Der Bundesvorstand der Grünen, die Bundesarbeitsgemeinschaft Frauen der Grünen und der Landesvorstand der Grünen NRW haben kürzlich eine aufwendig aufgemachte Broschüre zum Thema "Wider Gewalt gegen Frauen und Mädchen" herausgebracht. Neben Literaturangaben, Infos und Adressen enthält die Broschüre Texte zu den Themen "Körperliche und seelische Gewalt gegen Frauen" (Anne Neugebauer), "Vergewaltigung" (Monika Scheffler) und "Sexuelle Gewalt gegen Mädchen" (Beate Bongartz). Der letzte Beitrag verdient besondere Aufmerksamkeit. Erstaunt stellt der Leser fest, daß in dieser Publikation der Grünen antisemitische Stereotypen der übelsten Art verwendet werden, die auch Streichers Stürmer alle Ehre gemacht hätten.

In dem Beitrag von Frau Bongartz wird ausgeführt, daß sexuelle Gewalt gegen Mädchen in allen Kulturen und Zeiten stattgefunden hat – was niemand in Abrede stellen wird. Dann kommt es aber knüppeldick. Sie schreibt, schon der Talmud hatte befunden, "daß ein weibliches Kind von ‚drei Jahren und einem Tag‘ mit Erlaubnis des Vaters durch Geschlechtsverkehr verlobt werden könne. Geschlechtsverkehr mit einem noch jüngeren Mädchen war kein Verbrechen, sondern zählte nicht..." Und nach Zitierung einer Stelle aus dem Talmud, die aus dem Zusammenhang gerissen und entstellt widergegeben wird, heißt es, der Religionsphilosoph Maimonides hätte in seinem Werk "Mischna Thora" diese Auffassung bekräftigt und darüber hinaus erklärt, "daß die Vergewaltigung einer Unter-Dreijährigen kein Grund zur Besorgnis sei...".

Im Klartext heißt das, Frau Bongartz und ihre Kolleginnen sind der Ansicht, Juden seien Kinderschänder und überhaupt Sexualverbrechen an Kindern ein "typisch jüdisches" Verbrechen. Eigentlich bedarf es nicht des Hinweises, daß im Talmud und den entsprechenden Kommentaren genau das Gegenteil dessen gesagt wird, was diese Grünen-Publikation suggerieren will. Es wurden von den Rabbinern hohe Strafen bei Notzuchtverbrechen verfügt, worüber sich die Autorin leicht hätte informieren können, wenn sie sich die Mühe gemacht hätte, eine Bibliothek aufzusuchen. Statt dessen hat sie offensichtlich nur antisemitische Literatur benutzt und vielleicht gar den Stürmer als Quelle herangezogen, wo immer wieder behauptet worden ist, der Jude vergreife sich nicht nur an vorpubertären Kindern, sondern er scheue auch nicht davor zurück, Kleinkinder für seinen "unersättlichen Sexualtrieb" zu mißbrauchen.

Fazit: Die von den Grünen in den letzten Jahren organisierten Anhörungen zum Thema Antisemitismus scheinen offensichtlich bisher noch keinerlei Früchte getragen zu haben. Die Herausgeber – insbesondere der Bundesvorstand der Grünen – werden nicht umhin können, sich zu diesem skandalösen Machwerk zu äußern.

Julius H. Schoeps