Von Friederike Herrmann

Merkt denn keiner was? Niemand rutscht unruhig auf dem Stuhl, keine Stirn legt sich in Falten, Empörung wird nicht laut. Artiger Beifall ertönt, einer stellt noch eine Frage, dann spazieren die Zuhörer, zumeist schon etwas angegraute Ehepaare, nach Hause. Es war ein netter Abend in der Vorweihnachtszeit, ein lehrreicher Vortrag.

Kaum anzunehmen, daß die betagten Mitglieder des Hamburger Vereins „Freunde des Altonaer Museums“ allesamt verkappte Sozialrevolutionäre sind, die 68 alles umstürzen wollten: die patriarchale Familie, die Geschlechterrolle, die bürgerliche Gesellschaft. Dennoch folgten sie widerspruchslos der liebenswerten alten Dame mit bravem weißen Krägelchen, die zum Thema „Spielzeug unterm Weihnachtsbaum“ vortrug und den Stoff zur fundamentalen Gesellschaftskritik modifizierte – da blieb das Lebkuchenherz im Halse stecken.

Der Weihnachtsmann? Die Überhöhung der patriarchalen Vaterfigur, unanfechtbar, einschüchternd. Die Gaben für die Kleinen? Ein einseitiger Schenkritus, der zur Disziplinierungsmaßnahme gerinnt: die Puppe gegen ein ganzes Jahr Folgsamkeit. Feiern im trauten Familienkreis? Klassischer Ausdruck der alten Rollenmuster: Die Frauen tragen die ganze Last, sorgen für Plätzchen und Gemütlichkeit, um am entscheidenden Abend die Führung dem Göttergatten zu überlassen. Die Tyrannei der Intimität. Resümee: Das Weihnachtsfest, wie wir es heute feiern, ist ein Produkt des 19. Jahrhunderts und als solches überholt.

Danke, das reicht. Es hat zum Glück keiner etwas gemerkt. Was damit zusammenhängen mag, daß diese Thesen genauso nett verpackt daher kamen wie die Aufmupfige selbst: Lichtbilder, die alle Herrlichkeit des Heiligen Abends spiegelten, begleiteten den Vortrag; dann und wann wußte die Referentin Kindergedichte und literarische Zeugnisse über das Glück dieses Festes einzuflechten und mit leuchtenden Augen vorzutragen.

Märchentante oder Burgerschreck? An diesem Abend ließ sich die Frage nicht klären. Besuchen wir also Ingeborg Weber-Kellermann, die große alte Dame der deutschen Volkskunde, zu Hause in der Universitätsstadt Marburg. Wie also hält sie es mit dem Fest der Feste? „Ich selber bin ein großer Weihnachtsmensch. Ich wollte das Fest irgendwie retten.“ Ingeborg Weber-Kellermann lehnt sich in ihren Sessel zurück, für kurze Zeit verschwindet der Ausdruck freundlicher Unschuld aus ihrem Gesicht, und ganz professoral hebt sie den Zeigefinger: „Ich vertrete ja die Ansicht, daß Kultur, Alltagskultur, Zeichencharakter hat. Darin spiegeln sich soziale Zusammenhänge, die Kultur steht für die Menschen, die damit umgehen. Das gilt es zu entschlüsseln.“

Und so hat sie also Weihnachten – nicht nur in Vorträgen, sondern auch in einem dicken Buch („Das Weihnachtsfest“, Bucher-Verlag 1978) – als den vollkommensten Ausdruck der bürgerlichen Familie entlarvt. Um Weihnachten zu retten. Denn wenn es gelänge, sagt die 71jährige, diese Verknüpfung zu lösen, wenn, so ihre pragmatischen Vorschläge, die Plätzchen gekauft und Heiligabend Freunde eingeladen würden, könnte das Fest Bestand haben. „Man braucht nicht gleich den Weihnachtsbaum zu zerhacken.“ Ihr Weihnachtsbuch hat sie allen „kindlich empfindenden Menschen“ gewidmet. Kindlich aber nicht im Sinne von niedlich, sondern als anarchistische Form von Menschsein, die noch dem geliebtesten Teddybären den Bauch aufschneidet, um die Holzwolle zutage zu fördern.

Oft und gerne habe sie „die schöne heile Welt kaputtgemacht“, sagt Ingeborg Weber-Kellermann. Die falschen Idyllen sind ihr Lebensthema. Um die Familie geht es in ihren Büchern, die Kindheit, um Spiele, das Frauenleben und das Landleben im 19. Jahrhundert und eben um das Weihnachtsfest. Ingeborg Weber-Kellermann schaut hinter die Kulissen der Verklärungen, schildert etwa den harten Alltag des Landlebens und sucht nach Gründen für den Kitsch, der sich darum rankt: Sie reichen, so schreibt sie, von den Ängsten der durch die Industrialisierung gebeutelten Städter des 19. Jahrhunderts bis zur Sehnsucht nach einer beständigen Welt in der schnellebigen Gegenwart.

Zu Publikumsrennern aber dürften die Werke nicht ihrer Aufklärungsarbeit wegen geworden sein (so etwas verkauft sich immer etwas schlechter), sondern weil sie einfach wunderschön sind. Ingeborg Weber-Kellermann kann erzählen. Und sie beschreibt Sozialgeschichte, indem sie ausgiebig zitiert, Literaturgeschichte rauf und runter, von Theodor Fontane bis Simone de Beauvoir, aber auch aus Briefen und Tagebüchern Unbekannter. Alltagsgeschichte wird anschaulich durch Gemälde, Photos, Plakate, Karikaturen.

