Wie sich in Norddeutschland Verantwortliche, Nutznießer und Aktivisten des NS-Regimes der Entnazifizierung entzogen

Aus der Antwort der Landesregierung in Kiel zur Großen Anfrage der SPD-Fraktion (6. 12. 89, Drucksache 12/608):

Es gibt zahlreiche Publizisten, die behaupten, Schleswig-Holstein sei in den ersten Nachkriegsjahrzehnten ein Schlupfwinkel für Nationalsozialisten gewesen. Wie erklärt sich die Landesregierung diese Behauptung, und welche Gründe gab es für einen solchen Ruf?

Es lassen sich drei Hauptursachen nennen, die nach 1945 zu einer Ansammlung von führenden und mittleren NS-Chargen aus Polizei, SS, Partei, Justiz und allgemeiner Verwaltung in Schleswig-Holstein führten:

  • Schon lange vor 1933 hatte sich Schleswig-Holstein zu einer der Hochburgen des Nationalsozialismus entwickelt. Nationalistisch-antidemokratische Dispositionen lassen sich bis ins preußisch-deutsche Kaiserreich zurückverfolgen. Vor allem im Zuge des deutsch-dänischen Abstimmungskampfes von 1920 wurden nationalistische Grundströmungen mobilisiert, an die sich bald darauf die Agitation völkisch-nationalistischer Gruppierungen anschloß. Deshalb gelang es der NSDAP rasch, zunächst die Landbevölkerung und dann auch weite Teile des Bürgertums für sich zu gewinnen.
  • Darüber hinaus wurde Schleswig-Holstein seit Ende 1944 zu einem der Hauptaufnahmeländer für den Flüchtlingsstrom aus den Ostgebieten. Die Bevölkerung stieg von circa 1 590 000 Menschen im Jahre 1939 auf circa 2 669 000 Menschen im Jahre 1949 an. Im Lande waren 1949 rund 1 180 000 Flüchtlinge registriert, was einem Anteil von 44,5 Prozent an der Gesamtbevölkerung entsprach. Schleswig-Holstein wies damit den höchsten Flüchtlingsanteil unter sämtlichen Bundesländern auf. Flüchtlinge hatten nicht nur einen wesentlichen Anteil an der Leistung des Wiederaufbaus des Landes; sie kamen auch aus Gebieten, in denen ähnlich wie in Schleswig-Holstein die NSDAP frühe Wahlerfolge hatte verbuchen können.
  • Gegen Kriegsende kam es zu einer Reihe von Sonderentwicklungen. Dazu gehörte insbesondere die Verlegung einer Vielzahl von Behörden und Stäben zur „Reichsregierung Dönitz“ nach Flensburg ... Fest steht ..., daß sich viele Dienststellen der Wehrmachtsjustiz und auch Teile des Volksgerichtshofes im April 1945 nach Flensburg, Eutin und Bad Schwartau abgesetzt hatten. Ähnliches galt für ganze Gruppen und Referate des Reichskriminalpolizeiamtes. Auch die „Inspektion der Konzentrationslager“ hielt sich ab 30. April 1945 bei Harrislee auf. Heinrich Himmler machte mit seinem persönlichen Stab zum letzten Mal auf einem Bauernhof in Hüholz (Kreis Flensburg) Quartier. Rudolf Höß, der Kommandant von Auschwitz, tauchte auf Sylt unter, Oswald Pohl, der Chef des SS-Wirtschaftsverwaltungsamtes, verbarg sich in Steinbergkirche an der Flensburger Förde. Gerhard Maurer, der den Arbeitseinsatz der KZ-Häftlinge koordiniert hatte, verdingte sich bei einem Bauern auf der schleswigschen Geest. Während Höß, Pohl und Maurer später gefaßt werden konnten, gelang es anderen, sich in der schleswig-holsteinischen Nachkriegsgesellschaft zu etablieren.

SS-Führer in der Staatskanzlei

Die ersten Landesregierungen scheinen unter den Ministerpräsidenten Theodor Steltzer (1946/47) und Hermann Lüdemann (1948/49) einer politischen Überprüfung der Mitarbeiter der Landesverwaltung kaum Aufmerksamkeit gewidmet zu haben. Von der Entnazifizierung blieb die Landesverwaltung offenbar, ähnlich wie die Justiz, zunächst unberührt. ... Erst unter Ministerpräsident Diekmann wurde 1949/50 in der letzten Phase sozialdemokratischer Regierungspolitik versucht, in größerem Stil junge und unbelastete Kräfte für den Landesdienst heranzuziehen ...