Von Hans Schueler

Jurist bin ich hier nur geworden unter der Bedingung, daß ich als Verteidiger tätig sein kann“, hat er dem West-Besucher noch Mitte letzter Woche seinen beruflichen Werdegang in der DDR erklärt. Nun ist er zu den Anklägern übergewechselt. Gregor Gysi, Vorsitzender des Rates der Rechtsanwaltskollegien, gehört der Untersuchungskommission an, die sich mit Korruption und Amtsmißbrauch im Kreis der gestürzten und noch zu stürzenden SED-Oberen befassen soll. Zugleich ist er Mitglied der 25köpfigen Arbeitsgruppe zur Vorbereitung des für Mitte Dezember anberaumten Parteitages. Praktisch führt dieses Gremium derzeit die kopflos gewordene Staatspartei.

Die Revolution erzeugt ihre Helden über Nacht. Ob sie es morgen noch sein werden? Selbst Hans Modrow, der vor ein paar Wochen den Altfunktionär Willy Stoph im Amt des Ministerpräsidenten abgelöst hat, wird jetzt nach seiner Legitimation gefragt. Gregor Gysi, erst knapp 42 Jahre alt und im vergangenen Jahr zum Vorsitzenden der 600 Köpfe umfassenden Anwaltskollegien der DDR gewählt – vergleichbar dem Präsidenten der Bundesrechtsanwaltskammer –, gehörte freilich schon seit längerem zu den Hoffnungsträgern der Menschen im Mauerstaat. Sie wußten, daß er Republikflüchtlinge und systemkritische Bürger vor den Strafgerichten verteidigte. Und sie wissen, daß er, wenngleich SED-Genosse und gut verdienender Rechtsanwalt, weder eine Villa in Wandlitz noch ein Jagdrevier besitzt.

Inzwischen konzentriert sich auf Gregor Gysi die Zuversicht, er werde aus der DDR binnen kurzem einen Rechtsstaat machen. Einen ersten Schritt dazu hat er schon getan: Sein Auftritt bei der Massendemonstration Anfang November auf dem Ostberliner Alexanderplatz bewog den Ministerrat, ganz rasch den ersten, halbherzigen Entwurf eines Reisegesetzes wieder verschwinden zu lassen, der den DDR-Bürgern abermals lange Antragsfristen und Versagungsgründe bis hin zum „Schutz der Moral“ aufnötigen wollte.

Größere Unternehmen lassen die Verhältnisse, unter denen der Anwaltsvorsteher arbeitet, noch nicht zu. Er pendelt zwischen der Praxis an der Frankfurter Allee und seinem Büro im „Hauptgerichtsgebäude“ an der Littenstraße. Dort residiert Gysi wie ein Kanzleisekretär, am Billigschreibtisch aus Kiefernholz, umgeben von Plastikmöbeln, mit zwei schlecht funktionierenden Telephonen mühsam um Kontakte zur Außenwelt ringend. Der Staat hat am Repräsentanten der DDR-Advokatur demonstriert, was er von Advokaten, und mit dem Justizpalast, was er vom Recht im ganzen hält: Ein grauer, verfallender Bau aus Kaiser Wilhelms Zeiten, in dem sich die Tradition monarchischer Obrigkeit mühelos ins kommunistische Untertanenwesen überführen ließ: „Mensch, der Du diese Hallen betrittst, laß’ alle Hoffnung fahren!“

Dem kleinen, unscheinbaren Mann mit dem kahlen Schädel und der Nickelbrille auf der Nase würde niemand auf den ersten Blick zutrauen, daß er Massen bewegen kann. Und doch jubelten ihm bei Großkundgebungen in Ost-Berlin Hunderttausende zu, als er eine Verfassungsreform und die Entrümpelung des politischen Strafrechts der DDR forderte oder als er feststellte, die beste Staatssicherheit sei Rechtssicherheit. Am vergangenen Sonntag war Gysi der erste Parteifunktionär, der dem zurückgetretenen Generalsekretär Egon Krenz öffentlich auch den Verlust seines Amtes als Staatsratsvorsitzender in Aussicht stellte. Allerdings steht er zu seiner Uberzeugung, Krenz persönlich habe dafür gesorgt, daß es beim ersten Montagsumzug in Leipzig am 9. Oktober nicht zum Blutvergießen gekommen ist.

Noch im Sommer hatte Gysi gemeinsam mit dem Konsistorialpräsidenten der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg, Manfred Stolpe, seine Klientin Bärbel Bohley über einen abgelegenen Grenzübergang von der Tschechoslowakei in die DDR zurückgeholt – klammheimlich. Sie war nach der Rosa-Luxemburg-Demonstration am 17. Januar zusammen mit ihrem Lebensgefährten verhaftet, aber wider Erwarten nicht abgeurteilt worden. Staatssicherheitsminister Erich Mielke ließ die beiden nach England abschieben. Auf Drängen der britischen Regierung mußte er sie nach ein paar Monaten wieder zurücknehmen. Bärbel Bohleys Rückkehr war ein kaum bemerktes Vorzeichen der kommenden Ereignisse. Zu dieser Zeit, im Juli, hatte Gregor Gysi auch sein erstes von zwei Gesprächen mit Egon Krenz: „Ich habe ihm alles gesagt, was ich glaubte, daß es getan werden müsse, um den Staat zu reformieren. Er hat zugehört und geschwiegen.“ Gefährlich für ihn, meint Gysi, sei das damals nicht mehr gewesen. „Krenz war schon sehr verunsichert.“ Es mag durchaus sein, daß er den Freimut des jungen Genossen aus der Anwaltschaft zu schätzen wußte, an dessen Treue zum Sozialismus kein Zweifel besteht.