Dieses Solsbüll rückt Maßstäbe zurecht. Was heutzutage sich so alles „Roman“ nennt! Dies ist einer. Eine weit ausgesponnene, welthaltige Familienchronik. Eine kleine Welt, aber sie spiegelt die große. Alltag in Solsbüll, einem Garnisonsstädtchen an der Bahn von Flensburg nach Kiel.

Im Mittelpunkt stehen die Hasses, drei Generationen. Großvater Gustav, Tischler in Flensburg, ist 1915 bei Soissons gefallen. Vater Gustav, Automechaniker, ist 1941 vor Moskau geblieben. Enkel Gustav ist der Erzähler. Er scheint in Solsbüll zeitlebens hängenzubleiben, ein pensionierter Fliegeroffizier, der die drei Töchter versorgt, wenn die Hausfrau und Mutter irgendwo eine Ausstellung ihrer Bilder einrichtet. Birken und Heidekraut im Garten. „Das paßt hierher.“ Der Erzähler wohl auch. Jedenfalls: „Es hätte keinen Zweck, was anderes zu pflanzen oder woanders hin zu ziehen.“

Zwar hat er das Fürchten gelernt beim Ergründen der Vergangenheit, aber „aus einem anderen Boden, zwischen anderen Bäumen heraus käme die dortige Angst“. Wohl Angst vor dem, was kommen könnte, in Anbetracht dessen, was alles gewesen ist. „Große“ und normale Zeiten – keine leicht zu überstehen. Aber da sind Tatkraft und Zuversicht der Großmutter Anne und der Tante Gret, die am dritten Gustav, dem Waisenkind, Mutterstelle vertritt. „Sie lächelte jedes Leben an, auch das nicht gut gelungene, ohne Ermächtigung, ohne Worte, auf eigene Faust.“

Anne und später Gret sind die Hebammen in Solsbüll. Unaufdringliche Symbolik. Und auch ein guter Trick, die Leser in viele Familien einzuführen. Erzählt wird mit Gelassenheit, grundsätzlich den Horizont der Leute zu ihrer Zeit wahrend. „Wer im Solsbüller Land ... hinter Busch und Buckel wohnt, der sieht nicht weit.“ Gelegentlich etwas Spott oder besänftigender Humor, von der traurig lächelnden Sorte. Im allgemeinen läßt Jochen Missfeldt seine Figuren scheinbar unbeaufsichtigt miteinander reden und auch nach Gutdünken handeln, selbst wenn sie einander reinlegen oder sogar jemanden umbringen. „Ich persönlich habe nichts gegen Juden“, sagt der Bürgermeister, der gleich 1933 „durchgriff“ und billig an die Pinselfabrik eines Juden gekommen ist. „Als Idee war der Nationalsozialismus nicht schlecht“, sagt der Doktor, deutschnational und vermutlich Halbjude, „bloß die Ausführung ließ zu wünschen übrig.“

Das würde sich dahinläppern wie schlecht gelebtes Leben, wären die Schicksale und Schauplätze nicht miteinander verwoben zu einem sich langsam erschließenden Muster. Lange nur beiläufig, treten Erzählstränge plötzlich effektvoll hervor. Wie die verhinderte Liebe zwischen Riewert und Eva sich erfüllt, als zehn Jahre später Riewert Erichsen, nun als Kriegsberichterstatter Rivert Edison, im Rathaus zu Solsbüll Evas Leiche findet... Wo habe ich das schon einmal gelesen? Ach ja, anders und doch ähnlich bei Johann Peter Hebel.

Alles wäre für die Katz, wäre es nicht sprachlich gemeistert. So unaufdringlich und schlackenlos ist Missfeldts Sprache, mit genau plazierten Einsprengseln von Umgangsdeutsch, daß man die Kunst der Einfachheit nicht gleich erkennt. Auch heikle Episoden sind scheinbar mühelos gemeistert. Die Zwiesprache zwischen Mutter und ungeborenem Kind zum Beispiel. Oder der Tod der Mutter des dritten Gustav im brennenden Hamburg. Oder der Führer mit kleinem Gefolge bei einer Vorführ- und Probevergasung: Zwischen den Zeilen lauernder Witz macht die Szene zumutbar. Ganz anders die vollen Register, die gezogen werden für die seitenlangen Visionen während der Agonie der Großmutter Anne. Kühn die Stimme der Toten, ein gemischter Chor aus Tätern, Opfern und Nichtsahnenden.

Eine unendliche Geschichte, auch formal. Der letzte Satz korrespondiert mit dem ersten „Nichts kann zu Ende erzählt werden. Alles ist nur immer Anfang.“ So heißt es zwischendrin einmal, beiläufig. Auf die Beiläufigkeiten muß man besonders achten. Vier Jahre Arbeit stecken in diesem Buch. Es wird bleiben. Hans Daiber