Die "weiße Saison" hat — wie seit einigen Jahren schon — auch heuer wieder standesgemäß begonnen: in Grün. Die Pisten lagen bloß, aper, wie es im Alpin Jargon heißt. Zu Weihnachten luden die meisten alpinen Höhen die in Scharen angereisten Feiertagsurlauber zum Wandern ein, das Mieten von Mountain bikes war der Renner in den Sportläden der Wintersportorte, die sonst um diese Jahreszeit mit dem Verleih von Ski, Stiefeln und Stöcken machen. Nur auf den Gletschern, auf denen noch ausreichend Novemberschnee zum Wedeln und Rutschen einlud, herrschte Hochbetrieb. Um dem Ansturm der Massen aus den umliegenden schneefreien Tälern Einhalt zu gebieten, wurde erstmals zu rigiden Maßnahmen gegriffen. Dort, wo Schnee lag, wurden keine Tageskarten ausgegeben. Auf die Gletscherpisten des Stubaitales gelangte beispielsweise nur, wer anhand seiner Gästekarte ein Quartier im Tal vorweisen konnte.

Viele Gemeinden, die kein Gletscherskigebiet zu ihrem Areal zählen können — und das sind die meisten —, verließen sich auf ein Zaubermittel, das ihnen unabhängig von der Gnade der Naturgewalten ScMnee nach Belieben auf Almen zaubern sollte: Künstlich hergestelltes Weiß aus Schneekanonen sollte dort, wo nicht die ersehnten Flocken vom Himmel rieselten, den Winter selber machen. Obwohl alles daran gesetzt wurde, die Skifahrer zu ihrer Schußfahrt kommen zu lassen: Der technisch gemachte Schnee — mittlerweile wird alpenweit aus rund 4000 Kanonen zugeschossen — erwies sich als Schuß in den Ofen. Er hielt nicht, besonders in den Lagen unter 2000 Metern. Ein kräftiger Wärmeeinbruch in den Nordalpen, Regen und ein teilweise häuserabdeckender Föhnsturm ließen die zuvor hergerichteten Talabfahrten buchstäblich den Bach runterfließen.

Dieser Umstand gab all den Mahnern neue Nahrung, die schon lange den Weg scharf kritisieren, den viele Gemeinden in den Alpen eingeschlagen haben: die einseitige Ausrichtung auf den Tourismus. Weil schon jetzt absehbar scheint, daß auch in diesem Winter die von vielen Orten kalkulierten und für die Amortisierung teurer Beförderungsanlagen, exklusiver Hotelbauten und touristischer Infrastruktur benötigten Gästezahlen nicht erreicht werden, und auch die Umweltschädigungen immer stärker zutage treten, nimmt die Diskussion wieder an Schärfe zu. Ein Konsens zwischen den Streithähnen über ein sinnvolles Ausmaß des Tourismus in den Bergen scheint kaum erreichbar.

Den unterschiedlichen Fraktionen entsprechend, gibt es unzählige verschiedene Konzepte in den einzelnen Gemeinden. Jeder versucht, sich ein eigenes Profil zu schaffen, frei nach dem Motto "Welches Image man hat, ist egal, Hauptsache, man hat überhaupt eines".

— St. Moritz, noch heute Treffpunkt der Skiurlauber, die über genügend Geld verfügen oder zumindest das entsprechende Aussehen, will in dieser Saison mehr Gäste mit einer Wunderkarte für den bargeldlosen Urlaub anlocken. Mit dieser Kreditkarte kann jeder Feriengast nicht nur am Skilift bezahlen, sondern auch an der Schneebar, in den Boutiquen im Ort und abends im Nachtklub — abgerechnet wird bei der Abreise.

— Die Hoteliers im Kleinen Walsertal wollen nun endlich von der Tatsache profitieren, daß sie jahrzehntelang vom Massentourismus schlicht vergessen wurden. Sie präsentieren sich als umweltbewußte Gastgeber: keine Müllverbrennung, kein Verkauf von Getränkedosen, keine FCKW Sprays und müllfreies Frühstück.

— Brixen im Thale heftet sich ein ominöses Image der "Friendly Lifters" ans touristische Revers, inklusive "Schneefestival mit Rosi Mittermaier und Christian Neureuther".