mit seinen beiden Teilen, die mir Deutschland zum Problem werden ließ. Es lag an der Ohnmacht der Ostdeutschen, die, nach dem Krieg der stalinistischen Sowjetunion zugeschlagen, dumpf verharrten in ihrer Wehrlosigkeit und Selbstverachtung; es lag an der Selbstgerechtigkeit der Westdeutschen, die ich zu spüren und zu hören glaubte, an ihrer Verachtung der armen, feigen, unwürdigen Verwandten, daß ich mich zu fragen begann, warum sie eigentlich nicht dankbar waren, daß dieser kleinere Teil des Volkes auch ihren Anteil der Schuld aus einer gemeinsamen Vergangenheit bezahlte. Warum sie ihr eigenes Wohlergehen nur noch als eine gerechte Folge ihrer ehrlichen Arbeit ansahen, nicht aber auch als einen geographischen Glücksfall. Läge Schwaben an der Oder, läge Leipzig am Rhein... Dann hießen die Schlagzeilen in den Zeitungen heute vielleicht: Wieder hunderttausend Demonstranten in Stuttgart.

Während mein Leben geteilt war zwischen der Arbeit im Westen und dem Wohnen im Osten, verlernte ich zu verstehen, warum die beiden Teile Deutschlands nicht zusammengehören.

Im vergangenen Jahr kam nach einer Lesung in Berlin eine Frau auf mich zu und sagte, sie sei Sylvia. Ich überlegte, ob ich die Frau kennen müßte, bis sie sagte: Ich bin Sylvia Iglarz.

Meine kleine, meine einzige Kusine Sylvia, Pauls Tochter, die ich gekannt hatte, bis sie sechs war und ich vierzehn. Als Josefas und Pawels Kinder sich über den Tod hinaus entzweiten, zogen sie uns mit, jeder in seine Richtung, der eine nach Berlin-Neukölln, die andere nach Berlin-Pankow. Wir kennen uns nun wieder, Sylvia und ich.

Am ersten Abend unserer wiederbelebten Verwandtschaft erzählte Sylvia, sie habe sich immer für meine Bücher interessiert, besonders dafür, was ich über unseren Großvater geschrieben habe. An diesem Satz begriff ich, wie tief ich Sylvia seit meiner Kindheit vergessen hatte. Nie war mir in den Sinn gekommen, daß auf diesen Großvater, den ich mir als Kind zum alleinigen Ahnen erkoren hatte, jemand Anspruch erheben konnte außer mir. Sylvia sagte zu meinem Großvater: unser Großvater, und ich gestehe, einen Augenblick gezögert zu haben, ehe ich ihr dieses Recht zugestand. Es war unser Großvater, und es war unsere Familiengeschichte.

Während ich an dieser Rede schrieb, wandelte sich der Gegenstand meines Nachdenkens in einer Geschwindigkeit, die jede Prognose zu Makulatur werden ließ. Das Wunderbare aber, woran man kaum noch zu glauben wagte, war der Wandel einer deprimierten, klagenden Masse von Menschen in ein entschlossenes Volk. Freunde, die ich seit meiner Jugend kannte, mit denen ich zwanzig Jahre lang die gleichen konjunktivischen Gespräche geführt hatte: Man müßte, man würde, wenn es so käme, dann aber..., deren Verzagtheit wuchs mit der schrumpfenden Hoffnung, in ihrem kürzer werdenden Leben noch Zeugen und Mitgestalter eines Aufbruchs zu werden, erinnerten plötzlich an ihre eigenen Jugendbilder. Mit ihrem Mut fanden sie wieder, woran es diesem Land bis zur Psychose mangelt: die Lust zu leben.

Es ist in den letzten Wochen kein Wort, kein Satz zu diesem Thema nicht gesagt worden. Es bleibt mir nur, von dem Glück zu sprechen, das ich empfand, als ich am 4. November inmitten der anderen durch Berlin zog, als wir endlich taten, wovon wir lange geträumt hatten: auf die Straße gehen und laut fordern, was wir wollten. Fünf Tage später öffneten sich die Tore in der Mauer.

