"Unsere Stunde Null", sagt er stolz, "war im Jahr 1929." Damals stieß der britisch-holländische Konzern Shell auf die ersten Ölfelder vor der Küste des kleinen Emirats. Heute erwirtschaftet Brunei 98 Prozent der Staatseinnahmen aus dem Verkauf von Erdöl und Erdgas. Das sind rund zehn Milliarden Mark jährlich. Dafür braucht sich keiner der Bewohner von Brunei die Finger schmutzig zu machen. Shell holt hier das Öl selbst aus dem Wasser. Und bezahlt dafür. Dieser Reichtum schafft ein soziales Paradies in Brunei: Einkommen- oder Lohnsteuern sind für die Menschen hier ein Fremdwort. Auch Sozialabgaben, Schulgeld und Arztkosten gibt es nicht. Statt dessen gewährt das Emirat seinen Untertanen Stipendien, Billig-Kredite und garantiert Pensionen. Ein monarchistischer Sozialstaat, fast wie aus 1001 Nacht. Vor uns erhebt sich eine Moschee. Scheinwerfer strahlen die goldenen Kuppeln an. Auf dem See, der diesen visuellen Leckerbissen umrahmt, dümpelt ein Prachtboot, das dieser kitschigen Moschee in nichts nachsteht. Zwei Jugendliche fahren mit dem Motorrad auf das Moscheegelände. Über den Minirock streift die Frau ein knöchellanges Gewand, über die Dauerwelle stülpt sie einen Schleier. Die beiden schlüpfen aus den Schuhen, eilen zur Wasserstelle, um sich rituell zu reinigen, und gehen dann in das Gotteshaus.

Der Islam ist Staatsreligion in Brunei. Zwar gibt es auch noch animistische Religionen, doch die werden tief im Landesinneren gepflegt, dort, wo es nur unwegbaren Dschungel gibt und die eingeborenen Völker ihr autarkes Leben führen. Mit einfachem Handwerkszeug bauen sie ihre bescheidenen Hütten. Das Blasrohr ist die wichtigste Waffe auf der täglichen Jagd.

Welch ein Gegensatz zu ihrem Landesoberhaupt, dem Sultan Sir Mudan Hassanal Bolkiah! Im "Guinness Buch der Rekorde" ist der 43jährige als reichster Mann der Welt aufgeführt. 1983 ließ er sich einen Palast errichten, der umgerechnet 900 Millionen Mark gekostet hat. Der Istana hat 1788 Zimmer. Davon zählen allerdings nur 900 als Privatgemächer, das muß fairerweise gesagt werden. Wie beengt erscheint dagegen der Buckingham-Palast mit seinen 614 Zimmern.

Der Sultan liebt das Polospiel. Seinen Pferden hat er Klimaanlagen in die Ställe bauen lassen. Denn irgendwo müssen ja die Öl-Milliarden bleiben. Voraussichtlich noch weitere fünfzig Jahre wird das schwarze Gold in Brunei aus dem Boden sprudeln.

Auf dem kleinen Nachtmarkt in der Nähe des Hafens locken scharf gewürzte Speisen: Sate solle ich unbedingt probieren, rät mir Zainal. Sate ist auf Holz gespießtes Fleisch, das mit einer Nußsauce übergössen wird. Aber auch die Gemüsepfannen schmecken exzellent. Hier essen die Einheimischen beim letzten Bummel durch die laue Nacht. Um 22 Uhr ist der Zauber vorbei. Dann herrscht offiziell Nachtruhe im moslemischen Brunei.

Nur im "Sheraton Hotel", wo die Ausländer 360 Mark für eine Übernachtung zahlen, gibt es Drinks und französische Küche bis spät nach Mitternacht. Die unternehmungslustigen Bruneier weichen lieber auf den "kleinen Grenzverkehr" aus. Knapp fünfzig Mark soll die halbstündige Fahrt über den Limbang-Fluß kosten. Durch die gespenstisch aus dem Wasser steigenden Mangrovenwurzeln hinüber ins Nachbarland Malaysia, wo der Umgang mit Sitte und Alkohol lockerer ist als in Brunei.

Aber ich lehne ab, für heute habe ich genug erlebt. Statt dessen möchte ich morgen früh aufstehen und in den Stunden vor Sonnenaufgang die Fischer beobachten.