Klara Blum empfindet die Trennung von ihrem chinesischen Mann nicht als Strafe, sondern als bewußte Selbstaufopferung zugunsten der höheren Bedürfnisse des chinesischen Vaterlandes. Die beiden hatten sich bei der Internationalen Arbeiterhilfe in Moskau kennengelernt – zwei einzelne Seelen zweier alter, unterdrückter Völker begegneten sich im Exil. Es war im November 1937. inmitten der stalinistischen Säuberungskampagne. Unter diesen Umständen war eine Liebesaffäre zwischen einer staatenlosen Jüdin und einem chinesischen Kommunisten ohne Paß nicht ungefährlich. Die Situation wurde kompliziert dadurch, daß Stalins chinesischer Verbündeter zu jener Zeit Chiang Kai-shek war, nicht Mao. Zwar durfte sich Zhu Xiangcheng – Nju-Lang im Roman – in Moskau frei bewegen, doch existierte er als chinesischer Kommunist offiziell nicht und mußte daher ein Schattendasein fristen. Klara Blum schreibt im Roman, Nju-Lang und seine Parteifreunde „bekamen keine Pässe und durften keinem Außenstehenden ihren Familiennamen oder ihre Adresse sagen“. Selbst Klara Blum konnte in den vier Monaten ihres Zusammenseins nie seine Anschrift erfahren.

Sonst verheimlichte er ihr nichts. Er verschwieg ihr nicht, daß er verheiratet war und Kinder hatte. Er erzählte ihr von seiner Theaterarbeit in Schanghai, von seinem Heimweh nach China. Sie erzählte ihm auch ihre Lebensgeschichte. Aus dem Gefühl des geteilten Schicksals entstand Klara Blums jüdisch-chinesisches Gedicht „Das nationale Lied“. Dessen letzte Strophen lauten:

„Mein Volk lebt in der ganzen Welt verstreut,

Gehetzt, beschimpft, von Land zu Land vertrieben.

Dein Volk, wenn es sein Reisfeld still betreut,

Es blutet unter räuberischen Händen.

So funkelt unser Witz, klingt unser Lied.