Von Benjamin Henrichs

Wenn der Schauspieler richtig spielt, sagt "die Schauspielerin" in diesem seltsamsten aller Schauspiele, dann werden "am Ende nicht er, sondern die Leute als Schauspieler nachhause gehen, und zwar als von ihrem Schauspielertum überzeugte". Wenn der Schauspieler richtig spielt, sagt die Schauspielerin, dann erfährt sich der Zuschauer als Held und als Einsamer.

Im Wiener Burgtheater, in der Uraufführung von Peter Handkes neuem Stück mit dem langen Titel "Das Spiel vom Fragen oder Die Reise zum Sonoren Land", konnte man miterleben, wie wahr die Schauspielerin spricht. Selten noch hat ein Schauspiel die Zuschauer so sehr zu Schauspielern, zu Verschworenen oder Opfern, gemacht. Während auf der Bühne droben manchmal das Theater stillzustehen, ja an ein Ende zu kommen schien, wurden die Zuschauer drunten unaufhaltsam zu Akteuren – die einen schauten zu in entspanntestem Müßiggang, in "staunender Ruhe", die anderen fühlten sich wie gefoltert und in Geiselhaft genommen.

Wie Mozarts "Zauberflöte" ist "Das Spiel vom Fragen" ein Prüfungsmärchen – auch für den Zuschauer. Wie bei jeder Reise (egal, ob es zum Sonoren Land oder bloß zum Südpol geht) sind Qual und Beglückung, Langeweile und Trance oft nur einen Schritt, einen Atemzug voneinander entfernt. Wer nicht dabei war, wird es nicht begreifen. Und alle Reiseberichte sind Lügen.

In der fünften und letzten Stunde der Wiener Expedition fühlt sich der glückliche Zuschauer so beschwingt wie selten im Theater, der unglückliche so zerschlagen wie nie. Schon eine Weile vorher hatte "die Alte" so etwas wie den Abgesang gesprochen auf die Reise und auf das Stück, in dem sie auftritt: "Seltsames Schaukeln. Seltsame Expedition. Vielleicht nur ein tristes Delirium?"

Warum, wenn die Zuschauer Schauspieler werden, sollten die Schauspieler nicht Kritiker sein? Das wäre die Frage. Doch fragen wir jetzt lieber schnell: Worum geht es hier eigentlich? Die erste Antwort gibt der Blick auf die Bühne.

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