Von der einst prunkvollen Residenz des französischen Provinzgouverneurs in Kompong Speu, rund fünfzig Kilometer westlich von Phnom Penh, steht nur das Portal und ein Rest zerfallender Fassade. Der Palast hat die beiden Indochinakriege und die Schreckensherrschaft von Pol Pot und seinen Roten Khmer nicht überstanden. Ein junger Soldat der kambodschanischen Volksarmee hat seine Hängematte zwischen den Säulen aufgespannt und döst in der brütenden Hitze. Sein abgegriffenes Schnellfeuergewehr, Typ Kalaschnikow AK 47, liegt im Staub.

In einer anderen rußgeschwärzten Ruine lungern ebenfalls Soldaten herum. Ein kleiner Schützenpanzer sowjetischer Bauart und ein paar Granatwerfer stehen neben dem heruntergekommenen Quartier. Die Soldaten der kambodschanischen Regionalarmee wirken in ihren durchgescheuerten grün gelben Uniformen alles andere als diszipliniert und kampfentschlossen. Ein paar MG Salven sind zu hören — in beruhigend großer Entfernung.

Gut zehn Kilometer südlich erhebt sich aus der Ebene eine Kette dicht bewaldeter Berge. Dort beginnt das Reich der Roten Khnier. Die kampferfahrene Guerilla Truppe kontrolliert seit zwanzig Jahren unwegsame Teile der Provinz. Keinem ihrer Gegner, weder den Soldaten der von den USA unterstützten Lon Nol Armee noch den Vietnamesen oder der kambodschanischen Volksarmee, ist es gelungen, sie aus ihren Verstecken zu vertreiben.

"Rund eintausend Khmer Rouge Kämpfer sitzen in den Bergen", berichtet ein Offizier der Regierungstruppen, durch die Besucher in der Ruine aus dem Mittagsschlaf aufgeschreckt. Der Soldat spricht mit einer sanften, melodischen Stimme. Eilends streift er eine grüne Hose und ein grünes Hemd über und zieht zwei Epauletten aus dem Portemonnaie, die ihn als Hauptmann ausweisen. Gleichzeitig ist er politischer Kommissar. Neben einer primitiven Holzhütte legt er eine Karte auf den Tisch und erläutert die militärische Lage in der Provinz. Er zeigt, warum Kompong Speu von großer strategischer Bedeutung ist. Zum einen führt die Nationalstraße 4 durch die Provinz, die die Hauptstadt Phnom Penh mit Kompong Som verbindet, dem einzigen Tiefseehafen des Landes, in dem sämtlicher Nachschub, aber auch fast alle Import- " und Exportgüter umgeschlagen werden. Zum anderen laufen in Kompong Speu die Elefantenberge in die weite Ebene des Mekong Flusses aus. In den kaum kontrollierbaren Dschungelbergen können sich die Roten Khmer frei bewegen und Nachschub in das Landesinnere transportieren. Für die Soldaten Pol Pots ist diese Provinz das Tor zur Hauptstadt. Vom Hauptort der Provinz, der gleichfalls Kompong Speu heißt, sind es lediglich noch fünfzig Kilometer nach Phnom Penh. Die Roten Khmer kontrollieren bisher zwei größere Gebiete in der Provinz und versuchen derzeit, ihren Aktionsradius auszuweiten. Nachdem die letzten fünftausend Soldaten der vietnamesischen Volksarmee Ende September abgezogen waren, griff die Pol Pot Guerilla sofort an mehreren Punkten gleichzeitig an.

"Zehn Tage lang tobten harte Kämpfe", berichtet der Hauptmann "Es ging hin und her. Wir haben bei unseren Gegenoffensiven viele Verletzte gehabt, durch die kleinen grünen Minen. Aber da muß nur der Fuß oder das Bein amputiert werden. Gefallen sind auf unserer Seite sechs, bei den Feinden mindestens drei Auf die Frage, wie sich der Bürgerkrieg in Kompong Speu weiterentwikkeln werde, antwortet der Hauptmann: "Die Situation ist vor allem von der Entwicklung an der Grenze zu Thailand abhängig. Wenn der Feind dort unsere Stellungen erobert und den Nachschub besser organisieren kann, wird es auch für uns sehr bitter "

Genau elf Jahre nach dem Ende des Terrorregimes Pol Pots und seiner Roten Khmer droht jetzt die Rückkehr der Massenmörder. Als seien der Tod von ein bis zwei Millionen Kambodschanern, die Greuel auf den killing fields längst vergessen, versorgt der Westen die Widerstandskoalition unter Beteiligung der Roten Khmer mit Waffen und fordert, die Gruppe um Pol Pot in eine Übergangsregierung aufzunehmen.

