Von Elisabeth Wehrmann

Toni Morrison, eine der großen Frauen der zeitgenössischen amerikanischen Literatur, steht in jener Tradition, die mit James Baldwin eine eigene Stimme, eine eigene Sprache fand. Doch während Baldwin – auf der Suche nach einem neuen Selbstbewußtsein – der dominierenden weißen Gesellschaft den Krieg erklärte, wagt Morrison den Blick zurück im Schmerz: auf die Geschichte ihres Volkes, die vor 300 Jahren in Amerika begann. "Sklavenhandel und Sklaverei sind Themen, an die sich niemand erinnern will", sagt Toni Morrison, "weder die Personen, über die ich schreibe, noch ich selbst; weder die Schwarzen noch die Weißen; ich meine, es herrscht eine nationale Amnesie."

Toni Morrisons Roman "Menschenkind", 1987 in den USA erschienen, 1988 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet, liegt jetzt in deutscher Übersetzung vor. In diesem Buch geht es der Autorin nicht so sehr um die Sklaverei als Institution, sondern eher darum, aus der Perspektive derer, die einst als anonyme Objekte gehandelt wurden, den ganz gewöhnlichen Alltag einer barbarischen Zivilisation zu zeigen.

Wer den vielen Stimmen ihrer Helden folgt, findet sich, wie sie, auf den verschlungenen Pfaden der Erinnerung in der Welt der Südstaaten. Die Geschichte beginnt kurz nach dem Ende des Bürgerkrieges in Cincinnati, Ohio, im Haus Nr. 124 in der Bluestone Road, wo die ehemalige Sklavin Sethe mit ihrer Tochter Denver lebt.

Allerdings ist ihr Leben leer, reduziert auf die simplen Mechanismen des Überlebens; ihr Haus, einst der lebendige Mittelpunkt der schwarzen Gemeinde, ist unheimlich: Der Geist von Sethes Tochter, der erstgeborenen, der besonders geliebten, geht um und vertreibt die Menschen. Sie war kaum zwei Jahre alt, noch namenlos, als ihr die Kehle durchgeschnitten wurde. Menschenkind war der Name, den Sethe auf den Grabstein meißeln ließ, nachdem sie den Steinmetz mit ihrem Körper bezahlt hatte.

Als nach langer Flucht Paul D., einer der Mit-Sklaven aus früheren, beinahe schon vergessenen Zeiten, das verrufene Haus betritt, wird die Vergangenheit lebendig, verändert sich die Gegenwart auf dramatische Weise. Paul D. kann den unheimlichen Geist vertreiben, doch eines Abends sitzt ein junges Mädchen auf der Schwelle, das von nirgendwo her kommt und nur seinen Namen kennt: Menschenkind. "Alles, was tot ist und wieder zum Leben erwacht, tut weh."

Lebendig werden die abgespaltenen Teile einer traumatischen Geschichte: die Zeit, in der Sethe als junges Mädchen zusammen mit Paul D., Paul A., und Paul F., mit Sixo, ihrem Ehemann Halle und seiner Mutter, der alten Baby Suggs, zum Eigentum der Plantage "Sweet Home" in Kentucky gehörten; lebendig werden die wechselnden Herren und die Ereignisse der Flucht, bei der Paul A. eingefangen und aufgehängt, Sixo bei lebendigem Leibe verbrannt, Paul D. gefangen und weiterverkauft wurden und Halle verschwand. Sethe, von der Peitsche des "Schulmeisters" für immer gezeichnet, kann sich und die Kinder über den Fluß ins freie Ohio retten.