Wenige Tage, bevor am 28. November das Pen-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland mit der Walter-Meckauer-Medaille ausgezeichnet werden sollte, ist ein peinlicher Streit über die Person des Namensgebers ausgebrochen. Der Exilforscher Hans-Albert Walter hat den Meckauer-Kreis aufgefordert, von der Verleihung Abstand zu nehmen, weil Tatsachen über Meckauers Verhältnis zum italienischen Faschismus bekannt geworden seien, die die ganze Angelegenheit in ein schiefes Licht rücken könnten.

Diese Tatsachen, von denen bisher offensichtlich niemand wußte, hatte Walter dem Buch von Klaus Voigt „Zuflucht auf Widerruf – Exil in Italien 1933-1945“ entnommen, das durch seine Sorgfalt wie durch seinen Materialreichtum besticht. Es handelt sich vor allem darum, daß Meckauer gleich 1933, noch in der Schweiz befindlich, eine Ode an Mussolini gerichtet und um Aufnahme in Italien gebeten hat und daß er weiterhin später einen zweibändigen Roman „Rom erwacht! Der Roman der ewigen Stadt“ schrieb, mit einer Widmung an „Seine Exzellenz Benito Mussolini, den neuen Erwecker Roms“. Die Verkündung der italienischen Rassengesetze hat eine Veröffentlichung dieses Werkes verhindert, von dem Voigt erklärt, daß es den Faschismus verherrlicht habe – mit vielen Hinweisen darauf, daß Meckauer ein Einzelfall in der Geschichte der deutschen Emigration nach Italien gewesen sei.

Man wird da einige Fragen stellen und ein paar Fakten klären müssen. Meckauer, der dieses Jahr seinen hundertsten Geburtstag hätte feiern können, war ein heute so gut wie vergessener Schriftsteller aus Breslau, ein Jude, der sich während der Emigration hatte taufen lassen. Er war in Leben und Existenz aufs äußerste bedroht, und daß er sich zu retten versuchte, nach Möglichkeiten suchte, sich im Exil zu sichern, wird ihm niemand vorwerfen können – höchstens die Art, in der er das tat. Für Mussolini haben sich noch ganz andere Leute begeistert, von Rilke bis zu Pound, und daß ein Jude sich für ihn begeisterte, ist ebenfalls nichts Ungewöhnliches. Es gab im Gegensatz zum Deutschen Reich in Italien keinen offiziellen, wenn auch einen latenten Antisemitismus. Im dritten Bande des Jüdischen Lexikons“ kann man den Satz lesen: „Italien ist das einzige Land in Europa ohne Antisemitismus“, und noch 1936 erklärte Mussolini: „In Italien gibt es keine Judenfrage.“

Wir sind darüber vor allem durch zwei hervorragende Standardwerke aufs gründlichste unterrichtet, durch Attilio Milanis „Storia degli ebrei in Italia“ und durch Renzo de Felices „Storia degli ebrei italiani sotto il fascismo“, denen wir entnehmen können, daß nicht nur Juden zu den Gründern des Fascio gehörten, sondern daß auch 230 Juden an dem Marsch auf Rom teilnahmen. Der Rassismus in Italien ist ein deutscher Import, der mit Hitlers Besuch im Jahre 1938 seinen Anfang nahm und seine entsetzlichen Konsequenzen in den späten Kriegsjahren zeigte. Mit Hitler verglichen, war Mussolini die längste Zeit das kleinere Übel, aber ein Übel war er wohl doch, auch in den Augen der deutschen Emigranten, von Ausnahmen einmal abgesehen.

Man kann also beides: erklären, warum Meckauers Anbiederung an Mussolini nicht die absolute Schande war, und beklagen, daß ausgerechnet er als Patron einer antifaschistischen Auszeichnung dienen soll, wobei man auch bemerken könnte, daß die bisher Ausgezeichneten, etwa die Germania Judaica, die Deutsche Bibliothek oder das Leo Baeck Institut, mehr Glanz auf den Namen Meckauers geworfen haben als dieser auf sie.

Der Walter-Meckauer-Kreis, geleitet von Tochter und Schwiegersohn Meckauers, sollte der Erinnerung an ihn dienen; die zum Jahrestag der Bücherverbrennung gestiftete Plakette, eine reine Privatangelegenheit, wenn man so will, sollte das öffentliche Interesse steigern. Beide Ziele sind kaum erreicht worden und werden sich wohl auch nicht erreichen lassen. Hans-Albert Walters Ansinnen, in Zukunft auf öffentliche Ehrungen im Namen Meckauers zu verzichten, ist nicht anberechtigt, und mit ihm wiederholt sich nur, was schon so oft bei uns geschehen ist. Erst jüngst ist der Fritz-Sänger-Preis der SPD ins Gerede gekommen. Und wie ist es mit den Namen unserer Schulen, unserer Kasernen, unserer Kriegsschiffe gewesen? Immer wieder die falschen Patrone in einer Gesellschaft, die unendliche Mühen hat, zu begreifen und zu akzeptieren, welcher Vorbilder eine Demokratie bedürfte, die nicht mit dem Schutt des Verbrechens und der Anpassung errichtet würde. Walter Boebhch