Noch immer verweigert der Westen die Anerkennung der von den Vietnamesen protegierten Hun Sen Regierung und ignoriert die radikalen politischen Veränderungen in Phnom Penh. Längst hat sich Kambodscha von Kernpunkten des Sozialismus verabschiedet. Seit der Landreform bearbeiten Kleinbauern wieder eigene Äcker. Die neue Verfassung garantiert das Privateigentum und die fundamentalen Menschenrechte.

Aber den USA scheint die Bestrafung der Vietnamesen und der durch sie installierten Hun SenRegierung wichtiger zu sein als die Unterstützung der Reformen. Die schmachvolle Niederlage im Vietnamkrieg ist noch nicht überwunden. Trotz der Revolution in Osteuropa hält der Westen in der Kambodscha Frage an den antiquierten Schemata des Kalten Krieges fest. Je weiter die Schlächter Pol Pots vorrücken und ihr Schrekkensregiment erneut aufrichten, desto fragwürdiger wird diese Politik.

Die Bedingungen, unter denen die 60 000 Mann zählenden Regierungstruppen an der strategisch wichtigen Grenze zu Thailand operieren, sind ausgesprochen ungünstig. Ihre Gegner von den Roten Khmer und den beiden nichtkommunistischen Fraktionen der Widerstandskoalition gehen nach der hit and run Methode gegen die Volksarmee vor und können sich jederzeit wieder auf thailändisches Territorium zurückziehen, wo sie vor Verfolgung sicher sind. Die thailändische Armee transportiert für sie Waffen und Munition chinesischen und westlichen Ursprungs — darunter von Messerschmidt Bölkow Blohm entwickelte Panzerfäuste — bis an die Grenze. Die Regierungstruppen müssen dagegen ihren Nachschub auf miserablen Straßen über Hunderte von Kilometern heranschaffen. Schließlich kontrolliert die Widerstandskoalition die Mehrzahl der Flüchtlingslager in Thailand, in denen rund 300 000 kambodschanische Flüchtlinge leben. Nur so läßt sich erklären, warum die vietnamesische Volksarmee, die als eine der kampfstärksten der Welt gilt, die Roten Khmer schon zu Zeiten der Besetzung des Landes nie völlig ausschalten konnte.

Die Widerstandskoalition, die nach wie vor mit Unterstützung des Westens als rechtmäßige Vertretung Kambodschas in den Vereinten Nationen anerkannt ist, setzt sich aus drei Gruppierungen zusammen:

Die von dem greisen ehemaligen Premierminister Son Sann gegründete Khmer Peoples National Liberation Front (KPNLF) ist politisch wie militärisch die unbedeutendste Kraft. Ihre kaum 10 000 Kämpfer waren bislang vorwiegend mit Schmuggelgeschäften und internen Auseinandersetzungen beschäftigt "Die sehen aus wie RamboKiller", charakterisiert sie ein Diplomat in Phnom Penh, "aber sie sind korrupt und undiszipliniert " Die KPNLF wird vor allem von den Vereinigten Staaten und Singapur finanziert und mit Waffen versorgt.

Die Armee Nationaliste Sihanoukienne (ANS) wird von Prinz Norodom Rananddh, dem Sohn des im Westen so beliebten Prinzen Norodom Sihanouk, kommandiert und verfügt über rund 12 000 Kämpfer, die von China, aber auch den USA, Singapur und Frankreich subventioniert werden. Obwohl ihr Generalstab von der französischen Armee ausgebildet wurde, gilt die ANS als nicht sonderlich kampfstark.

Die beiden nichtkommunistischen Kräfte der Widerstandskoalition sind — darin stimmen sämtliche Kambodscha Kenner überein — unbedeutend im Vergleich zu den Roten Khmer, die auf eine mehr als zwanzigjährige Erfahrung im Guerillakrieg zurückblicken können und mehr als 30 000 Männer unter Waffen halten. Als Oberbefehlshaber dieser disziplinierten und fanatischen Truppen amtiert ein Massenmörder namens Son Sen. Er war als Chef der Sicherheitspolizei für die bestialische Folterung und die Exekution von Zehntausenden von Kambodschanern in den Jahren 1975 bis 1978 verantwortlich.