Es hatte des einen schmalen Auswegs über Ungarn bedurft, um Volk und Obrigkeit die Rollen tauschen zu lassen und der Regierung – zum ersten Mal seit dem Bau der Mauer – die Rolle des Ohnmächtigen zuzuweisen. Wir sollten nicht vergessen, daß der Wagemut der Flüchtlinge und der ungarischen Regierung den Ausschlag gab für alles, was danach geschah.

Endlich also haben die Deutschen es geschafft, höre und lese ich jetzt überall, endlich ist den Deutschen ihre Revolution gelungen. 1848 mußten sie sich mit dem Ruf „Hut ab“ vor den Toren begnügen. 1918 verjagten sie den Kaiser und sonst keinen. Und diesmal, haben die Deutschen es diesmal geschafft? Ist das Auswechseln der Oberhäupter gegen ihre Stellvertreter, ist die späte Zurücknahme der Mauer; ist die neue Rede alter Parteien schon die siegreiche Revolution? Oder ist das nur ihr Beginn? Oder ist es wieder nur ein Beginn?

Ich wünsche mir, daß das Volk in der DDR, das sich während der letzten Monate über seine eigene Macht so nachdrücklich belehrt hat, die Schmerzen und die Schande des gebeugten Gangs nicht vergißt und nicht das erlösende Gefühl, den Rücken endlich zu strecken und den Blick zu heben. Es sollte niemandem gestatten, sich dieses Augenblicks zu bemächtigen. Nicht den Wölfen, die Kreide gefressen haben; nicht den Kalten Kriegern der Vergangenheit, die jetzt ihren späten Triumph feiern wollen; nicht der westdeutschen Linken mit ihrer späten Trauer um die Utopie DDR, die sie sich nur durch vorsätzliche Blindheit und Taubheit hat bewahren können. Und es sollte sich wehren gegen die neuen Ideologen aus den eigenen Reihen, die schon wieder bereit sind, dem Volk politische und geistige Unreife zu bescheinigen.

Ich wünsche mir, daß die Leipziger, Dresdener, Ostberliner und Plauener das schöne Bild, das sie selbst gerade von sich geschaffen und der Welt gezeigt haben, nicht vergessen hinter ihren Spiegelbildern, die sie in den Schaufenstern der Banken und Warenhäuser finden, während sie nach dem Begrüßungsgeld und den Bananen anstehen.

1982 entschloß sich Hella, nachdem wir uns ein Jahr nicht gesehen hatten, den Kontakt zu mir wieder aufzunehmen und die Gebote ihrer Partei unserer Beziehung unterzuordnen. Der Anspruch, ihrer Idee treu zu bleiben, auch mit der Konsequenz, die eigene Tochter zu verlieren, hatte sie krank werden lassen. Vielleicht war es diese Erfahrung mit der zerstörerischen Anmaßung einer Ideologie, die sie zwang, ihre politische Überzeugung, die sie von Pawel gelernt und der sie mit Josefas Frömmigkeit ihr Leben lang angehangen hatte, in Frage zu stellen.

Als die Demonstranten in der DDR die Reformen erzwangen, fühlte sie sich mit ihnen verbunden durch die Erinnerung an ihre eigenen Kämpfe während der Weimarer Republik, und sie wußte zugleich, daß es auch ihr Lebenswerk war, das auf den Straßen bekämpft wurde und dessen Bestand sie selbst nicht mehr wünschte.

Es bleibt die Frage, wie eine Idee, die zum Glück aller erdacht war, sich in das Unglück aller, selbst ihrer treuesten Anhänger verkehren konnte.

Es bleibt die Frage, warum Menschen, die in ihrer Jugend gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung gekämpft und ihr Leben dafür eingesetzt haben, in Jahrzehnten unangefochtener Macht ihr eigenes Volk mit den Mitteln von Gangstern betrogen und beherrschten. Und andere es duldeten.

Sie wisse nun nicht mehr, wo sie stehe, sagt Hella, wahrscheinlich zum ersten Mal in ihrem Leben. Geblieben sei ihr ein Abscheu vor jeder Ideologie, sagt sie, und das Wort Zukunft sei ihr inhaltlos geworden. Und dann, zweifelnd und hoffend: Aber irgendeinen Sozialismus müßte es doch geben, nicht diesen, diesen bestimmt nicht, aber einen. Was sollte ich ihr darauf antworten?