Von Hanns-Bruno Kammertöns

Wenn die Nächte länger werden und die Tage seltsam dunkel bleiben, findet der Waidmann ganz zu sich selbst. Schon vor einer Woche hatte Seine Durchlaucht den Wagen gerufen und war hinausgefahren in seinen Forst. Von dort hatte er mitteilen lassen, daß die Begegnung auf seiner Hütte stattfinden sollte.

Sie war nicht leicht zu finden, obwohl das Hofmarschallamt behilflich war und zur Orientierung einen Lageplan herüberfaxte. Danach war Erbprinz Johannes Baptista von Thurn und Taxis jenseits von Regensburg zu suchen, irgendwo am Ende der Strecke Barbing, Sulzbach, Unterlichtenwald.

Die Straße mündete in einen Lehmweg, und der Regen wurde stärker. Kilometer im Unterholz, Rehe waren zu sehen und immer wieder Wildschweine. Dann endlich ein Tor und dahinter die Hütte: ein Ensemble von acht oder zehn Jagdhäusern, verteilt auf einer verschwenderisch großen, sanft abfallenden Lichtung, über die langsam der Nebel zog. Ein Mann trat aus einer Tür. Er trug einen schwarzen Anzug und sprach sehr leise: "Parken Sie doch vor der Kapelle", schlug er vor.

Das Haus des Fürsten war gleich nebenan. Ein eher schmuckloses Gebäude mit einem allerdings sehr üppigen Geweih oben am Dach. Wir gehen die Stufen hinauf und treten hinein, ein leicht modriger, doch nicht unangenehmer Geruch steigt in die Nase. Die Zimmertür öffnet sich, und da steht er, Seine Durchlaucht, der Fürst. Blaßgrüner Janker, Hosen bis zum Knie, schwarzes Schuhwerk mit schönen, dicken Sohlen, genau das richtige für das tiefe Geläuf in Wald und Flur.

Eine stattliche Erscheinung. Das Gesicht sonnengebräunt, die Haare kurz, an manchen Stellen etwas schütter, doch dicht die Augenbrauen und darunter ein Blick von leicht stechender Strenge. Die alpenländisch gefärbte Stimme bittet mich zur Sitzgruppe. Er freue sich sehr über das Wiedersehen, sagt der Fürst. Wortlos reicht der Diener ein Glas Wasser. Ob er denn sicher sei, daß wir uns kennen, frage ich nach einer Weile. Er habe ein photographisches Gedächtnis, erwidert der Fürst. Namen fielen ihm oft nicht ein, aber an Gesichter erinnere er sich. Wo es denn gewesen sei? Schweigen. Bei der Windjammer-Parade in Hamburg, schlage ich schließlich vor. Er nickt, so könnte es gewesen sein. "Sie standen am Ufer, und ich sah Sie von meinem Schiff."

Wir wechseln das Thema und kommen auf den Unternehmer Johannes von Thurn und Taxis zu sprechen. Rund 100 000 Hektar Grund und Boden gehören dem Fürstenhaus, ein gutes Viertel davon in Süddeutschland, 10 000 in den USA und Kanada, und 60 000 Hektar in Brasilien. Dazu Elektroindustrie, eine Bank, eine Brauerei. Nach zurückhaltenden Schätzungen liegt das Vermögen irgendwo zwischen drei und fünf Milliarden Mark. Der Fürst selbst – als junger Mann hat er das Bankgeschäft gelernt – scheint es so genau auch nicht zu wissen. Schon sein musealer Kunstbesitz ist etwas unübersichtlich. Allein in den 300 Gemächern des Stammschlosses Sankt Emmeram zu Regensburg ticken mehr als 400 antike Uhren, in der Bibliothek türmen sich mehr als 100 000 Bände, im Marstall stehen über 60 Kutschen ältester Bauart.