Der starke Mann der Roten Khmer ist nach wie vor der "Bruder Nummer eins", Pol Pot. In dieser Einschätzung sind sich ausnahmsweise sowohl die Sihanoukisten als auch die 1979 von den Vietnamesen in Phnom Penh eingesetzte Regierung unter Hun Sen einig. Pol Pot ist mittlerweile 61 Jahre alt, erfreut sich wieder bester Gesundheit und logiert nahe der Grenze in einem Stützpunkt der thailändischen Armee. Dort entwickelt er die militärische Strategie seiner Truppen.

Die Führer der Roten Khmer hatten sich lange und gründlich auf die Zeit nach dem Abzug der Vietnamesen vorbereitet. Sie konzentrierten ihre Kräfte rund um Pailin, einem kleinen Ort inmitten des malariaverseuchten Dschungels. Pailin, nur zwölf Kilometer von der thailändischen Grenze entfernt, liegt zwar nach jahrelangem Stellungskrieg in Schutt und Asche, aber für die Regierung in Phnom Penh ist der grenznahe Ort von großer Bedeutung, da es in der Umgebung große Saphirund Rubinvorkommen gibt, deren Ausbeutung die Regierungstruppen gegen harte Devisen thailändischen Schürfern überließen. Von Pailin aus führt die Nationalstraße 10 in das 79 Kilometer entfernte Battambang, die zweitgrößte Stadt des Landes, deren Eroberung das erklärte Ziel der Widerstandskoalition ist.

Die Roten Khmer schleusten zunächst als Edelsteinschürfer getarnte Agenten in Pailin ein. Mitte Oktober gingen sie dann zum Angriff über. Die Elitedivision 196 der kambodschanischen Volksarmee konnte dem Ansturm nur wenige Tage standhalten. Etwa ein Drittel der rund 3000 Soldaten fiel, ein weiteres Drittel lief zum Feind über oder geriet in Gefangenschaft, das letzte Drittel entkam. Die Roten Khmer konnten einen psychologisch bedeutsamen Sieg feiern. Am 21. Oktober frohlockte Prinz Sihanouk: "Das war die große Niederlage, das Dien Bien Phu der vietnamesischen Marionettenregierung "

Trotz gelegentlicher Rückschläge und chronischer Nachschubprobleme rücken die Verbände der Widerstandskoalition seit Ende Oktober langsam, aber unaufhaltsam immer weiter vor. Sie sprengen Brücken, legen Hinterhalte, erobern Außenposten der Volksarmee und kreisen immer mehr Städte ein "Sie verfolgen die gleiche Strategie, die die Khmer Rouge zwischen 1970 und 1975 so erfolgreich gegen die Armee Lon Nols entwickelt haben", analysiert ein osteuropäischer Botschafter in Phnom Penh die Lage.

Es ist den Roten Khmer gelungen, die eminent wichtige Nationalstraße zwischen Phnom Penh und Battambang für Lastwagen unpassierbar zu machen. Da auch eine Brücke der einzigen Eisenbahnlinie in den Westen nicht mehr benutzbar ist, können Battambang und der gesamte Westen derzeit nicht mehr mit Nachschub versorgt werden. Der Angriff auf Battambang hat in der vergangenen Woche begonnen. Die Stadt selbst ist zwar zu einer schwer einnehmbaren Festung ausgebaut worden, aber es drängen sich bereits einige tausend Flüchtlinge in der Stadt. Die Roten Khmer werden alles daran setzen, Battambang auszuhungern. Wenn es den Pol Pot Soldaten gelingt, auch noch die zweite Ost West Verbindung zu kappen, könnten sie bis zum Ende der Trockenzeit im April den gesamten Westen des Landes "befreien", wie sie selbst es nennen.

Von den 21 Provinzen gibt es nur noch drei, die noch nicht von Soldaten der Roten Khmer infiltriert sind. Heftige Kämpfe toben nicht nur an der Grenze zu Thailand, sondern auch schon in den zentralen Provinzen Kompong Tom und Kompong Cham. In der Stadt Kompong Tom, so berichtet ein Vertreter der Medidns sans frontiers, seien Nacht für Nacht die dumpfen Einschläge der Granaten zu hören. Seine Hilfsorganisation will nur noch dann Ärzte dorthin schicken, wenn ihnen für den Notfall eine Evakuierung per Hubschrauber garantiert wird.

