Von Helmut Schmidt

Es gibt Hunderttausende von Sozialdemokraten, die Herbert Wehner dankbar sind. Es gibt Millionen Deutscher, die 1983 seinen unvermeidlichen Abschied von der Politik mit großem Bedauern respektiert haben und die heute mit Wehmut seiner gedenken. Ich aber habe diesen Mann geliebt – trotz seiner scharfen und schartigen Kanten, trotz seiner gelegentlichen inakzeptablen, unkontrollierten Temperamentsausbrüche und bisweilen beleidigenden Eruptionen. Denn er war ein großer Mann, ein instinktsicherer Patriot, unfehlbar ein Anwalt der Mühseligen und Beladenen, ein Demokrat aus der Konsequenz bitterster Erfahrungen in der ersten Hälfte seines Lebens. Ein Sozialdemokrat par excellence.

Mit 21 Jahren ist er 1927 in Sachsen der KPD beigetreten; dann hat er bis zu seiner Emigration 1935 in Deutschland, danach in vielen europäischen Staaten für die Kommunisten gearbeitet. Später war er verwickelt in die inneren Intrigen der deutschen kommunistischen Emigranten in Moskau. Während des Krieges hat er sich 1942 im schwedischen Gefängnis vom Kommunismus abgelöst – zunächst vielleicht, weil ihn seine äußere Lebenssituation dazu gezwungen hat; dann aber, weil er Demokratie erlebt und gelernt hat. Mindestens zwei Jahrzehnte lang hat er bitter darunter gelitten, daß er fahrlässig wie auch absichtlich als getarnter Kommunist verdächtigt worden ist.

Im Jahre 1946 habe ich Herbert Wehner in Hamburg kennengelernt. Er war damals Kurt Schumacher persönlich eng verbunden. Schumacher hat auch mich fasziniert, wenngleich sein nationales Pathos mich abgestoßen hat; Wehner hingegen, damals Redakteur der SPD-eigenen Zeitung Hamburger Echo, schien sich am Nationalismus des Parteivorsitzenden der SPD nicht zu stoßen. Beide waren glühende Patrioten, aber zugleich doch Internationalisten gemäß der generationenlangen Tradition der Sozialdemokratie. Schumacher hatte schon früher als Wehner erkannt, daß der traditionelle sozialistische Internationalismus von Stalin in raffinierter und zugleich brutaler Weise für seinen eigenen sowjetischen Imperialismus ausgenutzt wurde; Schumachers Wort, nach dem die Kommunisten doch nur "rot-lackierte Faschisten" seien, habe ich heute noch im Ohr.

Wehner hat den schwer kriegsversehrten Kurt Schumacher bedingungslos verteidigt, auch dessen Ablehnung des Beitritts der Bundesrepublik zur europäischen Integration – wegen der damit verbundenen Besiegelung der Teilung Deutschlands. Aber acht Jahre nach dem Tode Schumachers, am 30. Juni 1960, hat Herbert Wehner – auch unter dem Einfluß seines Freundes Jean Monnet – die inzwischen vollzogenen Tatsachen anerkannt und die Sozialdemokratie auf den Boden dieser Tatsachen gestellt. Bedeutende Männer hatten diese Entscheidung vorbereitet – Ernst Reuter, Carlo Schmid, Fritz Erler –, aber Wehner hat sie vollzogen, aus einem ungewöhnlich sicheren Instinkt für das politisch Notwendige und für den richtigen Augenblick.

Es war der politische Instinkt, der ihn anfangs der sechziger Jahre die große Koalition vorbereiten ließ, die fünf Jahre später ins Werk gesetzt wurde; der ihn die strafrechtliche Verjährung der Nazimorde verhindern ließ, der ihn immer wieder mit Vehemenz eingreifen ließ, wenn es um die Interessen der Arbeitnehmer ging, um ihre soziale Sicherung oder ihre Mitbestimmung. Wehners Bindung an die Sache der Arbeiter war elementar. Heute berufen sich bisweilen Akademiker auf die Arbeiterbewegung, für sie ein wichtiges, lehrreiches Phänomen aus der gelesenen, studierten Geschichte. Für Wehner war die Arbeiterbewegung ein Teil seines eigenen Lebens.

Die Rolle der Arbeiterschaft hat sich im Laufe von Herbert Wehners Leben gewandelt. Ihre soziale Situation, ihr Lebensstandard, die Aufstiegschancen für ihre Kinder, all dies hat sich entscheidend verbessert – ganz wesentlich auch dank der Sozialdemokratie und dank ihres parlamentarischen Vormannes Wehner. Neben die Arbeiterschaft sind sehr große, in sich recht verschiedenartige Gruppen von Angestellten getreten, auch von Beamten. Die Arbeiterschaft selbst hat sich differenziert. Aber immer noch gilt: Ein Staat ohne die gestaltende Mitwirkung der Arbeiterschaft ist auf die Dauer kaum möglich – und jedenfalls wäre er unerträglich. Wehner hat dies gewußt. Und die Arbeiter haben das immer gespürt, ob an der Ruhr oder in seinem Wahlkreis Harburg-Wilhelmsburg: Nirgendwo haben Sozialdemokraten stärker an diesem Mann gehangen, als in der Arbeiterschaft.