Er stand plötzlich vor der Tür, der Vermißte. Kaum wiederzuerkennen, mit tiefen Augenhöhlen, die abgewetzten Uniformkleider schlottern um die Glieder. Der Heimkehrer, im Dorf bekannt als bärenstarker Mann, 1 80 groß, wog keine hundert Pfund mehr. Daß er überhaupt noch lebte, hatte er den Engländern zu verdanken, die ihn im Juni 1945 aus dem amerikanischen Massencamp Rheinberg übernommen hatten, einem der berüchtigten Hungerlager auf den Rheinwiesen und feldern, wo die Amerikaner nach der Kapitulation der deutschen Ruhrarmee Hunderttausende von Kriegsgefangenen auf freiem Feld hinter Stacheldraht eingepfercht hatten. Was unser Heimkehrer zu berichten hatte, kehrt in Tausenden anderer Berichte wieder: Tagelang gab es nichts zu essen, allenfalls mal einen Teelöffel Milchpulver. Nach Wasser mußten die vom Durst Gequälten stundenlang anstehen. Gegen Frost und Wind, Schnee und Regen schützten sich die Männer notdürftig, indem sie sich Erdlöcher buddelten, in denen sie sich nachts, eng umschlungen, aneinander zu wärmen suchten. Wer einen Pappdeckel als Unterlage hatte, konnte froh sein. Täglich fielen Leute vor Erschöpfung um, andere wurden in zusammenstürzenden Höhlen verschüttet, manche starben an Ruhr und Typhus, weil sie aus Pfützen getrunken hatten, oder an Lungenentzündung "Nie hätte ich den Siegern eine solche barbarische Art der KriegsgefangenenBehandlung zugetraut", notierte sich ein Feldwebel.

Warum haben wir in all den Jahrzehnten nach dem Kriege so viele Bücher und auch Filme über das Leiden der deutschen Gefangenen in der Sowjetunion kennengelernt, aber kaum etwas über das Kriegsverbrechen der Amerikaner an den ihnen anvertrauten Gefangenen erfahren, ein Verbrechen, dessen Ausmaß offensichtlich bisher von deutschen Historikern noch gar nicht erkannt worden ist. Aufgerührt hat diese unschönen Erinnerungen das Buch eines kanadischen Journalisten, das in Amerika als Bestseller gehandelt wird, wohl weil es den Mythos des Kriegshelden und späteren Präsidenten Dwight D. Eisenhower ins Wanken bringt:

Deutsche Kriegsgefangene in amerikanischen und französischen Lagern 1945 1946; Ullstein Verlag, FrankfurtBerlin 1989; 302 S, 39 80 DM Der Titel des kanadischen Originals heißt schlicht "Other Losses". So lautete eine Rubrik in den wöchentlichen amerikanischen Armeestatistiken. Ihren Sinn konnte Bacque erst nach langwierigen Recherchen entschlüsseln, als er einem amerikanischen Obersten begegnete, der im Obersten Alliierten Hauptquartier (SHAEF) deutsche Angelegenheiten bearbeitet hatte. Dieser Oberst Philip Lauben brach das Schweigen: "Sonstige Verluste? Das bedeutet Todesfälle und Fälle von Flucht " Aber geflohen sind weniger als 0 1 Prozent, und wer durch den Stacheldraht kletterte, riskierte, gnadenlos von den Wachposten niedergeschossen zu werden.

Bacque, studierter Historiker, deckte ein Geheimnis auf, das die amerikanische Armee bereits im Frühjahr 1945 unter der Decke zu halten wußte: das — wenn nicht von höchsten Stellen gewollte, so doch geduldete — Massensterben in amerikanischen und französischen Lagern. Er wagte sich unbefangen an das Thema, denn anders als der große Bruder hatten Kanadier und Engländer nach der deutschen Kapitulation ihre Gefangenen relativ gut behandelt. Doch viele Lagerakten waren bereits vernichtet worden, und in den wenigen noch vorhandenen Dokumenten stellten Bacque und seine Mitarbeiterinnen Zahlenmanipulationen, Verfälschungen, Halbwahrheiten oder Euphemismen sonder Zahl fest.

Unter Deutschen pflegte man bislang eine von der Sieger- und Schutzmacht Amerika übernommene Lesart: Die Alliierten waren bei Kriegsende einfach überfordert, als sie viele Millionen ehemaliger Soldaten der Wehrmacht und anderer Organisationen zu versorgen hatten, in einem Land mit zerstörten Dörfern und Städten und mit zusammengebrochener Verwaltung, ohne genügend Transportmittel und Proviantvorräte. Bacque räumt mit dieser Beschwichtigungslegende auf: "Zelte, Lebensmittel, Stacheldraht und Medikamente waren knapp in den Lagern — nicht, weil es der Armee an Vorräten mangelte, sondern weil den Bitten um Lieferungen nicht nachgegangen wurde Am 22. April 1945 hatte die amerikanische Armee in Europa Nahrungsrationen für fünfzig Tage auf Lager, mit denen sie fünf Millionen Menschen mit 4000 Kalorien pro Tag hätte ernähren können; es mußten aber nur 2 6 Millionen US Soldaten versorgt werden. Außerdem waren den Siegern vollgefüllte deutsche Depots in die Hände gefallen. Das Rote Kreuz verfügte über dreizehn Millionen Lebensmittelpakete, von denen jedes einen Menschen einen Monat mit 500 Kalorien pro Tag hätte ernähren können.

Bacque kommt angesichts dieses Mißverhältnisses — dort eine siegreiche Armee im Überfluß, hier Millionen hungernder Gefangener — zu dem Schluß, daß dieses Massenelend gewollt war. Hier waltete der Geist des Morgenthauplans, hier wurde an den Deutschen die Rache für Dachau und Buchenwald vollzogen.

Aus Churchills Memoiren und den alliierten Dokumenteneditionen kennen wir längst die makabren Szenen bei den Gipfelkonferenzen in Teheran und Jalta, als Stalin und Roosevelt auf die Erschießung von 50 000 deutschen Offizieren anstoßen wollten — angeblich nur zum Scherz! In diesem Buch nun finden wir Zitate des amerikanischen Oberkommandierenden in Afrika und Europa, die jenen Aussagen in nichts nachstehen. Schon im Mai 1943, als 300 000 deutsche Soldaten in Tunis kapituliert hatten und die amerikanischen Truppen ihrer nicht sofort Herr werden konnten, schrieb General Eisenhower an den Generalstabschef und späteren Außenminister George Marshall: "Ein Jammer, daß wir nicht mehr umgebracht haben In mehreren Ausgaben der Eisenhower Dokumente wurde, wie Bacque feststellte, dieses Postskriptum unterschlagen.