Ob Martin Heidegger Antisemit war, ist heftig umstritten. Der Vorwurf wurde immer wieder erhoben, doch gelang es nicht, ihn genügend zu erhärten. Dabei kommt Heideggers Haltung zum Antisemitismus größte Bedeutung für die Wirkungsgeschichte seiner Philosophie zu. Jean-Paul Sartre etwa hätte niemals die Gedanken des Freiburger Philosophen propagiert, wenn ihm nicht glaubwürdig versichert worden wäre, daß dieser kein Antisemit gewesen sei, ja sogar jüdische Hochschullehrer geschützt habe. Evident ist die Bedeutung der Antisemitismusfrage für die Beurteilung von Heideggers nationalsozialistischem Engagement. Die Forschungen des Historikers Hugo Ott machen eindringlich klar, wie kompromittierend Heideggers Verhalten als Rektor der Freiburger Universität war.

Der große jüdische Phänomenologe Edmund Husserl, Heideggers Vorgänger auf dem Freiburger Lehrstuhl, hatte im Mai 1933 einen „in den letzten Jahren immer stärker zum Ausdruck kommenden Antisemitismus“ Heideggers beklagt. In den „Erinnerungen“ Toni Cassirers, der Frau des bedeutenden Neukantianers Ernst Cassirer, liest man in einer Reminiszenz an das berühmte Zusammentreffen Heideggers mit Cassirer in Davos 1929 von Heideggers „Neigung zum Antisemitismus“. Allein der Quellenwert dieser Äußerungen wurde nicht allzu hoch eingeschätzt. Bei Husserl konnte man mutmaßen, daß ihm die Enttäuschung über das Verhalten seines Lieblingsschülers die Feder geführt hatte, während die erst 1950 erschienenen Erinnerungen Toni Cassirers als in Details ungenau galten. Die hohe Zahl jüdischer Heidegger-Schüler, zu deren bekanntesten Hannah Ahrendt, Günther Anders, Hans Jonas, Karl Löwith und Herbert Marcuse gehören, ließ die Annahme eines Heideggerschen Antisemitismus wenig plausibel erscheinen. Zudem paßte ein rassisch gefärbter Antisemitismus schlecht in Heideggers Philosophie, „da das Biologische in der Ontologie keinen Platz hat und die Möglichkeiten des Daseins, zwischen dem Eigentlichen und dem Uneigentlichen zu wählen“, wie Lucien Goldmann betont, „in keiner Hinsicht begrenzen oder begünstigen kann.“ André Glucksmann formulierte sogar, daß man in der deutschen Philosophie auf Heidegger habe warten müssen, bis es einen großen Denker gab, der kein Antisemit war.

Ein Vorgang ist allerdings gut bezeugt, bei dem sich Heidegger mit dem Sprachgebrauch der Antisemiten vertraut zeigte. Im Dezember 1933 denunzierte er in gehässigem antisemitischen Stil seinen früheren Vertrauten Eduard Baumgarten beim Göttinger NS-Dozentenbund. Unter anderem bezichtigte er Baumgarten eines engen Kontaktes mit einem jüdischen Hochschullehrer, dem klassischen Philologen Eduard Fraenkel.

Heidegger, der sich mit Baumgarten aus persönlichen wie philosophischen Gründen überworfen hatte, wollte mit seinem Gutachten vermutlich Baumgartens Aufnahme in die Göttinger Dozentenschaft verhindern. Anderthalb Jahre später führte das Schriftstück zur Ablehnung von Baumgartens Habilitationsgesuch. Karl Jaspers, den Baumgarten über die Angelegenheit in Kenntnis setzte, hielt Heideggers Verhalten für unverzeihlich. Jaspers’ Stellungnahme zum „Fall Baumgarten“ bewirkte nach 1945, daß Heidegger nicht mehr in seine vollen Rechte als Ordinarius eingesetzt wurde. An einen grundsätzlichen Antisemitismus Heideggers vermochte Jaspers jedoch nicht zu glauben. Lapidar heißt es in seinem Gutachten vom Dezember 1945: „In den zwanziger Jahren war Heidegger kein Antisemit.“

