Von Hans-Joachim Müller

Es ist ziemlich eng im Dienstzimmer des Ministerialdirigenten. Um so weiträumiger sein Verantwortungsbereich. Das Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst arbeite gegenwärtig gleichzeitig an der Lösung von mehreren Problemen, sagt Heinrich Armborst und stößt mit dem Zeigefinger der rechten Hand auf den Daumen seiner linken: erstens ...

Was ist es nur, was die bayerische Kultusbürokratie in einen unbekannten Durchführungstaumel getrieben hat? Ein lästiges Erbe ist es, ein sogenanntes Sondervermögen, das dem Freistaat 1948 zugefallen war: Münchens Haus der Kunst. Tausend Jahre hatte es "Haus der Deutschen Kunst" geheißen, ein "Bauwerk vollendetster nationalsozialistischer Architektur", wie Staatskommissar Wagner zur Eröffnung am 18. Juli 1937 befand. Gleich nach seinem Machtantritt hatte Hitler bestimmt, den ersten Monumentalbau seiner Regierung "in freudiger Tatkraft der deutschen Kunst zu widmen". Alle zwei bis drei Wochen, erinnerte sich Albert Speer, sei der "Führer" nach München gereist, um den Planungsfortschritt im Büro von Paul Ludwig Troost zu überwachen und anschließend eine tüchtige Portion Ravioli bei Herrn Deutelmoser in der "Osteria Bavaria" zu bestellen. Troost, lobte die gleichgeschaltete Architekturkritik, habe von Anfang an den Standpunkt vertreten, daß es sich beim Haus der Deutschen Kunst nicht einfach um eine Absatzstätte für Gemälde, sondern um einen repräsentativen Bau handle, um einen Tempel der deutschen Kunst. "Weitgehend behauptete Programmatik", korrigierte unlängst die FAZ: Die Architektur erzähle von der alten Sehnsucht der Deutschen nach Griechenland, also nach der Demokratie und dem Maß im antiken Athen. Immer noch, bekannte einmal Münchens ehemaliger Kulturreferent Jürgen Kolbe, meine er die Stiefelschritte des "Führers" in den hallenden Räumen zu vernehmen.

Auch Magdalena Huber-Ruppel fühlte sich immer etwas unwohl auf ihrem Direktionsstuhl im Haus der Kunst. Der Nazibau habe sie schon stark belastet. Und doch räumt sie ihren Arbeitsplatz nicht wegen der Vergangenheit, sondern weil keine Zukunft mehr ist. Der Verein, der sie und ihr vierzehnköpfiges Team beschäftigt hat, ist gerade dabei, sich aufzulösen. Auf Ende Februar wird die "Ausstellungsleitung Haus der Kunst e.V." ihre Tätigkeit einstellen.

Als der "Tempel der deutschen Kunst" nach seiner nationalsozialistischen Weihephase in bayerische Obhut geriet, wurde er – schon damals mangels weiterführender Konzeptionen – in zwei Sektoren zerschnitten. Der Westflügel kam an die Staatsgemäldesammlungen, die dort Teile ihrer inzwischen umfangreichen modernen Bestände zeigt, der Mittelteil und der Ostflügel an die lokalen Künstlervereinigungen, die in München so zahlreich und so ehrenwert sind wie andernorts die Karnevalsgesellschaften: "Neue Gruppe", "Secession" und "Neue Münchner Künstlergenossenschaft", die wiederum in der "Ausstellungsleitung e.V." zusammengeschlossen sind. Daneben gibt es die "freie Münchner und Deutsche Künstlerschaft" und allerliebst die "königlich privilegierte Münchner Künstlergenossenschaft von 1868". Allesamt sind sie mit dem verbrieften Recht zu jährlichen jurierten oder unjurierten Auftritten in jenen einschüchternden Sälen ausgestattet, wo vormals "die echte Kunst" gegen die "großkapitalistisch aufgezogene marxistisch-anarchistische Zersetzung" aufzutrumpfen hatte.

Recht bequem für den Staat und sein Kulturpflegepersonal. Die Ansprüche bajuwarischer Kunsttraditionalisten schienen auf diese Weise überzeugend befriedigt zu sein. Wenn einmal Ausstellungspause war und gerade keine Künstlergala auf dem Kalender stand, dann ließen sich die durchaus tauglichen Räume auch an einen Teppichbasar oder eine Antiquitätenmesse vermieten. Und die Staatsgalerie moderner Kunst konnte nebenan ihre vornehme Avantgardescheu elegant hinter dem Provisorium tarnen, in das sie ihr kulturpolitisches Schicksal verbannt hatte.

So verlor der Bau seinen Schrecken, den er womöglich gar nie besessen hatte. Die Naziembleme wie der donnernde Introitus ("Kunst ist eine erhabene und zum Fanatismus verpflichtende Mission") ließen sich leicht entfernen. Und die Freitreppe, über die Führer und Gefolgschaft einst ins Kunstallerheiligste stampften, fiel nach dem Krieg den Städtebauern zum Opfer. Als wollten sie sich rächen für die Hartnäckigkeit, mit der ausgerechnet das Haus der Kunst den Bomben standgehalten hatte, senkten sie just vor seinem Eingang die vielbefahrene Prinzregentenstraße ab. Also wird der Besucher in der weitläufigen Unterführung weggedrängt von seinem Ziel, bis er an einer Stirnseite des Gebäudes wieder auftauchen darf.