Von Erika Martens

Hartwig Bugiel ist in Eile, aber für den überraschenden Besuch aus der Bundesrepublik nimmt sich der Vorsitzende der IG Metall Zeit. Der 46jährige arbeitet in jenem Zimmer des alten Gewerkschaftshauses an der Ostberliner Fritz-Heckert-Straße, in dem einst Harry Tisch residiert hatte, bevor der Vorsitzende des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) mit Millionenaufwand ein feudales Haus für sich und den Dachverband der sechzehn DDR-Gewerkschaften ins Zentrum der Stadt bauen ließ.

Lange konnte Tisch den neuen Komfort freilich nicht genießen. Am 2. November mußte er unter dem Druck der Basis zurücktreten, seine Leidenschaft für Luxus und Jagden wurde ihm zum Verhängnis.

Fast zur gleichen Zeit mußte auch Tischs Kollege von der IG Metall, Gerhard Nennstiel, seinen Schreibtisch räumen. Ihm werden Schiebereien beim Bau seines Zehn-Zimmer-Hauses vorgeworfen.

Hartwig Bugiel gehört zu den neuen Funktionären in der DDR, die sich vorgenommen haben, mit Korruption und Amtsmißbrauch aufzuräumen und die "Gewerkschaftsarbeit im Arbeiter- und Bauernstaat auf den Kopf zu stellen". Der Franz Steinkühler der DDR, Chef von 1,8 Millionen Metallern, wurde am 27. November 1989 mit 63 zu 17 Stimmen zum Nachfolger von Nennstiel gewählt.

Der neue Mann an der Spitze der DDR-IG-Metall stammt aus der Bundesrepublik. Am 9. März 1943 in Neuwied geboren, lebte er bis 1964 im ostfriesischen Papenburg, wo er als Maschinenschlosser auf einer Werft arbeitete. Im August 1963 durfte der junge Metaller auf Kosten seiner damaligen Organisation mit einer gewerkschaftlichen Jugendgruppe für zehn Tage nach Krakau reisen. Bei dem Treffen lernte er ein Mädchen aus Jena kennen. Es war Liebe auf den ersten Blick, und Hartwig Bugiel hielt es nicht mehr lange im Westen. Ein Jahr spater zog der nun 21jährige mit zwei Koffern gen Osten und heiratete die Jugendliebe.

Von nun an begann der unaufhaltsame Aufstieg. Bei Carl Zeiss in Jena, wo auch seine Frau arbeitete, fand Bugiel einen Arbeitsplatz, zunächst als ganz normaler Werktätiger. Doch der ehrgeizige Übersiedler wollte mehr. 1965 begann er mit dem Abendstudium zum Ingenieur für Automatisierung und Technologie, wurde nach erfolgreichem Abschluß wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Produktionsdirektor seiner Firma, war dann drei Jahre lang Versandleiter und stieg schließlich selbst zum Produktionsdirektor auf. 1986 wurde er Vorsitzender der Betriebsgewerkschaftsleitung (BGL) im größten Kombinatsbetrieb von Zeiss, im Verständnis der Werktätigen in der DDR ein weiterer Sprung nach oben.