iebe, Wind, Staub: Szenen einer Familie, Komödie und Thriller zugleich, erzählt über ein Jahr hinweg, zwischen zwei Feiern von Jörn Kippur. Um drei Männer geht es, um Großvater, Vater und Sohn. Was sie tun, denken, fühlen. Wie sie lügen und träumen, planen und handeln, streiten und stehlen. Hin- und hergerissen dabei zwischen den alten Wahrheiten ihrer irischen, sizilianischen und jüdischen Vorfahren. Die Frauen, ob nun Gefährtin, Freundin oder Geliebte, bleiben Beiwerk drum herum.

Im Mittelpunkt steht Adam (Matthew Broderick), ein junger Student, kurz vor dem Diplom, hochbegabt und hoch gefördert, Stipendiat berühmtester Stiftungen. In der vor ihm liegenden üblichen Karriere sieht er nur eine langweilige Konvention. Nichts, was Lust bringt oder erregendes Wohlbehagen. Er aber will nicht reüssieren, er will das Leben spüren, den thrill und den suspense.

Es geht um die Freiheit der Existenz vor jeder Essenz, um das Leben vor dem Ideal oder der Ideologie. Es geht um die Qual der Wahl: Soll Adam seinem Vater (Dustin Hoffman) oder seinem Großvater (Sean Connery) nacheifern? Der eine ist ein erfolgreicher Geschäftsmann, der andere ein erfolgloser Gauner, der eine brav, bieder, arbeitsam und unglücklich, der andere unzuverlässig, unverschämt, arbeitsscheu – und glücklich. Als ein befreundeter Forscher ihm die Chance zu einem großen Coup gibt, greift Adam sofort zu. Sein Großvater ist auch dabei, aber sein Vater hat Bedenken. "Seid ihr irre? Ich hab’ mein Leben lang mit meinem Vater geklaut, und jetzt soll ich mit meinem Sohn klauen gehen?"

Das Unverschämte liegt, wie immer bei Lumet, in der Geschichte. Wollte man sie auf einen Punkt bringen, wäre sie am ehesten als Propaganda für kriminelle Phantasien zu begreifen. Amerika, so Lumet, ist seit Jahren geistig und kulturell in einer Verfassung, die jeden Widerstand gestattet. Anpassungswillige Karrieristen, die nur nach einer Lücke oder einer besonderen Idee suchen, um anders in die Pfanne zu hauen und sich zu bereichern, zeichnet er in den bösartigsten Farben. Für Adams Mädchen, das nach Sterbenskranken Ausschau hält, um an billige Wohnungen zu kommen, hat er nur Verachtung übrig.

Lumets Filme sind gegen glamouröse Verklärungen gerichtet. Die Sicht auf Amerika ist distanziert, nüchtern, kritisch: geprägt von den großen Realisten, die er allesamt verfilmte – Eugene O’Neill, Tennessee Williams, Arthur Miller. Seine Devise lautet: Mißstände attackieren und anprangern; die dunkle Seite des schönen Scheins sichtbar machen. Dabei nimmt Lumet sich stets der großen Themen an. In seinem Debütfilm "12 Angry Men" (1959); das Rechtssystem der USA. In "A View from the Bridge" (1961): die Diskriminierung der Einwanderer. In "Fall Saft" (1964): die unkalkulierbaren Gefahren der Atomwaffen. In "The Deadly Affair" (1966): die Machenschaften der Geheimdienste. In "Serpico" (1973); die Korruption innerhalb der New Yorker Polizei. In "Network" (1976): die verlogene Medienshow kommerzieller Fernsehsender, In "Daniel" (1983): den Umgang mit kritischen Intellektuellen. In "Running on Empty" (1988), einem seiner schönsten Filme: das große kleine Elend politisch Verfolgter.

Sidney Lumet ist ein altmodischer Regisseur, ein Mann des Theaters, der seine Inszenierungen bloß aufzeichnet, nicht filmisch dynamisiert. Er liebt literarische Filme, bei denen die Geschichte dominiert, nicht die Effekte, die mit Bildern zu erzielen wären. Man sollte Ridley Scotts wagemutigen "Black Rain" dagegen sehen. Der beschwört mit seinem Licht alle Düsternis heutiger Großstädte – und zugleich die künstliche Phantastik des späten film mir. Mit seinem Rhythmus fängt er das zerrissene Gefühl unserer Zeit ein. Und in seinen Bildkadern bannt er die Undurchdringlichkeit des Visuellen: die unerträgliche Dominanz der Zeichen.

Wenn "Black Rain" mit einem Turbo zu vergleichen ist, muß man Lumets Film als einen braven Trabant nehmen, zuverlässig, aber langsam und veraltet Und im Duft zu vordergründig. Der eine attackiert seinen Fahrer ganz direkt, der andere schaukelt ihn folgsam des Weges.

Sidney Lumet glaubt an das einfache Nacheinander, das durch besondere Betonung seine besondere Wirkung erzielt. Seine Zuschauer will er nicht irritieren, sondern aufrütteln. Mir konturierte Dramen, präzise Zeichnung von Milieu und Figuren, scharfe Dialoge, allegorische Bildmotive, das sind seine Domänen; Aufklärung und Belehrung seine Intentionen. Mit Licht, Rhythmus und Atmosphäre verdichtet er, was er zu sagen hat. Ihm käme nie in den Sinn, daß Kino mehr ist als die Summe seiner bedeutsamen Stories, mehr als das Fazit von Konflikt und Dramatik. Norbert Grob