Ein Pionierunternehmer der Nachkriegszeit ist gestorben

Sein Name gehört in die Reihe derer, die nach dem Zweiten Weltkrieg in der Wiederaufbaurepublik als dynamische Selfmadeunternehmer gefeiert wurden. Allerdings gehört er auch in die Phalanx der unternehmerischen Aufsteiger, die sich selbst zu lange für unentbehrlich hielten und um ein Haar ihr Unternehmen wieder aufs Spiel gesetzt hätten: Max Grundig, der Fürther Paradeunternehmer mit dem ausgeprägten Gespür für den Radiogeräte- und Fernsehapparatemarkt, der am vergangenen Freitag in Baden-Baden 81jährig starb. Er hatte schließlich doch mehr Glück als andere Wirtschaftswunderkinder. Die von ihm gegründete Firma ging nicht wie die Autofabrik von Carl F.W. Borgward oder das Werftimperium von Willy Schlieker in Konkurs.

Die Grundig AG gibt es noch, auch wenn sie heute von anderen geführt wird. Ähnlich wie dem Großversender Josef Neckermann, der 1977 sein Lebenswerk mit 65 Jahren nach reichlich langem Zögern an den Karstadt-Konzern verkaufen mußte, schlug auch Max Grundig die unternehmerische Stunde relativ spät. Er zog sich 1984 mit 76 Jahren zurück, als es gar nicht mehr zu verhindern war. Das Unternehmen wäre in den sicheren Ruin gelaufen, hätte ihr Gründer nicht 31,6 Prozent seines Gesellschaftskapitals und alle Managementrechte an den niederländischen Philips-Konzern abgetreten.

Berühmt wurde Grundig im Jahre 1946 mit dem „Heinzelmann“, einem kleinen, billigen Radiobausatz, mit dem der clevere und zupackend handelnde Grundig das alliierte Verbot zur Herstellung von Rundfunkgeräten und die Bezugsschein-Wirtschaft unterlief. Es wurde der Grundstein für ein Unternehmen, das sich zum größten deutschen Anbieter für Unterhaltungselektronik entwickeln sollte. Gern wurde vom rasanten Aufstieg des Wirtschaftswunderunternehmers Grundig nach der sogenannten Stunde Null geschwärmt. Aber ganz mittellos stand der gebürtige Nürnberger, der schon in frühester Jugend mit Elektrobasteleien sein Geld verdient hatte, nach dem Zweiten Weltkrieg nicht da. Im Krieg verkaufte er der Wehrmacht Trafos. Und als die Waffen wieder schwiegen, wurde sein Vermögen immerhin auf 17,6 Milionen Reichsmark geschätzt. Damit ließ sich ein neuer Anfang machen.

Grundig wußte die Gunst der Stunde zu nutzen – mit billigen Radios, später auch mit preisgünstigen Tonband- sowie Diktiergeräten und Fernsehapparaten. 1970 brachte das Geschäft ihm die erste Umsatzmilliarde, im Jahr 1982 setzte er drei Milliarden Mark um. In der Zeit seiner größten Expansion herrschte Max Grundig über 38 000 Beschäftigte in 23 inländischen Werken sowie Fabriken in Frankreich, Portugal, Österreich, Spanien, Italien und Taiwan.

Er hatte offenbar ein Händchen für gute Geschäfte. Das gilt übrigens nicht nur für die Unterhaltungselektronik. Max Grundig dürfte der Letzte gewesen sein, der mit dem Büromaschinenhersteller Triumph-Adler echte Freude hatte. 1957 hatte er die notleidenden Büromaschinenwerke von Triumph in Nürnberg und Adler in Frankfurt gekauft. Ende 1968 verkaufte er dann die beiden inzwischen hochgepäppelten und eng verzahnten Unternehmen für annähernd 220 Millionen Mark an das amerikanische Unternehmen Litton Industries – ein Riesengeschäft. Wenig später bekannte der Fürther stolz und offen zugleich: „Ich habe hundert Millionen Mark mehr bekommen, als sie wert waren.“ Dem Erfolg von Max Grundig und dem Wachstum seines Unterhaltungselektronik-Unternehmens schien jahrzehntelang nichts im Wege zu stehen.

Wäre da nicht Max Grundig selbst gewesen. Denn der nicht selten scheu und unsicher wirkende Unternehmer tat sich mit dem Delegieren von Managementaufgaben schwer. Vermutlich hätte er im Konzern am liebsten alles allein gemacht. Mit einem geradezu berühmt rüden Führungsstil regierte der Alte als absoluter Monarch über sein Firmenreich. Selbst namhafte Topmanager, die er in den Vorstand holte und als seine möglichen Nachfolger präsentierte, behandelte er zuweilen wie Schuljungen und verschliß sie innerhalb weniger Monate. Noch zum 75. Geburtstag schrieb das Handelsblatt dieser „Symbolfigur für das Wirtschaftswunder“ deutlich ins Stammbuch, Grundig habe sein Haus nicht bestellt.