Von Gottfried Sello

Hans Hartung in Leipzig – "in Anwesenheit des Künstlers" sollte die große Retrospektive für den Maler eröffnet werden, der vor 85 Jahren in Leipzig geboren wurde. Eine Härtung-Ausstellung in der DDR, vor kurzem noch eine abenteuerliche Vorstellung, heute Realität. Die Wende macht’s möglich. Die Ausstellung war lange vor dem Oktober 1989 geplant und für 1990 mit dem Künstler abgesprochen. Die Veränderungen im Klima, die Durchlässigkeit der gegen die Westkunst errichteten Mauer sind der politischen Wende offenbar vorausgegangen. Sonst wäre man kaum auf die Idee gekommen, Hans Hartung, den Pionier, den Altmeister der Abstrakten, nach Leipzig zu holen, das er seit 1935, seit ihn die Nationalsozialisten aus dem Lande verjagten, nicht wiedergesehen hat. Und Hartung war fest entschlossen, trotz seines Alters, trotz der Gehbehinderung (er hatte im Krieg gegen Nazideutschland ein Bein verloren) nach Leipzig zu reisen. Ein Maler, der im Westen alle Kunstpreise eingeheimst hat und zu den Weltbesten aufgerückt ist, darf sich und sein Werk endlich auch in seiner Heimat repräsentieren.

An der Leipziger Universität hatte Hartung Philosophie und Kunstgeschichte studiert, bevor er auf die Akademie der Schönen Künste überwechselte. Sein stärkster Eindruck, hat er später erklärt, sei ein Vortrag gewesen, den Kandinsky vor den Studenten gehalten habe. Hat Kandinsky ihn auf den Weg der Abstraktion gebracht? Es existiert eine Serie von Aquarellen aus dem Jahr 1922, die später von Will Grohmann publiziert wurde. Hartung war achtzehn Jahre alt, er hatte noch nie ein abstraktes Bild gesehen und malte Aquarelle, die nichts abbildeten, die man nach heutigem Jargon als informell bezeichnen würde.

Ein bemerkenswerter und seltener Fall, daß ein Künstler in einer Blitzaktion gleichsam das Ziel vorwegnimmt, das er auf Umwegen, über Experimente und Erfahrungen mit kontroversen Möglichkeiten, mit Expressionismus, Spätkubismus, auch Surrealismus schließlich wieder erreichte.

Nach 1945, im Pariser Nachkriegsmilieu hat die informelle Malerei erst ihre große Stunde. Sie signalisiert chaotischen Neubeginn, Ausbruch aus der – äußeren – Realität, Destruktion des Formgefüges, Primat einer inwendigen Optik. Das Bild wird als psychographisches Ereignis interpretiert. Zwei deutsche Emigranten werden für die Vaterschaft des Informel in Anspruch genommen: Wols, der peintre maudit, immer am Rand der Verzweiflung, der die Fragmente einer gescheiterten Existenz in die Malerei einbringt, der elend zugrunde geht, bevor Informel marktgängig und sogar gewinnträchtig werden sollte. Und Hans Hartung, sein mit einem glücklicheren Naturell ausgestatteter Antipode im Informel. Hartungs Bilder beschreiben keine psychischen Extremsituationen. Die Spontaneität wird unter Kontrolle gehalten und in weit ausholenden kalligraphischen Schriftzügen aufgefangen. Er entwickelt eine Methode, ein Muster, um das Bild zu organisieren. Erst wird ein fast monochromer, gelegentlich mit Farbflecken aufgelockerter Grund hergestellt, vor dem sich die einzelnen oder gebündelten, bald heftig, bald leise agierenden Linien zur Geltung bringen. Man kann die Bilder psychologisch, als Aufzeichnung seelischer Zustände, man kann sie auch als Spurensicherung kosmischer Energien deuten. Die Titel der Bilder lassen keine Rückschlüsse zu auf die Intentionen des Künstlers. Sie lauten "T (gleich Tableau) 1955 – 17" (Entstehungsjahr und laufende Bildnummer).

Möglicherweise hat gerade die Vieldeutigkeit der Bilder, ihre rätselhafte Inhaltlichkeit zu ihrem unglaublichen Erfolg in den fünfziger und sechziger Jahren beigetragen. Hartung lieferte genau die Art von abstrakter Kunst, die dem Publikum halbwegs einleuchtete, auf die es sich einen Vers machen, die es sogar ins Wohnzimmer hängen konnte (die gewaltige Graphik-Produktion hat die Breitenwirkung noch unterstützt).

Inwischen ist Ernüchterung eingetreten. Manche Hartung-Bilder sind ins Magazin der Museen abgewandert, die Entwicklung ist über ihn hinweggegangen. Hartung hat sie nicht zur Kenntnis genommen, auf die Gefahr hin, sich endlos zu repetieren (das haben andere auch getan). Hat Härtung das Informel banalisiert, hat er Salonkunst produziert? Ein grotesker Vorwurf, wenn man heute die alten Bilder wiedersieht. Nicht die Bilder, nur die tiefschürfenden Interpretationen haben an Überzeugungskraft verloren. Die Bilder sind einfach schön, sie sind mit erlesenem Geschmack arrangiert. Ihre dekorative Wirkung, das "Wohlgefallen", das sie auslösen, bedeuten nach Ansicht des Philosophen kein negatives Kriterium. "Das Schöne ist das, was ohne Begriffe als Objekt eines allgemeinen Wohlgefallens vorgestellt wird" (Immanuel Kant). Hans Hartung starb am 8. Dezember in Antibes.