„El Espectador“ – die Zeitung des Jahres: Wo Journalisten im Kampf um die gerechte Sache ihr Leben riskieren

Bogotá, im Dezember

Hier riecht es nach Zeitung, nach Zigarettenasche und Druckerschwärze. Hier fühlt sich der Journalist in seinem Element. Es regnet. Draußen frieren die Soldaten, schweigende Gestalten im Getöse der Industrielandschaft. Nicht einmal die schrille Hupe eines herandonnernden Güterzugs schreckt sie aus ihrer Gleichgültigkeit. An den wachestehenden Uniformierten vorbei rauscht der Verkehr auf der befahrenen Avenida El Espectador – eine nasse Ausfallstraße, ohne Anfang, ohne Ende. Drüben, über dem einsamen Siloturm, blinken die Lichter einer Verkehrsmaschine im Anflug. Die Nacht senkt sich über Bogota.

Es war ein langer Arbeitstag, Fernando Cano macht sich auf den Weg nach Hause. Der 33jährige Chefredakteur von El Espectador hat seine kugelsichere Weste übergestreift und zurrt sorgsam deren Seitenriemen fest. Dann setzt er sich ans Steuer seines Mittelklassewagens. Auf dem Beifahrersitz trifft einer seiner vier Leibwächter die letzten Vorbereitungen; er stellt das Funkgerät auf die richtige Wellenlänge ein, läßt die Scheiben herunter: „Damit ich ungehindert schießen kann.“ Alles in Ordnung? „Es kann losgehen.“ Die drei anderen Bewacher folgen in einem hochrädrigen Geländewagen.

Nach wenigen Metern bereits stockt die Fahrt. Bevor er das Areal verlassen kann, muß sich Fernando Cano noch etwas gedulden. Hinter dem Gittertor versperrt ein Lieferwagen, der Einlaß begehrt, die Ausfahrt. Soldaten und Sicherheitsbeamte von El Espectador durchsuchen das Fahrzeug, schieben einen Konvexspiegel unter das Fahrgestell, öffnen die Haube, leuchten den Motor mit einer grellen Halogenlampe aus. Ob irgendwo eine Bombe versteckt ist wie jene, die am 2. September um 6 Uhr 43 vor dem Zeitungshaus hochging? Die Redaktion wurde verwüstet, der Schaden betrug 2,5 Millionen Dollar. Die hochverschuldete Zeitung würde einen zweiten zerstörerischen Anschlag schwerlich überleben. El Espectador – das einzige kolumbianische Meinungsblatt, das sich von der mörderischen Drogenmafia nicht einschüchtern läßt und Tag für Tag gegen sie anschreibt – wäre am Ende.

Endlich darf der Lieferwagen vorfahren. Fernando Cano, der vor wenigen Minuten noch beschwingt durch das Großraumbüro der Redaktion wieselte, unübersehbar im knallroten Pulli, ein viel zu großes Notizbuch in der Hintertasche seiner Jeans, locker, immer ansprechbar, zu Späßen aufgelegt – jetzt ist er plötzlich in sich gekehrt. Er weiß, was ihn erwartet: eine Dreiviertelstunde Angst, bis er wieder einmal heil und von der Nervenanspannung geschlaucht in die Tiefgarage seines schlichten Mietshauses am anderen Ende von Bogotá einbiegen wird.

Sicherheitshalber wechselt er täglich die Route. Heute, zur Stoßzeit, meidet er die überlastete Avenida El Espectador, auf der sein Vater Guillermo Cano am 17. Dezember 1986 von zwei Killern niedergestreckt worden war, keine hundert Meter vom Haupteingang zum langgezogenen Zeitungshaus entfernt. Damals war sofort einer der Photoreporter zur Stelle. Die Bilder, die er aufnahm, finden sich heute in einem schmierigen Karton im Photoarchiv von El Espectador, des „Beobachters“: Im Vordergrund der ermordete Zeitungschef, der am Steuer seines japanischen Wagens von fünf Kugeln aus einem Maschinengewehr getroffen wurde; im Hintergrund sieht man auf dem Beifahrersitz die in Glanzpapier verpackten Weihnachtsgeschenke, die er nach Hause mitnehmen wollte.

