Noch passiert es nicht alle Tage, daß bei der Frankfurter Ökobank ein Kunde in Jeans und T Shirt am Tresen erscheint und locker eine viertel oder halbe Million Mark anlegen will "Alle vier Wochen aber kommt so einer", erzählt "Opi" Obergfäll, der bei der Hausbank der links grünen Szene solche Großanleger berät.

Besitzer florierender Bioläden? Erfolgreiche Computerfreaks? Gar Zocker von der Trabrennbahn? Mitnichten. Die alternativen Kapitalisten sind ganz ohne Risiko an ihr Geld gekommen: Großvater, Tante oder Vater sind verstorben, manfrau hat geerbt "Einige sind von dem Geld regelrecht erschlagen und wissen gar nicht, was sie damit anfangen sollen", beobachtet "Opi" von der Ökobank. Galt Eigentum bei den Linken bislang nicht als Diebstahl?

Die Neureichen aus der Alternativszene können ihr Gewissen beruhigen. Sie sind nicht die einzigen, die zur Zeit über Nacht vermögend werden. Die Deutsche Bank schätzt, daß in der Bundesrepublik bis zum Jahr 2000 rund 1 8 Billionen Mark — beinahe soviel wie die Schulden der Dritten Welt — in jüngere Hände übergehen. Zum ersten Mal in der deutschen Geschichte stirbt eine Elterngeneration, die ungestört von Kriegen und hoher Inflation ein Arbeitsleben lang ein kleines oder großes Vermögen ansammeln konnte. Die Folge: Nicht nur Flicks, Thyssens und Hortens werden in Zukunft erben, sondern auch Meiers, Müllers und Schutzes.

Heinrich Jensen) zum Beispiel beerbte schon vor zehn Jahren eine alte Tante "Das kam total überraschend", erzählt der 34jährige "Keiner ahnte, daß sie Geld hatte. Sie gehörte noch zu der Sorte Menschen, die die Hemdkragen abtrennten und umgekehrt wieder annähten, um Geld zu sparen Heinrich kaufte ein schnelles Auto und reiste nach Italien. Er brauchte das Geld nicht, denn auch sein Vater, ein Geschäftsmann, hatte Vermögen hinterlassen. Beeinflußt das Erbe sein Leben? "Sicher gibt mir dieses goldene Glitzern am Horizont einen Anflug von Unabhängigkeit", sinniert Heinrich "Ich weiß, daß ich zur Not auch eine Weile ohne Job durchhalten kann Was er als stellvertretender Exportchef einer großen Firma verdient (rund 120 000 Mark brutto im Jahr), gibt er locker aus. Ein Paravent auf einer Auktion, eine Kaschmirdecke für die Mama — das Geld zerrinnt wie nichts unter seinen Händen.

Der 31jährigen Katharina, Lektorin in einem Münchner Verlag, geht es ähnlich "Ich komme aus einer richtigen Wirtschaftswunder Familie", lacht sie. Ihr Vater hatte in einer Kleinstadt ein Radio- und Fernsehgeschäft, das in den "sechziger und siebziger Jahren tierisch boomte". Katharina erbte mit ihrer Schwester gut zwei Millionen, deren Zinsen allerdings ebenfalls noch der Mutter zustehen. Dennoch lebt sie anders als ihre gleichaltrigen Freundinnen. Zwar läuft sie in Jeans und bequemen Pullovern herum. Dafür gönnt sie sich von ihrem Gehalt jede Woche Maniküre, Massage, Putzfrau und gutes Essen im Restaurant. Das klapprige Auto, das sie mit ihrem Freund teilt, benutzt sie nur selten. Ein Taxi ist bequemer, und zu Wochenendtrips nach Wien oder Düsseldorf nimmt sie das Flugzeug — Linienflug natürlich. Auch arbeitet sie nur noch halbtags, um den Streß zu reduzieren "Zu Geld habe ich sowieso kein rechtes Verhältnis", meint sie und gesteht: "Das ist natürlich ein Privileg "

Friederike — als letztes Beispiel — hat für eine solche Einstellung nur wenig übrig. Die Münchner Graphikerin, die Comics für die linke Szene zeichnet, leistet sich aus Prinzip nicht einmal eine Putzfrau. Dabei hat auch sie von ihrem Vater, einem Steueranwalt, vor einem Jahr kräftig geerbt. Einziges Zugeständnis an den neuen Reichtum: Manchmal gönnt sie sich etwas mehr Muße für das Zeichnen. Wenn dann die Honorare langsamer fließen, "bezuschußt" sie sich aus den Vermögenszinsen. Ansonsten aber staunte der Bankbeamte, als sie ihm nach dem Tod ihres Vaters barsch zu erkennen gab, daß er alles wie bisher verwalten solle und sie im übrigen das Geld nicht interessiere "Wahrscheinlich knalle ich es irgendwann Greenpeace, Amnesty International oder am liebsten einer noch effizienteren Organisation auf den Tisch. Zumindest einen Teil. Es ist schon verrückt: Da hat mein Vater — diese ganze Generation — geschuftet, und wir stehen ratlos mit dem Geld da "

Gerackert haben die Wirtschaftswunder Eltern in der Tat. Nach Schätzungen des Bonner Instituts für Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik (IWG) sitzen die Bundesbürger derzeit auf schuldenfreien Besitztümern vor mehr als sechs Billionen Mark — wertmäßig sechsmal soviel wie 1950. Mehr als die Hälfte des Reichtums besteht aus Häusern, Eigentumswohnungen und Grundstükken, wie das Institut — bekannt durch sein Vorstandsmitglied Kurt Biedenkopf — herausfand. Ein weiteres gutes Drittel ist in Geldvermögen — Sparbüchern, Lebensversicherungen und (seltener) Wertpapieren — angelegt. Ein Zehntel sind Anteile an Unternehmensvermögen. Und der Rest besteht aus Pretiosen: Perserteppichen, Rolex Uhren und Mercedes Limousinen.