"Sie bringen täglich ganze Lastwagen voll mit Verwundeten in das Krankenhaus von Kompong Cham", beobachtet eine Französin, die für eine der Hilfsorganisationen arbeitet "Vor allem Zivilisten, die auf Minen getreten sind, aber auch Soldaten mit Schußwunden. Und es gibt so gut wie keine Medikamente in dem überfüllten Krankenhaus. Es ist furchtbar. Ich war oft in Afrika, aber so etwas habe ich noch nicht gesehen "

In Kompong Tom gingen die Roten Khmer am 27. November mit jenen Methoden gegen mehr als zweihundert Zivilisten vor, mit denen sie sich zum Alptraum der Kambodschaner gemacht haben. Sie schlachteten die Bewohner zweier Dörfer hin — Kinder, Frauen, Alte.

In einer Pagode südlich von Kompong Speu, einem Ort, der vor den Bombardements der U S. Airforce einmal eine richtige Stadt gewesen sein könnte, sitzen mehrere Mönche in ihren leuchtend orangen Roben im Schatten und studieren religiöse Schriften. Unter der Herrschaft der Roten Khmer sind mehr als zwei Drittel der Mönche umgekommen. Aber seit vor einem dreiviertel Jahr der Buddhismus wieder zur Staatsreligion erhoben worden ist, können junge Männer sich wieder den Kopf rasieren lassen und als Mönche ins Kloster gehen.

Ein alter Bauer, der zum Beten hierhergekommen ist, erzählt, daß die Pagode während des Pol Pot Regimes ein Gefängnis war. Er deutet auf den Stamm eines mächtigen Baumes, in dem große rostige Nägel stecken: "Hier haben sie die Gefangenen festgenagelt " Dann geht er hinüber zu einem Holzhaus, das jenseits der Klostermauer liegt. Von der flirrenden Mittagssonne geblendet, dauert es einen Moment, bis erkennbar wird, was hier aufbewahrt ist. Im schattigen Halbdunkel ruht eine Pyramide von Schädeln. Ein paar hundert werden es sein. "Die Gefangenen wurden in der Pagode gefoltert und dann irgendwann von den Pots ermordet", sagt der Bauer "Vor ein paar Jahren haben wir die Massengräber ausgehoben. Aber wir haben nicht so tief gegraben und alle Knochen und Schädel rausgeholt. Es waren viel zu viele, als daß sie in diesen Raum gepaßt hätten Er berichtet auch davon, daß die Pots, wie er sie verächtlich nennt, zunächst viele invalide Soldaten zum Exekutieren abkommandiert hätten. Später seien gesunde Soldaten gekommen, die wiederum ihre invaliden Kameraden liquidierten. Auf die Verbrechen der Roten Khmer angesprochen, befand unlängst Khieü Samphan, während des Pol Pot Regimes Präsident des "Demo kratischen Kampuchea": "Es BBBBB ist nicht hilfreich, immer wieder zurückzublicken "

Der Bauer, der vor der Schädel Pyramide steht, hat schlohweiße Haare und einen ausgemergelten Körper. Sein Rücken ist leicht gebeugt, doch sein Blick wirkt aufrichtig, und er besitzt Humor "Sehen Sie mal, ich habe Pol Pot Schuhe an", sagt er und hält seine Sandalen lachend in die Höhe: Sie sind aus einem alten Autoreifen geschnitten. Aber er wird gleich wieder ernst: "Ich habe damals einen Sohn und einen Bruder verloren. Natürlich habe ich Angst, daß die Pots zurückkommen. Ein Sohn und ein Enkel von mir sind jetzt an der Front. Aber was bleibt anderes, als um unser Leben zu kämpfen "