In derselben Ablage, unter der Rubrik „Cano, Guillermo“, werden auch die Photos der Beisetzung aufbewahrt. Tausende fanden sich ein, zwei hielten ein Transparent: „Für eine freie Presse in einem freien Vaterland“. Und dann, am Sarg, die Witwe, Ana Maria, eine schöne Frau, so schön und so würdig wie auf jenem vergilbten Bild aus glücklichen Tagen, zuhinterst im alten Karton – das Hochzeitsphoto. Damals war sie in Weiß, nun trägt sie Schwarz: „Seit dem Mord an Guillermo haben wir alle die Freiheit eingebüßt, normal zu leben, auf die Straße zu gehen, überhaupt zu Fuß zu gehen. Immer mit dem Auto, immer die Leibwächter. Wir haben nur noch die Freiheit zu schreiben.“

In der vierten Generation seit dem Gründungsjahr 1887 schreibt sie unentwegt, die kämpferisch liberale Eigentümerfamilie der Canos. Derzeit sind sie siebzehn an der Zahl, Brüder und Schwestern, Onkel und Tanten, Vettern und Kusinen, Schwäger und Schwägerinnen, die in Verlag und Redaktion mitwirken; fast alle tummeln sich auf den Seiten 2 und 3 von El Espectador, die den Leitartikeln und Kolumnen vorbehalten sind.

Auf der Abschußliste

Auch der junge Chefredakteur Fernando Cano, der jetzt nach Hause zu seiner Frau und seinen drei Töchterchen fährt, hat für die morgige Ausgabe eine kunstvolle, bitterböse Kolumne verfaßt. „El rompecabezas“: Die Überschrift ist zweideutig, denn das Spanische verwendet für „Totschläger“ und für „Puzzlespiel“ dasselbe Wort. Der Artikel handelt denn auch ausgerechnet von Fernandos kleinen Töchtern, die sorglos drei verschiedene Puzzles in dieselbe Spielkiste verstaut haben – die Mädchen machen ein ratloses Gesicht, denn die Puzzlesteine sind vollends durcheinandergeraten. Nicht anders verhält es sich mit dem Drogenland, „diesem ganzen Kolumbien, zerstückelt und zersprengt, in Fragmente zerschlagen und entstellt“. Zwar sind noch alle Bestandteile vorhanden, aber keiner taugt mehr, keiner paßt zum anderen.

Ohne Rücksicht auf Verluste holt nun der Kolumnist und Miteigentümer des zweitgrößten kolumbianischen Blattes zum Rundumschlag aus: gegen das Militär, das zwar für die Sicherheit von El Espectador sorgt und doch den Drogenkrieg nur halbherzig führt; gegen die (in der bedrängten Zeitung annoncierende) Wirtschaft und deren Klagelied, daß der Kampf gegen die steinreichen Drogenkartelle eine Rezession herbeiführe; gegen das bestechliche Parlament, das sich der Auslieferung führender Kokainhändler an die Vereinigten Staaten widersetzt; gegen die stockkonservative Kirche, die sich taub stellt; gegen die Guerilla-Bewegungen, die von den paramilitärischen Verbänden der Mafia zuweilen bekriegt und zuweilen protegiert wurden; schließlich gegen die narcotraficantes, die blutrünstigen Drogenhändler vom Schlage eines Pablo Escobar.

Escobar ist der capo, der Chef des Kartells von Medellín; aus der großen Provinzstadt stammt auch der Familienclan der Canos. Der übermächtige Kokainkönig nährt einen unbändigen Haß auf seine trotzigen Landsleute vom El Espectador. „Anfang der achtziger Jahre deckten wir auf, daß Pablo Escobar in seiner Jugend als Autodieb und Kokainschieber festgenommen worden war. Inzwischen hat er alle, die an seiner Verhaftung beteiligt gewesen waren, umbringen lassen. Wir aber veröffentlichten die Akten und die polizeilichen Erkennungsphotos, bevor er sie vernichten konnte. Damit vereitelten wir seine Wiederwahl als stellvertretender Abgeordneter der Liberalen.

Von Roger de Weck

Das wird er uns nie verzeihen“, sagt ein Rechercheur von El Espectador, der seit langem seine Artikel nicht mehr zeichnet und auch in der ZEIT nicht namentlich genannt werden möchte: „Irgendein Vertreter des Medellín-Kartells in Deutschland wird ihre Reportage lesen und seiner Zentrale Bericht erstatten.“

Pablo Escobar ist auf der Flucht, aber die „Zentrale“ entscheidet nach wie vor über Leben oder Tod. Seit 1986 starben sechs Journalisten und Mitarbeiter von El Espectador im Kugelhagel, allein 1989 waren es vier. Am 29. März in Bogotá: der Kolumnist und Jurist Hector Giraldo, „mehrere Einschüsse“; als Anwalt der Zeitungsdynastie wollte er den Nachweis führen, daß Escobar hinter dem Mord an Guillermo Cano stand. Am 16. September in Buenaventura am Pazifischen Ozean: der freie Mitarbeiter Guillermo Gömez, „sieben Einschüsse“. Am 10. Oktober in Medellín: Martha Luz López, Geschäftsführerin der Zweigstelle von El Espectador in Medellín, „acht Einschüsse“. Nur siebzig Minuten später: Miguel Soler, Vertriebschef in Medellín, „zahlreiche Einschüsse“.