Victor Farias’ Buch „Heidegger et le nazisme“, schlug 1987 in Frankreich zwar wie eine Bombe ein, doch die darin entwickelten Thesen setzten sich nur eingeschränkt durch. Philosophen bemängelten die fragwürdige Interpretation Heideggerscher Texte, etwa wenn Passagen aus „Sein und Zeit“ auf Hitlers „Mein Kampf“ bezogen wurden. Auf Historiker wirkte Farias’ assoziatives Vorgehen, ungeachtet des reichen empirischen Ertrags seiner Studie, wenig vertrauenerweckend. Seine Zentralthese, daß der Antisemitismus bestimmende Bedeutung für Heideggers Denken besitze, stieß weitgehend auf Ablehnung. So betonte der Publizist Klaus Bernath, man solle doch nicht glauben, daß Heidegger im Hause Jaspers „auch nur eine Tasse Tee bekommen hätte, wenn es den geringsten Argwohn in dieser Richtung gegeben hätte“.

Wie aber, wenn Heidegger lediglich vermieden hätte, öffentlich als Antisemit aufzutreten? Im „Fall Baumgarten“ jedenfalls hatte er sich hinter den Kulissen antisemitisch geäußert. Bereits vor mehr als einem Jahrzehnt unterstrich der Husserl-Forscher Karl Schuhmann, wie wichtig der Nachweis eines frühen Antisemitismus bei Heidegger wäre. Sein Verhalten nach 1933 ließe sich dann nicht mehr vorrangig als opportunistischer Kompromiß mit den neuen Machthabern deuten.

Nun ist ein Dokument aufgetaucht, daß erstmals Heideggers antisemitische Auffassungen vor der nationalsozialistischen „Machtergreifung“ belegt. Es handelt sich um einen Brief Heideggers vom 2. Oktober 1929 an den stellvertretenden Präsidenten der Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft, einer Vorläuferorganisation der DFG, Victor Schwoerer. In diesem Schreiben setzt sich Heidegger für ein Stipendiengesuch Eduard Baumgartens bei der Notgemeinschaft ein. 1929 war der Kontakt zwischen beiden noch ungetrübt. Baumgarten, der seine intellektuelle Prägung im Heidelberger Kreis seines Onkels Max Weber erfahren hatte, kannte Heidegger noch aus der Zeit des Ersten Weltkriegs. Nach der Promotion bei Alfred Weber ging Baumgarten als einer der ersten staatswissenschaftlichen Stipendiaten Deutschlands in die USA. Dort beschäftigte er sich mit dem Pragmatismus, lernte den Philosophen John Dewey kennen und wurde assistant Professor an der Universität Madison/Wisconsin. Trotz seiner Erfolge in Amerika entschied sich Baumgarten für die Rückkehr nach Deutschland, als ihm Heidegger im Mai 1928 anbot, sein persönlicher Assistent zu werden. Mit Baumgarten, dessen Habilitationsabsichten über Dewey er zu unterstützen versprach, hatte sich Heidegger einen Assistenten ausgesucht, der kein Phänomenologe war. Da jedoch die Stelle im Herbst 1929 noch durch den Husserl-Schüler Oskar Becker besetzt war, galt es, für Baumgarten bei der Notgemeinschaft ein Stipendium zu erwirken.