Es geht ihm und den anderen Bauern in seinem Dorf gut, meint er, sogar besser als vor dem Krieg unter Sihanouk. Im Mai vergangenen Jahres bekam er ebenso wie alle anderen Bauern von der Regierung ein Stück Land als Privateigentum zugewiesen. Einen Hektar zum Reisanbau, einen Drittel Hektar als Garten für Gemüse und Obst. In seinem Dorf seien alle sehr zufrieden mit der Auflösung der staatlichen Solidaritäts Kooperativen und der Reprivatisierung von Grund und Boden "Unsere Regierung wird respektiert", sagt er. "Ich habe lange Zeit Prinz Sihanouk vertraut. Wir hören noch jetzt sein Radio. Er ruft immer, wir sollten in die Wälder gehen und die Marionettenregierung Vietnams bekämpfen. Aber warum sollen wir sterben? Wir wollen endlich in Frieden leKambodscha — mit seinen rund 181 000 Quadratkilometern kleiner als die Bundesrepublik, gehört nach zwanzig Jahren Krieg und Terror zu den ärmsten Ländern der Welt. Vor allem auf dem Land, wo rund neunzig Prozent der Kambodschaner leben, sind noch viele in dem Teufelskreis aus Armut, Unterernährung und Krankheit gefangen. Von fünf Kindern erreichen nur vier das fünfte Lebensjahr. Lediglich fünfzehn Prozent der Bevölkerung können einwandfreies Wasser trinken. Wo es überhaupt ein öffentliches Gesundheitswesen gibt, sind die Verhältnisse erschreckend. Viele Krankenhäuser verfügen weder über Elektrizität noch über fließendes Wasser. Es mangelt an Medikamenten. Malaria, Tuberkulose, Denguefieber oder Hepatitis breiten sich immer weiter aus. Nachdem die Vietnamesen das Land Anfang 1979 vom maoistischen Terrorregime Pol Pots befreit hatten, lebten noch rund sechs Millionen Kambodschaner. Ein bis zwei Millionen Menschen, so die Schätzungen von Wissenschaftlern, waren durch Hunger und Krankheit ums Leben gekommen oder exekutiert worden. Nahezu die gesamte Intelligenz wurde ausgerottet. Es drohte eine verheerende Hungersnot.

Von Januar bis Oktober 1979 leisteten ausschließlich sozialistische Länder die nötigste Hilfe, allen voran Vietnam und die UdSSR. Auch die DDR schickte Flugzeuge mit Lebensmitteln und Medikamenten. Im November begannen der United Nations International Childrens Emergency Fund (Unicef) und das Internationale Rote Kreuz damit, eine Hilfsaktion zu koordinieren, die mit einem Budget von 370 Millionen Dollar zwei Jahre lang die Not in Kambodscha und den Flüchtlingslagern in Thailand zu lindern suchte. Nach zwei Jahrzehnten Krieg sind heute 65 Prozent der erwachsenen Kambodschaner Frauen. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei wenig mehr als vierzig Jahren. Die Unicef versucht zu verhindern — unter anderem mit einem Impfprogramm —, daß Menschen an Krankheiten sterben, an denen heute niemand mehr sterben müßte. Aber ihr steht lediglich ein Budget von fünf Millionen Dollar zur Verfügung. Neben den üblichen Mitgliedsbeiträgen an die UN Organisationen spendeten im vergangenen Jahr Schweden, Australien, Japan, Großbritannien und die Niederlande namhafte Summen, um die Lage der Mütter und Kinder in Kambodscha zu verbessern. Von der Bundesrepublik kam bislang kein Pfennig für das Unicef Programm.

Auch unter den nichtstaatlichen Hilfsorganisationen, die 1989 rund zwanzig Millionen Dollar für humanitäre Hilfe aufbrachten, ist keine einzige aus der Bundesrepublik zu finden. Die Bundesrepublik hat statt dessen in den vergangenen Jahren stattliche Millionen Beträge für die 300 000 Flüchtlinge in den Flüchtlingslagern aufgebracht. Die von der Widerstandskoalition beherrschten Lager wurden im vergangenen Jahr mit 60 Millionen Dollar alimentiert; nach Kambodscha, wo fünfundzwanzigmal mehr Menschen leben, flössen nur 25 Millionen Dollar.