Auf der Abschußliste steht höchstwahrscheinlich auch Fernando Cano, der im allabendlichen Verkehrsgewühl nur langsam vorankommt. Ebenso ruhelos wie der neben ihm sitzende Leibwächter streckt und wendet er den Kopf nach links, nach rechts, überall lauern Gefahren. Da taucht plötzlich auf der Gegenfahrbahn ein roter Lastwagen auf und schnellt über die Straßenmitte, als steuere er frontal auf Fernandos Auto zu. Falscher Alarm, der Laster biegt in seine Spur zurück. Da schlendert ein finsterer Straßenverkäufer zwischen den stehenden Autokolonnen und kommt immer näher – verbirgt er vielleicht einen Revolver unter den Zeitungen, die er gestreckten Armes feilbietet? Da ist am Straßenrand ein Kastenwagen geparkt, die Motorhaube weit offen – versteckt sich dahinter ein Killer im Anschlag?

Fernando Cano, der sonst so redselige Journalist, schweigt. Nur ab und zu eine kurze, nichtssagende Zwischenbemerkung, nichts als ein hilfloser Versuch, gegen die beklemmende Stille anzureden und gegen das anzukämpfen, worin so viele schweben und woran sich keiner gewöhnt: die Lebensgefahr, die Todesangst. Die Allgegenwart des Verhängnisses lähmt und beflügelt zugleich. Niemand zeichnet den Sensenmann so schwungvoll wie Vladdo, der liebenswürdige Karikaturist von El Espectador mit dem intellektuellen Bubigesicht. Nirgends findet sich so viel lebensfrohe Wehmut wie in den Gedichten von Julio Daniel Chaparro, Poet und Redakteur, Redakteur und Poet, 26 Jahre alt und schon zu Beginn seiner Laufbahn reichlich mit anonymen Todesdrohungen bedacht. „Wenn mich nachts jemand tot auf der Straße auffindet ...“, so beginnt der Nachruf auf sich selber, den er 1985 niederschrieb.

Der unverwechselbare Julio Daniel Chaparro wie er leibt und (immer noch) lebt! Der Leser dieser Reportage mag solchen Zynismus nicht goutieren, die sechzig Redakteure von El Espectador aber haben ihre Freude daran. Der rabenschwarze Humor ist gleichsam ihr Lebenselixier. Nachts auf den Straßen von Bogotá ziehen Chaparro und seine Freunde von Künstlerkneipe zu Künstlerkneipe, trinken mehr als ein Bier oder zwei, reißen unbarmherzige Witze über die Lebendigen wie die Verblichenen. „Dekompression“, würden die Psychologen sagen.

Indes will es einer der Zechgenossen genau wissen: „Wie viele deiner Freunde, Bekannten und Informanten sind in den letzten Jahren umgebracht worden?“ Die brutale Frage richtet sich an Chaparro. Der Angesprochene aber nimmt daran keinen Anstoß. Er überlegt, zählt an den Fingern der einen, dann der anderen Hand – nein, es sind noch mehr. Aus der Lautsprecherbox tönt jene kolumbianische Volksmusik, die den Schwermut der Anden und die Wollust der Karibik zu einem eigenartigen Lebensgefühl verschmilzt. Harmonie im Land der Gewalttäter und der Poeten? Chaparro läßt nicht locker, er greift zu Papier und Stift, schreibt die Namen der Toten auf. Eine umfassendere Statistik der violencia – der Gewalt – veröffentlicht alle drei Monate das hochangesehene Forschungsinstitut der kolumbianischen Jesuiten in einer Sonderbeilage zum El Espectador. Wer ist aus welchem Grund ermordet worden? Da werden Tabellen des Schreckens abgedruckt. Den Berechnungen und Bewertungen des mit einem IBM-Computers ausgestatteten Instituts zufolge wurden von Januar bis Ende September 1989 genau 5337 Menschen aus politischen oder sonstwie ideologisch verbrämten Gründen umgebracht, die „normale“ Kriminalität nicht eingerechnet. Dagegen nahm sich die Zahl der unmittelbar von der Drogenmafia verübten Morde mit „nur“ 156 viel kleiner aus.

