Keine Gedenktafel, nichts erinnert mehr an die Kunst im Dienste des Faschismus. Das Haus ist nie zum Mahnmal geworden, es blieb Nutzbau mit einem Anwendungsspektrum vom Kunstsalon bis zum Faschingsfest. Und wenn man einmal von den martialischen Ikonen absieht, die zwischen 1937 und 1944 im Haus der Kunst die "Wiedergesundung des deutschen Menschen" propagierten, dann tummelten sich schon damals jene betulichen Realisten mit ihren "Wettertannen", "Graugansfamilien" und "Bauernmädchen", die auch heute noch aus königlich privilegierten Ateliers zur alljährlichen Münchner Leistungsschau aufbrechen. München eine Kunststadt? spottete Thomas Mann in den zwanziger Jahren: "Gewiß, – oder eigentlich nicht sowohl eine Stadt der Kunst, als vielmehr eine solche des höheren und hohen Kunstgewerbes, der festlich angewandten und urwüchsig dekorativen Kunst, und der Typ des Münchner Künstlers ist weniger ein geistiger Typ, als vielmehr derjenige eines lustigen Burschen von sinnlicher Kultur und mit den Instinkten des geborenen Festredners und Karnevalisten."

Die verfemte Moderne war in einem benachbarten Bau am Hofgartenrand zusammengepfercht und einen Tag nach der bombastischen Kulthandlung im Hitlerschen Kunsttempel zum verordneten Gespött freigegeben worden. In München selber waren die Kunstsäuberer nicht allzu fündig geworden. Was jetzt das offizielle Verdikt "entartet" trug, hatte die zutiefst konservative Münchner Museumspolitik schon im Entstehen mit Argwohn quittiert. Hundertsechzehn Werke seien beschlagnahmt worden, bilanziert der Katalog der Staatsgalerie moderner Kunst, "aber nicht viele von überragendem, mit internationalen Maßstäben zu messendem Rang".

Zur Wiedergutmachung nach dem Terror fühlte sich das Haus der Kunst kaum aufgerufen. Und war vor allem dazu niemals in der Lage. Die wechselnden Ausstellungsleitungen blieben abhängig von den sie tragenden Künstlerverbänden und dem sie finanzierenden Förderverein. Der Staat kommt bis heute mit lächerlichen Beträgen für den allernötigsten Betriebsunterhalt auf. An ein profiliertes Programm war unter den Bedingungen nicht zu denken. Sonderausstellungen wurden überhaupt nur veranstaltet, um mit ihren Gewinnen die wiederkehrenden Defilees der Lokalmatadore zu sichern. Das heißt: Sonderausstellungen mußten populär sein, damit sie garantiert zu Kassenrekorden führten. Die Spekulation war auch mitunter aufgegangen. In Zusammenarbeit mit anderen Museen gelangen immer wieder eindrucksvolle Veranstaltungen – de Chirico 1983 zum Beispiel, Beckmann 1984 oder "Kunst des Biedermeiers" 1989.

Aber der zusehends teurer werdende Kunstbetrieb hat eine Kunsthalle mit einem ungesicherten Ein-Millionen-Etat und einem ebenso ungesicherten Selbstverständnis zuletzt ins Aus manövrieren müssen. Was Magdalena Huber-Ruppel in eigener Regie unternahm, um das drohende Ende hinauszuzögern, waren nurmehr glücklose Überlebensversuche. Schon vor zwei Jahren gab sie einem Münchner Kunstführer resigniert zu Protokoll: "Zeitgenössische und unbekannte Kunst geht bei uns leider nicht. Das kann kein Diskussionspunkt mehr in unserer Planung sein."

Jetzt geht endgültig nichts mehr, und Ministerialdirigent Armborst sieht sich jählings vor einer Aufgabenfülle, die ihn milde erschauern läßt. Denn vom unaufhaltsamen Bankrott des lange Zeit kulturbürokratisch so pflegeleichten Hauses der Kunst will das zuständige Ministerium ("die Aufsichtsbehörde") nichts gewußt haben oder darüber erst jüngst informiert worden sein. Um so dringlicher nun der Handlungsbedarf und die vorschriftsmäßige Beschriftung der Akten mit gültigen Laufnummern: Die Staatsgalerie moderner Kunst, die trotz der notorisch zögerlichen Ankaufspolitik unter der Generaldirektion Erich Steingräbers eine hochrespektable Sammlung aufgebaut hat, braucht endlich ihr eigenes Haus. Zwanzig Millionen Mark – mindestens – kostet die Sanierung des überalterten Hauses der Kunst. Und dort soll der Ausstellungsbetrieb möglichst bald wieder aufgenommen werden. Nur wie? Und womit? Und von wem? Das Ministerium will mit einem Kuratorium die führungslose Zeit überbrücken, "mit kompetenten Leuten aus dem Raum München".

Die Künstlerverbände freilich werden sich ihre Pfründe nicht so ohne weiteres nehmen lassen und werden weiterhin im Verein mit dem völlig hilflosen Ministerium zu verhindern wissen, daß das Haus der Kunst endlich ein vielleicht doch noch würdiges Spätkapitel seiner Geschichte beginnen kann. Ein Abriß, wie von Münchner Architekten vorgeschlagen, verbietet sich nicht nur aus denkmalpflegerischen Gründen. In der Ruhmeshalle hinter ihrer dorischen Säulenfront ist zu viel erinnerungswürdige Geschichte kondensiert, um sie per Verwaltungsakt einfach löschen zu können. Noch immer legt sie ihr eindringliches Zeugnis ab von der zwingenden Korruption der Kunst, die sich mißbrauchen ließ zur Ästhetisierung faschistischer Politik und sich fortan mißbrauchen läßt zur Repräsentation des bürgerlichen Staates. Kunsthalle würde das Haus der Kunst erst, wenn es sich erfolgreich frei gemacht hat von den Begehrlichkeiten der Künstlerlobbys und den Begehrlichkeiten eines Kultusministeriums, das davon träumt, auf dem Weltmarkt der Großausstellungen bald selber als Kunstunternehmer mitbieten zu können. Ein Haus der Kunst ohne Kunst werde es nicht geben, verspricht der Ministerialdirigent mit fester Stimme: "Gewisse Verbesserungen aber sollte man nicht ausschließen." Nicht ausschließen sollte man in jedem Fall die ministeriale Entschlossenheit bei der Entsorgung des grau gewordenen Kunsttempels. Schon ist Heinrich Armborsts Aufzählfinger auf dem gegnerischen kleinen gelandet, der sich weit über den Handrand hinauskrümmt.