Ein literarisches Ereignis ist zu vermelden, das sich auf den lesenden Teil der Öffentlichkeit vermutlich nur höchst langsam auswirken wird: Die deutsche (und damit erste) Übersetzung eines Langgedichts, das in der englischen Literatur zu einem heimlichen Klassiker der Moderne zu werden verspricht, ganz wie Pounds "Cantos" oder Eliots "The Waste Land" — gemeint ist David Jones Poem "Anathemata".

W H. Auden hielt es für das wohl beste Langgedicht der englischen Sprache im 20. Jahrhundert. Der 1952 zuerst erschienene Text knüpfte zugleich an die Techniken der Moderne an, wie sie von Pound, Joyce, Eliot und anderen entwickelt worden waren, und bezog sich mit der Kraft des Ungleichzeitigen auf die christliche Religion. Jones (1895 1974) hatte viele Jahre an diesem Werk gearbeitet, nachdem, ebenfalls verspätet, 1937 seine literarische Verarbeitung des Ersten Weltkriegs unter dem Titel "In Parenthesis" erschienen war. In "Anathemata" verwendete er eine Technik, die er auch als Maler kultivierte: die Überlagerung von Linien, Farben und Schichten als Ausdruck des Glaubens an einen universellen Zusammenhang der Dinge und Ereignisse, an die Sinnhaltigkeit der Geschichte.

In diesem Langgedicht zeigt sich das als Überlagerung von historischen, geologischen und ästhetischen Linien und Sprachschichten (etwa Latein, Kymrisch, Deutsch, Griechisch), die die Heraufkunft des westlichen Bewußtseins markieren: die Genesis Europas aus dem Geiste griechischer Mythologie, römischer Organisationskunst, mittelalterlicher Artusphantasie und keltisch germanischer Imagination. Den Rahmen bildet die katholische Messe, in deren Zentrum die Verwandlung steht, als christlicher Kult und anthropologische Zeichenkunst zugleich. Ein vielfältiger Protagonist — Christus, Priester, Kapitän oder Dichter — setzt die Zeichen in diesem Ritual in einen sinnvollen Zusammenhang und wird so zum Sinnstifter. Erdgeschichte, Seefahrt, Londoner Straßenleben, Schiffbau verweisen gemeinsam auf einen Horizont: das Christusereignis, die Inkarnation, die der Geschichte Sinn verleiht.

Die Verweisungen sind keinesfalls beliebig. Die Technik Jones erinnert an das "Wüste Land" Eliots — aber der Wüste der Zeichen ist wieder ein Zentrum zugeordnet, das allerdings nicht in gewohnter christlicher Manier Geschichte reduziert, sondern erst recht zu sinnlicher Wirklichkeit zurückführt. Die Mythen der Kelten und Germanen werden durchsichtig auf Christus hin, nicht aber deswegen nichtig — in diesem Sinne erinnert das Werk an die Mythenforschung eines Hugo Rahner.

Erstaunlich, wie es Jones gelingt, das Oberste mit dem Untersten zu verbinden — so wie es die Ambivalenz des Titels "Anathemata" als geweihte und verbannte Dinge verlangt — ohne Hierarchien destruktiv werden zu lassen. Das kecke Cockney Mädchen ist Maria, und im Kapitän eines Schiffs scheint nicht nur Christus, sondern auch Dionysos durch. Slang ausgerechnet bereichert die sakrale Sprache ebenso, wie die exakte Benennung archäologischer und handwerklicher Tatsachen den poetischen Charakter stärkt. Das bedeutet aber auch Anstrengung für den Leser — die Beachtung der umfangreichen Fußnoten, die der Autor anfügte, bedeutet wiederholte Lektüre. Es gibt eben nicht nur eine Anstrengung des philosophischen Begriffs im Hegeischen Sinne, sondern auch eine Anstrengung des poetischen Begriffs. Möglich ist ein solches Werk, das Eiszeit und prähistorische Kunst ebenso zu durchdringen sucht wie die Metamorphosen des walisischen Mabinogion, römische Kriegsführung und Schiffstechnologie, möglich ist dies nur durch die Perspektivik, die das 20. Jahrhundert bereithält, indem es erstmals alle Epochen durch die Wissenschaften auszufallen begann.

Eine enorme Belastung auch für die Übersetzung. Cordelia Spaemann hat keine Mühe gescheut, durch Kommentare und Anmerkungen dieses schwierige Werk zu beleuchten. Und keine geringe Durchleuchtung ist ihr mit der Übersetzung selbst gelungen, wenn sie auch — im Gegensatz zum arg selbstbewußten Klappentext — anmerkt, daß es sich nur um einen Versuch handle; im gleichen Sinne übrigens wie das Original selbst, das der Autor einen "Schreibversuch" nannte, einen Versuch, von dem man hoffen kann, daß er nicht ohne Folgen bleiben wird.

Elmar Schenkel Aus dem Englischen, eingeleitet und kommentiert von Cordelia Spaemann; Herder Verlag, Basel 1988; 487 S, 98 - DM