Doch als ob die Kokainterroristen ihren Rückstand aufholen wollten, schreckten sie im letzten Vierteljahr vor nichts zurück; sie sprengten ein vollbesetztes Passagierflugzeug und legten einen gewaltigen Sprengsatz vor dem Hauptquartier der Polizei – nun haben sie rund zweihundert Todesopfer mehr auf dem Gewissen.

Ein unpopulärer Krieg

„Alle Welt starrt auf uns wegen des Drogenkriegs. Aber rohe Gewalt und Willkür sind für dieses Land wie für diese Zeitung nichts Außergewöhnliches“, vermerkt der stellvertretende Chefredakteur von El Espectador, der unverwüstliche José Salgar. Er zieht die Augenbrauen hoch und die Mundwinkel herab: „Ich habe als Laufbursche angefangen, 55 Jahre sind es her. Ich habe den Krieg und den Bürgerkrieg und die Diktaturen und die Guerilla erlebt. Vor 35 Jahren kam ich eines Morgens in die Redaktion, da lag ein Toter auf meinem Schreibtisch; es war ein von der Regierung gedungener Brandstifter, der bei dem von ihm gelegten Brand in unserem Zeitungshaus ums Leben gekommen war! Und jetzt“ – ein Achselzucken – „sind es eben die Kartelle, die es auf uns abgesehen haben ...“

El Espectador hat alles überstanden. In den Anfangsjahren wurde der Gründer Fidel Cano, der sich und seine Nachfahren dem Kampf „gegen alles Unrecht“ verschrieben hatte, immer wieder eingekerkert. In jüngerer Zeit, von 1982 bis 1985, wurde die liberale Zeitung von ihrem wichtigsten Anzeigenkunden boykottiert, vom riesigen Firmenkonglomerat Grancolombiano, dessen unlauteres Geschäftsgebaren die Redaktion aufgedeckt und angeprangert hatte. Das Anzeigenaufkommen fiel um dreißig Prozent, erst jetzt beginnt sich El Espectador zu erholen.

Und nun gilt es, den vom Staatspräsidenten Virgilio Barco erklärten Krieg gegen die Kokainsyndikate zu überdauern. Es ist allenthalben im Lande wie auch unter den 1100 Beschäftigten von El Espectador ein überaus unpopulärer Krieg. Bis hin in die Reihen der Redaktion nagt der Zweifel, ob die Zeitung mit einer Auflage von immerhin 160 000 wirklich den richtigen Kurs verfolgt. Ein paar Kritiker meinen sogar, daß El Espectador unter Mißachtung seiner liberalen Grundsätze blind alles befürworte, was dem Kampf gegen die Drogenkartelle dienlich sei: „Dieser Krieg ist eine Lüge. Solange die Mafia nur die Gewerkschafter und linke Opponenten massakrierte, ließ man sie gerne gewähren. Erst als der Präsidentschaftskandidat der Liberalen Partei erschossen wurde, besann man sich eines Besseren. Es geht nicht um die Drogen, es geht um die Macht.“

Selbst Gabriel García Márquez, der sich vom Reporter von El Espectador zum weltberühmten Schriftsteller hochschrieb, sieht einen „langen, verlustreichen und zukunftslosen Krieg“ voraus: „Es darf nicht dazu kommen, daß uns vor dem Ende des endlosen Kriegs das Land verendet.“ Aber die leidgeprüften Canos, sie halten nichts von der Meinung ihres hochverehrten Kolumnisten Garcia Márquez. Er hatte als mittelloser Student 1947 einen ersten Beitrag eingesandt, der prompt abgedruckt wurde. Freilich hatte García Márquez keinen Peso in der Tasche, um die betreffende Ausgabe zu kaufen. So sprach er bei der Redaktion vor, bat um ein Freiexemplar – und wurde gleich als Schreiber angestellt, so jedenfalls die bei El Espectador gültige Hauslegende.

Auch Fernando Cano hat ganz unten angefangen, den Beruf von der Pike auf gelernt. Vier Jahre lang war er Photoreporter, bis heute trennt der Chefredakteur sich nur ungern von seiner Spiegelreflexkamera. Als junger Reporter schoß er einmal mit seiner Canon Bilder eines Autorennens in Bogotá. Einer der Piloten, die ihm vor die Linse kamen, war: Pablo Escobar. Gibt es die Bilder noch? Als hätte auch er ein zermürbendes Rennen hinter sich, steigt Fernando Cano bedächtig aus seinem Wagen. Zu Hause! Die Dreiviertelstunde hat lang gedauert.