"Die Isolierung dieses Landes ist ein Verbrechen", empört sich Dario Loda, der Leiter des Unicef Programms in Phnom Penh. Er kann es — wie alle Westeuropäer, die in Phnom Penh arbeiten — nicht fassen, daß die westeuropäischen Länder noch immer die Widerstandskoalition und damit die Menschenschlächter der Roten Khmer unterstützen und der Regierung unter Premierminister Hun Sen die Anerkennung verweigern. Die bizarren Folgen dieser Politik des Kalten Krieges beschreibt Loda am Beispiel einer Unicef Konferenz, die sich im Frühjahr in Bangkok mit dem Schulwesen in der Dritten Welt befassen soll: "Dort wird dann als Vertreterin Kambodschas Khieü Ponnary auftauchen. Das ist die Frau Pol Pots, die als ehemalige Erziehungsministerin die Verantwortung dafür zu tragen hat, daß von 20 000 Lehrerinnen und Lehrern 1979 nur noch weniger als 5000 am Leben waren In einem internen Bericht der Unicef heißt es: "Im Laufe der Jahre seit 1979 haben die Kambodschaner durch schiere Entschlossenheit, harte Arbeit und einen unglaublichen Überlebenswillen immense Fortschritte beim Aufbau ihres Landes erzielt " Daß dies gelingen konnte, ist vor allem ein Verdienst der Sowjetunion. Sie unterstützt das ausgeblutete Land allein im Rahmen der technischen Zusammenarbeit mit Lieferungen im Wert von umgerechnet 95 Millionen Dollar pro Jahr. Die DDR hilft Kambodscha seit 1980 jährlich mit sogenannten "Solidaritätslieferungen" im Wert von 18 Millionen Mark. Die Diplomaten der sozialistischen Länder können allerdings derzeit nur ohnmächtig zusehen, wie der Bürgerkrieg die bescheidenen Erfolge des Wiederaufbaus gefährdet oder zunichte macht.

In Phnom Penh, wo mittlerweile wieder fast 800 000 Menschen leben, herrscht angesichts der bedrohlichen militärischen Entwicklung eine Unbekümmertheit, die etwas Gespenstisches hat. In mehr als fünfzig Kinos und einer unüberschaubaren Zahl von Videohallen zerstreuen sich die Bewohner der Hauptstadt mit indischen Liebesfilmen oder Kung Fu Streifen aus Hongkong. Die Märkte quellen über vor Waren aus Thailand und Singapur. Die Stände, die noch vor einem Jahr gerahmte Bilder von Marx, Lenin und dem Präsidenten Heng Samrin feilboten, verkaufen inzwischen nur noch Portraits von thailändischen Filmsternchen, Arnold Schwarzenegger und Madonna. Ein Autohändler, der pro Woche rund zehn Toyotas, Peugeots und Mercedes Benz aus Singapur importiert, trägt eine Rolex und eine massive Goldkette am Handgelenk "Die Nachfrage ist größer als das Angebot", seufzt er selbstzufrieden.

Wer es sich leisten kann, hat nur eines im Sinn: Dolce vita Überall wird getanzt: am liebsten zu sentimentalen Schlagern. In den Restaurants betrinken sich höhere Ministerialbeamte, Offiziere und Polizisten an Hennessy und Johnny Walker. Die Rikschafahrer berauschen sich an Marihuanazigaretten, die es für umgerechnet weniger als ein Zehntel Pfennig legal an jeder Straßenecke zu kaufen gibt. Ausländer delektieren sich in den schwimmenden Restaurants am Fluß an Hummer und amüsieren sich darüber, daß sie schon wieder chinesisches "Feindbier" trinken, das über Vietnam nach Kambodscha geschmuggelt wird. Japaner und Thais versuchen, Geschäfte mit Tropenholz anzubahnen, die Erwartung eines "Goldrausches" zieht risikofreudige Entrepreneurs an. Schon während die asketischen Kommunisten aus Vietnam das Land besetzt hielten und die Politik der Regierung massiv beeinflußten, unterhöhlten in Phnom Penh die anarchischen Kräfte des Erwerbstriebes und des freien Marktes das sozialistische System. Je näher der Abzug der Vietnamesen rückte, desto weniger bemühte sich die Regierung darum, den Etikettenschwindel beizubehalten. Am 30. April 1989 beschloß die Nationalversammlung schließlich eine neue Verfassung, die nicht nur die Änderung des Namens von "Volksrepublik" in "Staat" Kambodscha und den Austausch der roten Nationalflagge gegen eine blaurote brachte, sondern auch den Schutz des Privateigentums postulierte. Das Leben in Phnom Penh beseitigt heute jeden Verdacht, daß hier eine egalitäre Ordnung errichtet werden soll. Ein osteuropäischer Botschafter urteilt: "Mit Sozialismus hat das hier nichts mehr zu tun. Davon ist diese Gesellschaft meilenweit entfernt "

