In die beste Zeit unsrer Geschichte,

Die die Sacharowsche wird genannt.

(Wladimir Kornilow)

Über die Wunder von Perestrojka und Glasnost wird jetzt überall viel geschrieben und gesprochen. Als Initiator der radikalen Wende, die man bereits eine Revolution nennt, erscheint meistens allein der Generalsekretär der KPdSU Michail Gorbatschow, aber die Notwendigkeit eines grundsätzlichen Umbaus von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft haben denkende Menschen in Rußland bereits vor Jahrzehnten erkannt, und der erste, der diese Notwendigkeit auch wissenschaftlich fundiert bewies, war Andrej Sacharow. Er erinnerte sich, wie er dazu kam: "... in den Jahren zwischen 1953 und 1962 war meine Teilnahme an der Entwicklung von Atomwaffen, an der Vorbereitung und Verwirklichung thermonuklearer Versuche von dem schärfer werdenden Bewußtsein der dadurch hervorgerufenen moralischen Probleme begleitet."

Im Sommer 1968 erschien sein Memorandum "Überlegungen zu Fortschritt, friedlicher Koexistenz und intellektueller Freiheit". Sacharow warnte nachdrücklich vor den Gefahren nuklearer, ökologischer, sozialer und existentieller Katastrophen, die durch die Rivalität zweier Supermächte ausgelöst werden könnten. Wissenschaftlich exakt plädierte er für eine Konvergenz der gegensätzlichen Systeme. Bereits in diesem ersten öffentlichen Appell fordert Sacharow Glasnost.

Im März 1971 begründete er in einer an Breschnjew gerichteten Denkschrift erneut die Lebensnotwendigkeit von "Glaubens- und Gewissensfreiheit, Freiheit des Informationsaustauschs und Freizügigkeit" für alle Menschen und auch für den Staat. Ein Jahr darauf (Juli 1972) folgte sein "Nachwort zur Denkschrift". Es klingt heute, als wäre es erst vor wenigen Tagen geschrieben: "... die einzig echte Garantie zur Wahrung der menschlichen Werte im Chaos der beeinflußbaren Veränderungen und tragischen Erschütterungen (ist) die Meinungsfreiheit... Unsere Gesellschaft ist befallen von Apathie, von Heuchelei, von kleinbürgerlichem Egoismus, von versteckter Grausamkeit. Die Mehrheit ... im Apparat der Partei- und Staatsführung klammert sich an ihre offenen und geheimen Privilegien und ist zutiefst gleichgültig gegen Verletzungen der Menschenrechte, ... gegen die Sicherheit und Zukunft der Menschheit. (...) Für die geistige Gesundung des Landes ist es unbedingt erforderlich, die Ursachen zu beseitigen, die den Menschen Anstoß zu Heuchelei und Opportunismus geben, ihnen das Gefühl der Ohnmacht verleihen..."

Die meisten Kollegen konnten Sacharows Verhalten nicht begreifen. Er, der geniale Physiker, den man "Vater der Wasserstoffbome" nannte, wurde mit den höchsten Orden – dreifach mit dem goldenen Stern "Held der sozialistischen Arbeit" –, mit zahlreichen Preisen und Ehrungen ausgezeichnet; ihm waren lebenslängliche Privilegien, Wohlstand, unbeschränkte Möglichkeiten, in seinem Beruf zu wirken, gesichert. Dies alles gab er auf, um die Unabdingbarkeit grundsätzlicher sozialpolitischer und wirtschaftlicher Reformen öffentlich zu beweisen, einen hoffnungslosen Kampf gegen den allmächtigen Staat, für die machtlose Gerechtigkeit zu führen. Unermüdlich und unerschrocken setzte er sich immer wieder für ungerecht Verfolgte und Verhaftete ein. 1975 wurde Sacharow der Friedensnobelpreis verliehen. In seiner Dankrede schrieb er: "Friede, Fortschritt, Menschenrechte, diese drei Ziele sind untrennbar miteinander verbunden. Man kann nicht eins von ihnen erreichen und gleichzeitig die anderen mißachten ... Internationales Vertrauen, gegenseitiges Verständnis, Abrüstung und internationale Sicherheit sind nicht denkbar ohne Glasnost der Gesellschaft. Der Fortschritt ist unteilbar, und eine besondere Rolle in den Mechanismen des Fortschritts spielen die intellektuellen geistigen Faktoren."