So viel Schönheit ist verräterisch. Da schimmert die bekämpfte Idylle mitunter wieder hervor. Ist die engagierte Aufklärerin vielleicht doch eine verkappte Romantikerin? Sie lacht: „Das weiß ich selber nicht... Rational bin ich ein Entmythologisierer“, fügt sie entschieden hinzu und richtet sich im Sessel auf. Das hat viel mit ihrer persönlichen Geschichte zu tun: „Obgleich meine beiden Eltern ganz entschiedene Gegner des Nationalsozialismus waren, habe ich das nicht kapiert und bin, ich muß es ehrlich sagen, BDM-Mädchen gewesen. In der Partei war ich nicht, aber mehr aus Schlamperei. Durch die Kriegsereignisse gingen mir dann allmählich Augen und Ohren auf, ich habe das Kriegsende als Rote-Kreuz-Schwester in Prag erlebt, ziemlich schrecklich.“ In Prag kam sie auch mit befreiten Juden aus Theresienstadt zusammen: „Da habe ich mir geschworen – ja, was habe ich mir geschworen?“

Die junge Wissenschaftlerin rebellierte nach dem Krieg in ihrem Fach. Die Volkskunde hatte sich im Nationalsozialismus der „Blut-und-Boden“-Ideologie nach Kräften angedient. Nun setzt Ingeborg Weber-Kellermann der arroganten Vorstellung von „Sprachinseln“, die Deutsche in Südost- und Osteuropa angeblich bildeten, das Modell der „Interethik“ entgegen, der gegenseitigen Befruchtung der Kulturen. Die Vertriebenenverbände haben sich darüber nicht gefreut. „Da habe ich schon böse Briefe gekriegt, wurde als der letzte Vaterlandsverräter attackiert. Aber das hat mich nicht sehr gestört.“

Damals forschte sie an der Akademie der Wissenschaften in Ost-Berlin und wohnte im Westen. Als die Grenzgängerei immer komplizierter wurde, nahm sie 1960 das Abgebot an, Assistentin in Marburg zu werden. Von den traditionellen Volkskundlern, die immer noch Bräuche und Alltagskultur beschreiben, ohne sie in soziale Zusammenhänge einzuordnen, wurde die Neue höchst mißtrauisch beäugt. Die aber marschierte selbstbewußt auf eine Professur zu. Viele schimpften: ‚Die kommt da aus dem Osten und bringt die Soziologie hierein.‘“ Energisch ballt Ingeborg Weber-Kellermann die Fäuste: „Also so eine blöde Verständnislosigkeit gegenüber einer gesellschaftlich fundierten Betrachtungsweise von Kultur. Na, und dann war ich auch noch eine Frau und auch noch geschieden – war ja furchtbar, so eine Person. Ich habe viel Böses hören müssen.“ Sie lächelt, irgendwie zufrieden.

Hat sie gelernt, diese Rolle zu lieben? Jedenfalls konnten die bösen Stimmen nicht verhindern, daß sie 1968 einen Lehrstuhl in Marburg erhielt und ein Jahr später zur Dekanin der philosophischen Fakultät gewählt wurde. Die mittlerweile Fünfzigjährige fand in den bewegten Jahren ihren Platz nicht „an der Seite der klugen weisen Ordinarien“, sondern „bei den aufmüpfigen Apo-Leuten“. Gemeinsam mit den Studenten erprobte sie Modelle der Mitbestimmung. „Man muß doch die Fähigkeit haben, Kompetenzen zu integrieren. Dabei kommt dann auch wissenschaftlich mehr heraus.“ Die „rote Weber“ wurde sie genannt, „was so gar nicht stimmt“, sagt sie – womit sie aber um so lieber kokettierte, behaupten ihre Studenten.

Konsequent brach Ingeborg Weber-Kellermann die professorale Etikette. Mit ihren Büchern setzte sie sich über das ungeschriebene Gesetz hinweg, daß Veröffentlichungen Habilitierter sich an den engen Kreis der Fachgelehrten zu richten haben. Der Publikumserfolg rief manche Neider auf den Plan. Obendrein drehte sie Fernsehfilme. „Auch so ein Sakrileg gegen die heilige Wissenschaft zu einer Zeit, wo ein gebildeter Mensch nicht ferngeguckt hat.“

Die Anerkennung kam spät. 1985 überreichte Holger Börner ihr die Wilhelm-Leuschner-Medaille: Sie habe „die Volkskunde von der Volkstümelei befreit“. Heute sitzen die Schüler der Marburger Professorin, die von ihr den soziologischen Blick erlernten, an den Universitäten der ganzen Republik. Ist sie eine Frau mit Kampfgeist? Das auch. Vielleicht aber mehr noch eine jener großartig listig Naiven, die noch vor dem dicksten Dickicht in aller Unschuld fragen: „Warum sollte man hier nicht langgehen können?“.

Und sie ist ein Organisationstalent. Nur so konnte sie, neben ihren vielen Projekten, auch noch die Rolle als alleinerziehende Mutter erfüllen. Wann immer es ging, packte sie Sohn Heinrich bei den Forschungsreisen einfach mit ins Auto: „Das war doch auch für ihn sehr interessant.“ Später spannte sie ihn bei ihren Filmen als Kameramann ein: „Ich hatte ihn ja so filmgeil erzogen.“ Hier stutzt sie kurz, hocht dem ungewohnten Wort der Jugendsprache nach und grinst dann zufrieden: Es darf bleiben. Dann schweigt sie eine Weile, bevor sie leise sagt: „Dieser Sohn, der ist das große Glück meines Lebens gewesen. Wir waren immer so ungeheuer gut befreundet.“