Der Krieg scheint ebensoweit weg zu sein. Wäre da nicht die Ausgangssperre, die von neun Uhr abends bis fünf Uhr morgens gilt, und führen nicht gelegentlich bewaffnete Soldaten durch die belebten Straßen, man würde wahrscheinlich in Phnom Penh den Krieg einfach vergessen. Es existiert zwar die allgemeine Wehrpflicht für junge Männer ab achtzehn Jahren. Aber es gibt Ausnahmen. Regierungsangestellte werden nicht eingezogen, und für die Söhne der Reichen kaufen die Väter einen Studienplatz, der sie vor der Einberufung bewahrt "Phnom Penh führt den Krieg nicht", meint ein schwedischer Arzt, der in der Provinz arbeitet "Die Hauptstadt läßt Krieg führen, und zwar von den Bauernsöhnen. Aber warum sollten die sich erschießen lassen, wenn Offiziere ihren Sold unterschlagen, um das Geld in Autos und Villen anzulegen oder es auf Phnom Penhs sündiger Meile zu verprassen "

Zwar wurden die vietnamesischen Huren zusammen mit den Soldaten im vergangenen Herbst wieder nach Saigon verfrachtet, aber auch Phnom Penh hat seine Reeperbahn. In Dutzenden von spärlich erleuchteten Holzhütten bieten Kambodschanerinnen für tausend Riel (rund sieben Mark) ihre Körper den neuen Reichen von Phnom Penh feil. In den Bars kassiert eine Polizei Mafia Schutzgelder. Wer nicht zahlen kann oder will, wird eingesperrt und mißhandelt, bis ihn Verwandte oder Freunde freikaufen. Die Korruption, die sich mittlerweile zügig dem Niveau annähert, das in den kapitalistischen Nachbarländern üblich ist, erzeugt freilich erheblichen Unwillen bei denen, die ihr schutzlos ausgesetzt sind und mangels Macht und Möglichkeiten zu kurz kommen. "Die Führer haben uns einfachen Kadern jahrelang gepredigt, daß wir mit dem Fahrrad fahren sollen", klagt ein verbitterter Funktionär der Revolutionären Volkspartei "Und jetzt überholen sie uns mit ihren Luxuslimousinen. Sie haben jetzt Klimaanlagen in ihren Villen", sagt er nicht ohne Schadenfreude, "aber sie können trotzdem nicht schlafen. Daß Ceau§escu von einem Tag auf den anderen exekutiert wurde, hat sie schockiert " "Wir leben hier sehr frei", befindet hingegen voll Optimismus Pung Peng Cheng "Wir haben wirtschaftliche Freiheiten gewährt Außerdem habe man begonnen, das politische System demokratisch zu reorganisieren "Auch den Bauern geht es heute besser als vor dem Krieg unter Prinz Sihanouk", urteilt der achtzigjährige Grandseigneur der kambodschanischen Politik, der seit Februar 1988 als Minister ohne Geschäftsbereich im Kabinett sitzt "Sie können heute bei einer staatlichen Bank Kredite aufnehmen, statt sich wie früher bei chinesischen Geldverleihern zu Wucherzinsen zu verschulden Generell sei der staatliche Einfluß auf die Wirtschaftspolitik viel geringer als in den sechziger Jahren. Wenn die Regierung nicht vierzig Prozent des Nationaleinkommens in die Verteidigung investieren müßte, würde das ausgeblutete Land schon jetzt einen gewaltigen Aufschwung erleben.

Heute wünscht sich der freundliche alte Herr: "Wenn Sihanouk mit der Regierung zusammenarbeiten würde, hätte das Land endlich Frieden " Obwohl Sihanouk durch sein Herumlavieren und seine Allianz mit den Roten Khmer erheblich an Popularität verloren hat, scheint eine Koalition den meisten Kambodschanern das geringste der zahlreichen Übel zu sein.

Aber der kleine Prinz steht nicht nur unter dem Druck seiner chinesischen Sponsoren, sondern versucht auch nach wie vor, die Roten Khmer und die KPNLF dazu zu benutzen, die Vorherrschaft gegenüber Hun Sen und seiner Regierung zu erringen. Die Chancen für eine schnelle politische Lösung sind deshalb schlecht.