Der Adressat des Briefes, Victor Schwoerer, war für Heidegger kein Unbekannter. Als Ministerialrat und Leiter der badischen Hochschulabteilung hatte Schwoerer von 1919 bis 1923 das Anliegen Husserls auf eine besoldete Assistentenstelle für Heidegger unterstützt. Nach seinem Ausscheiden aus dem badischen Staatsdienst trat Schwoerer 1928 sein neues Amt bei der Notgemeinschaft an. Ebenso wie in Baden galt der parteilose Schwoerer auch in Berlin als sachkundiger und loyaler Verwaltungsjurist. Antisemitische Vorurteile waren Schwoerer vollständig fremd. Von 1911 bis 1920 kümmerte er sich als Ministerialkommissar um die Belange der badischen Juden. Noch 1934 bedankte sich der Israelitische Oberrat bei Schwoerer für sein „hervorragendes Verständnis“. Auch nach 1933 hielt der Jurist dem Juden Husserl die Treue. Die Briefe des aus rassischen Gründen von den Nationalsozialisten schwer gedemütigten Husserl an Schwoerer zeigen, wie viel dem Philosophen dieser Kontakt bedeutete. Im Jahre 1929 scheint sich Schwoerer für das Gesuch Baumgartens eingesetzt zu haben, denn dieser erhielt das Stipendium, wie sein Schwiegersohn, Wilhelm Schoeppe, versichert.

Die Person des Adressaten verhindert die Annahme, daß es sich bei dem Brief um ein rein strategisches Schreiben handelt. Vielmehr läßt sich aus den eher konspirativen Formulierungen folgern, daß Heidegger im Brief an seinen badischen Landsmann seine eigentlichen Ansichten zum Thema Antisemitismus vorbringt – Ansichten, die er weder im Kreis Husserls noch im Hause Jaspers laut zu äußern wagte.

Sicherlich relativiert das vorliegende Dokument nicht Heideggers anständiges Verhalten nach 1933 gegenüber einzelnen Juden, etwa seinem Assistenten Wilhelm Brock. Gleichwohl gewinnen die Erinnerungen, die sich auf eine antisemitische Haltung Heideggers beziehen, an Gewicht. Man wird erneut zu untersuchen haben, welcher Stellenwert dem Antisemitismus in Heideggers Weltbild zukommt, etwa in welchem Zusammenhang er mit Heideggers Kritik der Moderne steht. Auch wenn Heidegger kein Antisemit im biologistischen Sinn gewesen sein mag, dürfte doch an seiner antisemitischen Gesinnung nicht mehr zu zweifeln sein. Ob diese lediglich „vom üblichen kulturellen Schlage“ war, wie Jürgen Habermas meint, wird auf dem Hintergrund der folgenden zwar knappen, aber rabiaten Formulierungen, einer weiteren Untersuchung bedürfen. Hier der Brief: Freiburg i. Br. 2. Okt. 29. Hochverehrter Herr Geheimrat!

In diesen Tagen geht ein Stipendiengesuch des Herrn Dr. Baumgarten an die Notgemeinschaft ab.

Meinem Zeugnis möchte ich noch die persönliche Bitte an Sie, hochverehrter Herr Geheimrat, anfügen, dem genannten Gesuch eine besondere Aufmerksamkeit schenken zu wollen.

Was ich in meinem Zeugnis nur indirekt andeuten konnte, darf ich hier deutlicher sagen: es geht um nichts Geringeres als um die unaufschiebbare Besinnung darauf, daß wir vor der Wahl stehen, unserem deutschen Geistesleben wieder echte bodenständige Kräfte und Erzieher zuzuführen oder es der wachsenden Verjudung im weiteren u. engeren Sinne endgültig auszuliefern. Wir werden den Weg nur zurückfinden, wenn wir imstande sind, ohne Hetze und unfruchtbare Auseinandersetzung, frischen Kräften zur Entfaltung zu verhelfen.

Mit Rücksicht auf dieses große Ziel wäre ich besonders dankbar, wenn Herrn Baumgarten, den ich mir zu meinem Assistenten ausersehen habe, durch ein Stipendium geholfen werden könnte. –

Wir erleben jetzt die schönsten Herbsttage in unserem neuen Haus und ich freue mich jeden Tag, in meiner Arbeit mit der Heimat verwachsen zu sein.

In aufrichtiger Verehrung grüßt Sie, hochgeschätzter Herr Geheimrat

Ihr sehr ergebener

Martin Heidegger