Ich kann nicht genug kriegen vom Leben“, notiert die in Ost-Berlin lebende Katja Worch zu ihren Photos. Abzulesen ist dieser Hunger nach Leben nicht nur ihren Bildern. Auch in den Arbeiten anderer DDR-Photographinnen fällt er auf – sowohl bei den Photographien selbst wie in den Blicken der von ihnen Photographierten. Trauer, Resignation, Erstarrung spiegeln zwar viele der Gesichter, doch ist da immer auch die Sehnsucht, der Hunger nach Leben zu spüren. Katja Worch: „Seit 25 Jahren arbeite ich bei einer Frauenzeitschrift; merke, wie gut es ist, viel zu wollen und viel zu dürfen – und wie schwer, dies zu verwirklichen. Davon möchte ich mit meinen Bildern erzählen, aufmerksam machen, auf unterschiedliche Arten zu leben, ein wenig mitmachen für eigene Entscheidungen.“

„Eigentlich“, sagte ihre Kollegin Helga Paris kürzlich im Gespräch, „ist Photographieren eine Haltung. Technisch ist es ja überhaupt kein Problem, ein Photo zu machen. Das Wichtigste ist, daß man eine Haltung und eine Meinung hat.“ In der von der Ostberliner Kunstwissenschaftlerin Gabriele Muschter herausgegebenen Anthologie „DDR Frauen photographieren“ ist das jetzt nachzuvollziehen. „Es macht eben einen Unterschied, ob man selbst ganz nahe dran ist oder nur die Kamera“, erklärt Ines Thate-Keler, die bei ihren Portraits von Industriearbeiterinnen durchaus eine räumliche Distanz bestehen läßt, doch: In dieser Distanz vermittelt sich Nähe, Solidarität.

Nach den revolutionären Vorgängen in der DDR wirken die Bilder der 43 Photographinnen jetzt nicht nur wie Zeugnisse der Vergangenheit. Viele erscheinen einem auch wie sehr deutliche Zeichen für etwas, das kommen mußte. Die Blicke, die Haltungen in diesen Photos stellen Forderungen, weisen auf Widersprüche und Spuren des Mangels. Der selbstherrlichen Mittel der Mächtigen bedienen sich die Photographinnen dabei nicht. „Frauen photographieren anders“, stellt Gabriele Muschter fest, und die Photographin Ursula Arnold schreibt: „Wenn ich mich frage, ob es für mich eine andere Wirklichkeit als für Männer gibt, heißt die Antwort: nicht zu den Herrschenden zu gehören. Meine Sympathie gehört denen, die nicht zu den Herrschenden gehören.“ Die Übersehenen und die Randfiguren rücken dann auch bei vielen DDR-Photographinnen ins Zentrum: so die behinderte Regina Reichert in einer einfühlsamen Photoserie von Karin Wieckhorst oder die pflegebedürftige alte „Frau Anneliese St.“ in einer unsentimentalen Folge von Renate Zeun, die Arbeiter bei Gundula Schulze und die Straßenbahnfahrgäste bei Evelyn Richter, die von Helga Paris und Konstanze Göbel in Halle aufgenommenen Menschen und Häuser, die vielen Namenlosen schließlich, deren Portraits Mut machen, Offenheit ausstrahlen und Klarheit – und hierzulande fast schon exotisch wirken. Vertraut wirken dagegen zwei Portraits, die im Buch aus dem Rahmen fallen: Besucher eines Prince-Konzerts und einer Vernissage, „Publikum“, photographiert von der seit 1986 in der Bundesrepublik lebenden Ines Thate-Keler in München – bekannte Gesichter, Haltungen, Blicke, die nichts zugeben wollen, zu verbergen suchen und doch auf etwas weisen, das verloren wurde hinter der Fassade, (ex pose Verlag, Berlin; 184 Seiten, 58 Mark)

Raimund, Hoghe