Von Christoph Bertram

Was Ende der Woche ein paar Seemeilen vor Malta stattfindet, erinnert an frühere Gipfeltreffen der Weltmächte und macht doch zugleich deutlich, wie sehr die Verhältnisse sich geändert haben. Zwei Männer, die wegen der Militär-Arsenale ihrer Nationen als die mächtigsten der Welt galten, kommen 48 Stunden zu einem Gespräch ohne jede Tagesordnung zusammen. Aber obgleich die Journalisten in Scharen auf der kleinen Mittelmeerinsel einfallen, ist nicht zu übersehen: Die Präsidenten der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion sind nicht mehr die Weltenlenker von einst.

Zum einen sind die Staatsmänner zur Zeit allenthalben Randfiguren; die Menschen auf den Straßen von Ost-Berlin und Leipzig, von Prag und Bratislava machen die Politik, und die Politiker müssen versuchen, mit ihnen Schritt zu halten. Kommunistische Bastionen fallen mit einer Geschwindigkeit, die George Kennon schon 1947 in seinem berühmten Mr.-X-Aufsatz vorhergeahnt hat: „Wenn je etwas passieren sollte, das die Einheit und Durchsetzungsfähigkeit der Partei als politisches Instrument hinfällig macht, dann könnte Sowjetrußland über Nacht von einer der stärksten zu einer der schwächsten und bemitleidenswertesten politischen Gesellschaften werden.“

Zum anderen stehen die einstigen Weltmächte nicht mehr im Zentrum des Geschehens. Gewiß, sie sitzen beide auf dem größten Rüstungshort aller Zeiten. Aber wenn Mauern nicht von außen gestürmt werden, sondern von innen verfallen, hat Rüstung ihr Vorrecht verloren. Jetzt geht es um andere Mittel zur Stabilisierung des Wandels – um Wirtschaftskraft, um Märkte und Technologie. Und es geht um Europa: Da sind vor allem die Europäer gefordert.

Mit dem Wandel, der sich gegenwärtig vollzieht, können die Vereinigten Staaten weit besser leben als die Sowjetunion. Demokratische Gesellschaften in Osteuropa und ein handlungsfähiges Westeuropa waren vierzig Jahre lang die wichtigsten Ziele der US-Europapolitik. Sogar die Vorstellung, daß Deutschland wiedervereinigt werden könnte, war für die Amerikaner stets mit weniger Magengrimmen verbunden als für viele Europäer.

Michail Gorbatschow dagegen hat nur karge Erfolge vorzuweisen. Gewiß wäre es dem Moskauer Reformer lieber gewesen, der Wandlungsprozeß in Osteuropa könnte in kontrollierten Schüben verlaufen, die kommunistischen Parteien könnten ihren Einfluß halten und die Sowjetunion zugleich ihr sicherheitspolitisches Glacis. Aber auch der visionäre Taktiker Gorbatschow ist von den Ereignissen, die er doch selbst eingeleitet hat, überrascht worden.

So stehen die beiden Männer auf den beiden Kriegsschiffen im Mittelmeer nicht nur wegen des Seegangs auf schwankendem Grund. Ihre Rolle hat sich gewandelt. Die tektonischen Platten des alten Kontinents sind in Bewegung geraten, und niemand weiß schon, wann sie sich wieder setzen werden. Vielleicht steht am Ende in der Tat ein neues, gefestigtes Europa. Vielleicht gehen überall die Lichter wieder an, die 1914 erloschen waren. Aber der Übergang wird lang, mühsam und oft riskant sein. Diese Sorge führt die beiden Staatslenker bei Malta zusammen.