Der Komiker Wassilij Wassiljitch Swetlowidow, ein stämmiger, kräftiger Mann von 58 Jahren, erwachte und blickte sich erstaunt um. Vor ihm, zu beiden Seiten eines kleinen Spiegels, waren zwei Stearin-Kerzen am Niederbrennen. Die regungslosen, trägen Flämmchen beleuchteten trübe ein kleines Zimmer mit gestrichenen Holzwänden, das dämmerig und voller Tabaksqualm war. Ringsum sah man noch die Spuren der gestrigen Begegnung Bacchus’ mit Melpomene.

Nach einer Benefiz-Vorstellung für Swetlowidow hatte man gezecht und gefeiert, hatte der Gott des Weins die Muse der Tragödie besiegt. Wenn der Komiker, der in seinem Garderobensessel (müde vom Alkohol) einschläft, wieder erwacht, trägt er noch immer das Kostüm des Kalchas. Ein paar Stunden zuvor war er noch Vogelschauer und Seher der Griechen vor Troja, hatte er vielleicht Iphigenie in Aulis geopfert. Und jetzt? Leere Flaschen, leere Bühne, Grabesstille, Einsamkeit. Wie der Kater zum Alkohol, gehört zur Kunst die Künstlertragödie.

So einen Sturzflug vom Olymp in die tiefsten Tiefen des Selbstmitleids beschreibt auch Tschechow in seiner Erzählung „Kalchas“, die er 1887 zu einem Einakter, dem Kurzdrama „Schwanengesang“, umgearbeitet hat. Swetlowidow ist hier zehn Jahre älter und gesteht sich, noch nicht ganz nüchtern, nachts im leeren Theater sein Scheitern: „68 Jahre sind – fft, habe die Ehre! Die holst du nicht zurück...“ Der Komiker ist alt und krank, erschrickt nach einem ungelebten Leben vor dem nahen Tod und erinnert sich an bessere Zeiten.

Zum Beispiel an die frühen Jahre, an seine Jugendliebe, die von ihm forderte: „Geben Sie die Bühne auf!“ Schon damals habe er gewußt, „daß es keine heilige Kunst gibt, daß alles Wahn und Betrug ist, daß ich ein Sklave bin, ein Spielzeug fremden Müßiggangs, ein Narr, ein Possenreißer“. Und trotzdem wollte er immer nur den einen Ton treffen, nicht das hohe C, sondern das Ü, wie es in „Bühne“ vorkommt (und auch in „Lüge“). Dieses Ü, bei dem nicht nur die Sprechorgane, sondern auch die Seelen, selbst die in der letzten Reihe, vibrieren. Das ewige Stück, das hier gespielt wird, heißt „Talent schafft Leiden oder A Bitter Fool“. Swetlowidow ist ein Vorfahr von Thomas Bernhards Minetti und Tankred Dorsts Feuerbach. Bei Tschechow scheitert der Komiker mit fast somnambuler Melancholie.

Es wäre traumhaft, würde irgendwann Klaus Michael Grüber das Stück an einem düsteren Ort in der Berliner oder Pariser Vorstadt zeigen. Jetzt aber hat es Bob Wilson in den Münchner Kammerspielen inszeniert: Er, der reine Tor, der raffinierte Technokrat, dessen Bildertheater immer mehr mit Walt Disney als mit Kalchas und Iphigenie zu tun hatte. Swetlowidows Schicksal, die Künstlermetaphysik des 19. Jahrhunderts, war nie sein Problem. Dafür klang die Besetzung aber fast genial. Romuald Pekny spielt Swetlowidow, ein Theaterkünstler, der das Ü notfalls ohne Stimmbänder und allein mit der Nase artikulieren kann. Dazu Richard Beek als der Souffleur Nikita Iwanitsch, der in der Theaterloge übernachtet, weil er sich keine Wohnung leisten kann: ein wundersamer Schauspieler, jahrelang unterschätzt und zur Edelstatisterie verdammt.

Auf Bob Wilsons Bühne ist Swetlowidows Garderobe so groß wie die Umkleidekabine beim Konfektionisten. Der Raum, in dem sich Tschechows „Schwanengesang“ ereignet, gleicht einem Bunker, einer unterirdischen Lagerhalle. Hoch oben gehen ein paar Fenster zur Straße hinaus. Von dort hört man ab und zu ein Geräusch, das an eine Pferdekutsche erinnert, die über eine Pflasterstraße fährt. Eine hohe Leiter führt zu einem lukenhaften Ausgang (oder in das nächste Betonmausoleum). Ein Tisch erinnert an das bacchantische Gelage, und über allem hört man die Schreie eines Vogels. Ist es die Lerche oder eine Nachtigall? Vielleicht ist es ein Rabe. Aber da wir uns auf Tschechows Eiland befinden, könnte es auch eine Möwe sein. Am Ende liegt der Vogel tot auf dem Boden, abgestürzt wie Swetlowidows Träume.

Der Souffleur erscheint in einem weißen Nachtgewand – irgendwo zwischen Sterntaler und Pampers-Werbung – und verschwindet über die Leiter in eine Luke – wie eine biedermeierliche Spukfigur. Swetlowidow, ganz in Weiß, verläßt die Garderobe wie Nosferatu den Sarg und geht einen langen Gang, immer an der Wand lang. Auf einem niedrigen Schwebebalken probt er Balance und Absturz. Das Licht ist bleich und kalt. Oben schreit noch der Vogel.

Es sieht aus, als würde einer dieser rätselhaften Theaterabende von Bob Wilson beginnen, ein bißchen Disney, ein bißchen Beckett. Aber dann fällt der erste Satz – und der Abend ist zu Ende. Peknys Swetlowidow, das ist die Apokalypse des Repertoires und eine psychologische Tragödie. Dieser Komiker ist kein Hominide aus Wilsons Welt, sondern ein waschechter Rampenkünstler: Wir erleben den fünften Akt eines Schauspielerlebens. Das läßt sich nicht digitalisieren. Als Regisseur psychologischer Konflikte aber ist Wilson schlechter als der schlechteste Provinzregisseur. Das hat mit seinem Theater einfach nichts zu tun. Mal kauert Pekny in einer Ecke, mal liegt er auf dem Boden, aber nie versteht man seine Situation.

Am Ende versucht sich Swetlowidow noch einmal in klassische Monologe zu retten: Lear, Othello, Godunow. Aber auch das kann Wilson weder inszenieren noch parodieren. Der Lear, morgen in Augsburg, das hat mit Wilsons Biographie nichts zu tun. Es spricht ja nicht gegen ihn, daß er vielleicht gar nicht weiß, wo Augsburg liegt. Aber Swetlowidow hätte es gewußt.

Er ist ein Adliger, war bei der Artillerie, „ein Prachtkerl, ein schöner Mann, so ehrenhaft, kühn, voll Feuer“, wie es eigentlich nur ein Provinzler sein kann. Aber bei Wilson zählt nur ein Satz aus Tschechows Text: „Das Lied ist aus.“

In den Münchner Kammerspielen gab es viele Buhs für den Regisseur, Bravos für die Schauspieler. Aber auch sie waren nicht gut, hatten gar keine Chance. Die Kammerspiele haben nach der Speckseite gezielt (und für teures Geld den falschen Regisseur eingekauft). Dafür hätte man, gegen die Krise des Theaters, vier Debütanten ausprobieren können. Die Buhs sollten der Intendanz gelten. Dies war kein Schwanengesang, sondern eine Bankrotterklärung. Helmut Schödel