Die Regierungen der Bundesrepublik und der neisten anderen westeuropäischen Länder, die in der Kambodscha Frage immer noch handeln, als labe sich die Welt in den vergangenen Jahren kein iißchen verändert, übergehen — strategisch deniend — das Leiden des kambodschanischen Volces. Sie verschanzen sich hinter der Position ihrer Verbündeten in Südostasien, die vor allem die Stärke Vietnams fürchten. Die Diplomaten im Auswärtigen Amt in Bonn und Bangkok werden lur von der grünen Bundestagsabgeordneten Petra Kelly gelegentlich mit parlamentarischen Anfragen Delästigt. Die Öffentlichkeit ist desinteressiert. Anders m Großbritannien: Die Regierung svurde durch eine Serie von Zeitungsberichten weligstens dazu gezwungen, dem Land humanitäre Hilfe zu gewähren. Ein Hoffnungsschimmer ist luch die Tatsache, daß der Premierminister Thaiands offenbar erkannt hat, daß sein Land mit einem Frieden in Kambodscha bessere Geschäfte machen könnte, als es dies mit dem Krieg seit zehn Jahren tut. Und Indonesiens Außenminister Ali Alatas versuchte, zwischen der Regierung Hun Sens und den stur antikommunistischen AseanStaaten Singapur und Malaysia zu vermitteln. Die Tatsache, daß bei der gescheiterten Pariser Friedenskonferenz im August vergangenen Jahres neben den vier kambodschanischen Fraktionen Delegierte aus neunzehn weiteren Staaten anwesend waren, zeigt, wie komplex das Geflecht der widersprüchlichen Interessen ist, die bei einer politischen Lösung berücksichtigt werden müssen. Eine bemerkenswert positive Rolle spielt dabei inzwischen die australische Regierung, deren Abgesandte eine hektische Reisetätigkeit entwickelt haben. Sie wollen erreichen, daß der UN Sitz Kambodschas der Widerstandskoalition entzogen wird und erst dann wieder besetzt wird, wenn dem Vorbild Namibias entsprechend — nach allgemeiner Abrüstung unter dem Schutz der UNFriedenstruppen — in freien Wahlen einen neue Regierung gewählt ist. Bislang hat noch keiner der Beteiligten diesen Vorschlag zurückgewiesen. Da aber seit dem Frühjahr 1987 ohne Ergebnis verhandelt wird, heißt dies nicht allzu viel.

Wichtiger dagegen ist es, daß derzeit fast alle Parteien, die in den Bürgerkrieg verwickelt sind, unter immer stärkeren Druck geraten "Für unsere Regierung", argumentiert ein Intellektueller der politischen Elite Phnom Penhs, "sind die rasante Entwicklung in Osteuropa und die schwere Wirtschaftskrise in der Sowjetunion sehr bedrohlich " Es sei klar, daß der Ostblock Kambodscha weniger stark unterstützen werde. So ist er inzwischen davon überzeugt, daß nur Frieden geschlossen werden könne, wenn eine kleine Gruppe von moderaten Mitgliedern der Roten Khmer an einer Übergangsregierung beteiligt werde. Das sei zwar eine Verhöhnung jeglicher Moral, räumt er ein, aber eine unvermeidliche, da die Chinesen nicht das Gesicht verlieren dürften "Wir müssen die Khmer Rouge durch politische Wahlen eliminieren", beschreibt er seinen Plan. Bei Wahlen werde China die Unterstützung für die Roten Khmer stoppen "Die streben ohnehin keinen militärischen Sieg mehr an", glaubt er, "sondern wollen uns zum Nachgeben zwingen "

Der Westen und China, die seit über zehn Jahren die Widerstandskoalition am Leben erhalten haben, fürchten inzwischen selbst den Marsch der Roten Khmer auf Phnom Penh oder gar ihren Sieg. Diese Variante war bei dem Versuch, Vietnam für seine Invasion zu bestrafen und Sihanouk mit Hilfe der Roten Khmer wieder an die Macht zu bringen, nicht eingeplant.

"Sie haben das Monster Khmer Rouge aufgepäppelt, ohne sich Gedanken darüber zu machen, wie sie es wieder loswerden, wenn es seine Schuldigkeit auf dem Schlachtfeld getan habe", kritisiert der amerikanische Kongreßabgeordnete Chet Atkins diese naive Strategie. Die Roten Khmer, das lehrt ihre Geschichte, lassen sich aber nicht so einfach funktionalisieren. In seiner Neujahrsbotschaft feierte der Rote Khmer Führer Khieu Samphan bereits den "Wendepunkt des Kampfes des kambodschanischen Volkes".